„Zwei vom FC Bayern meldeten sich“: 1860-Pechvogel überrascht mit Enthüllung
VonAdrian Kühnel
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Der Bundesliga-Abstieg des TSV 1860 München 2004 bleibt mit dem Namen Francis Kioyo verbunden. In „Rise & Fall“ meldet sich der Ex-Stürmer zu Wort.
München – Die BR-Dokumentation „Rise & Fall of TSV 1860“ thematisiert eine der verrücktesten Vereinsgeschichten im deutschen Fußball. Nach dem Durchmarsch von der Bayernliga in die Bundesliga schien der Löwe nur noch einen Weg zu kennen: nach oben. Der Höhepunkt: zwei Derbysiege gegen den FC Bayern in der Saison 1999/2000 und die Champions-League-Qualifikation.
Nach dem Königsklassen-Knockout gegen Leeds United ging es für die Sechzger jedoch peu à peu bergab. 2004 stieg der Traditionsklub aus München-Giesing aus der Bundesliga ab. Das unter anderem auch deshalb, da Francis Kioyo am vorletzten Spieltag gegen Hertha BSC in der 89. Minute beim Stand von 1:1 einen Foulelfmeter verschossen hatte.
„Rise & Fall of TSV 1860“
Die BR-Dokumentation „Rise & Fall of TSV 1860“ thematisiert den Aufstieg und Fall des Traditionsklubs aus München-Giesing. Die Dokumentation über die Löwen läuft ab 25. Oktober in der ARD-Mediathek und am 2. November ab 23.05 Uhr im BR-Fernsehen.
1860-Pechvogel Kioyo bekam Nachrichten von Beckenbauer und Hoeneß
In „Rise & Fall of TSV 1860“ erinnert sich Kioyo zurück an jenen Fehlschuss, der ihn bis heute bei den Fans mit dem Abstieg in Verbindung bringt. „Am Abend war ich ganz allein, da hat sich niemand gemeldet, kein Mitspieler – niemand“, blickt Kioyo auf die schweren Stunden des 15. Mai 2004 zurück. Ihm ging die Elfmetersituation immer und immer wieder durch den Kopf.
Er saß bei sich daheim auf einer roten Couch. „Ich frage mich, wie ich eine rote Couch haben konnte“, so Kioyo rückblickend. Plötzlich klingelte sein Telefon. „Dann haben sich zwei vom FC Bayern gemeldet: Der verstorbene Franz Beckenbauer, der mir per SMS schrieb: ‚Du hast zumindest Mut gezeigt, das passiert jedem – Kopf hoch, Junge!‘ Das hat mich bis heute mitgenommen und motiviert.“
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Und die zweite Bayern-Legende, die sich meldete? „Ich weiß nicht, ob ich das sagen darf“, entgegnet Kioyo mit einem verlegenen Lächeln und ergänzt: „Das war Uli Hoeneß.“ Der damalige Sportvorstand des FC Bayern kommt in der Dokumentation selbst zu Wort und berichtet: „Franz und ich waren selber Spieler und ich habe selber auch schon Elfmeter verschossen, wie jeder weiß.“
Hoeneß vergab im EM-Finale 1976 gegen die Tschechoslowakei im Alter von 24 Jahren, indem er den Ball in den Nachthimmel von Belgrad jagte. „Ich habe mich damals auch gefreut, als mir Franz Josef Strauß und Helmut Kohl Briefe geschrieben und mich aufgemuntert haben“, sagt Hoeneß. „Das gehört sich auch, dass man demjenigen sagt, wie leid es einem tut – denn das ist ja fast ein Schicksal.“
Kioyo war seinerzeit 23 Jahre alt und ohne Familie in Deutschland. „Man fühlt sich einfach wie im Loch. Mich haben sie zerstört. Was ich mir alles anhören und was ich alles lesen musste … es waren rassistischen Anfeindungen und Morddrohungen. Es war alles, das man sich vorstellen kann, was man einem Menschen nicht sagen muss – vor allem wegen seiner Hautfarbe“, so Kioyo.
Thomas Miller, von 1989 bis 1997 Profi bei den Löwen, befindet: „Dass man den Kioyo zum Sündenbock macht, finde ich nicht richtig. Das ist vorher schon verbockt worden.“ Benny Lauth, damals Kioyos Teamkollege, meint: „Es ist unfair zu sagen, es liegt alles nur an diesem Elfmeter.“ Letztlich bleibt Fußball ein Mannschaftssport, über 34 Spieltage waren die Sechzger schlichtweg zu schwach, um den Bundesliga-Abstieg abzuwenden.