Luka Jović löste 180-Grad-Wende bei Eintracht Frankfurt aus
VonChristopher Michel
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Mit Luka Jović begann bei Eintracht Frankfurt ein neues Zeitalter. Es folgte eine Richtungsentscheidung mit weitreichenden Konsequenzen.
Frankfurt – Die Millionen, die Eintracht Frankfurt im Sommer 1988 für Pokalheld Lajos Detari bekam? Auch bis heute weiß um den Stadtwald herum niemand, wo sie vergraben wurden. Es ist ein Mythos, ein „Running Gag“. Der Ungar führte die Liste der teuersten Verkäufe der Historie der Hessen von beinahe 30 (!) Jahre an, er brachte dem Klub umgerechnet rund 8,7 Millionen Euro ein.
Was sich heutzutage nach „Peanuts“ anhört, war damals eine Wucht: Frühere Weltklassespieler wie Lothar Matthäus oder Jürgen Klinsmann ließ sich der aufnehmende Klub Inter Mailand 3,6 Millionen Euro und 6,5 Millionen Euro kosten.
Detari war für einige Zeit so etwas wie der Neymar der Neuzeit. Trotz aller rasanten Entwicklungen im Fußball-Business dauerte es etwas, bis die in den 90er Jahren finanziell traditionell gebeutelten und sportlich wankelmütigen Frankfurter wieder einen Millionenverkauf landeten und erstmals an der Zehn-Millionen-Euro-Marke kratzten.
Jović führte Eintracht in eine neue Ära
2015 erst folgte Torhüter Kevin Trapp für 9,5 Millionen Euro zu Paris-Saint Germain. Die ganz großen Sprünge gab es aber weiterhin nicht bei den Hessen. Während an anderen Bundesliga-Standorten mächtig investiert wurde, hatte der damalige Vorstandsboss Heribert Bruchhagen die eiserne Regel implementiert, nicht mehr auszugeben als man einnimmt.
Diese Strategie sicherte seit 2005, mit Ausnahme von der Saison 2011/12, regelmäßig die Bundesliga und ließ den Klub vereinzelte Highlights (Pokalfinale 2006 oder die Reise nach Bordeaux 2013) erleben. Nachhaltige Fortschritte waren aber nicht zu erkennen. Die Eintracht war insgesamt graues Mittelmaß, vieles blieb Stückwerk.
Wenn man sicher zwischen Rang neun und zwölf landete, gab es keinen Aufschrei mehr im Umfeld. Die Alarmglocken schrillten erst, als im Sommer 2016 in letzter Sekunde via Relegation die Klasse gehalten wurde. Das war dann doch für die Ansprüche etwas zu wenig und führte zum wohl wichtigsten Umbruch der 126-jährigen Vereinsgeschichte.
Mit Nachfolger Fredi Bobic änderte sich die Vorgehensweise, die Eintracht wurde mutiger auf dem Transfermarkt und vollzog drei Jahre nach dessen Installation endgültig eine 180-Grad-Wende. Am 4. Juni 2019 war ein historischer Tag für die Hessen. Bobic verkündete den Abgang von Luka Jović zu Real Madrid. Im Gesamtpaket war der Deal 63 Millionen Euro schwer für die Königlichen, wobei noch Ex-Klub Benfica Lissabon einen ordentlichen Teil abbekam.
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Bobic stellte dennoch fest: „Für uns war klar, dass es eine finanzielle Schmerzgrenze gibt. Für Eintracht Frankfurt ist das ein guter und wichtiger Transfer.“ Die Büffelherde der Hessen hatte sich durch spektakuläre Leistungen in allen Wettbewerben schneller als der Klub selbst entwickelt. Wenige Wochen später folgte der Verkauf von Sébastien Haller für über 50 Millionen Euro in Richtung West Ham United, Ante Rebic wurde mit André Silva von der AC Mailand getauscht.
Unter Eintracht-Sportvorstand Bobic gab es einen Paradigmenwechsel
Die Verantwortlichen des Klubs sprechen nach Informationen von fussball.news, dem Fußballportal von IPPEN.MEDIA, rückblickend von einem „Paradigmenwechsel“. Vorstand und Aufsichtsrat, zu diesem Zeitpunkt noch angeführt von Wolfgang Steubing, nahmen einen Beschluss vor und änderten die Strategie. Die Werte sollten auf dem Platz wachsen! Die Frankfurter, die bis 2017 den von Haller (Sockelbetrag lag bei knapp sieben Millionen Euro) abgelösten Brasilianer Caio (3,6 Millionen Euro) als teuersten Einkauf der Vereinsgeschichte führten, erreichten dadurch ein neues Level.
Die starke Arbeit von Bobic, Sportdirektor Bruno Hübner und Chefscout Ben Manga hatte Früchte getragen. Der steile Weg nach oben wurde durch die Coronapandemie kurzzeitig zwar jäh ausgebremst. Und doch hatte man Statements auf dem Transfermarkt gesetzt und konnte auch durch dieses Geld finanzielle Löcher stopfen.
Als Bobic seinen Abgang im Frühjahr 2021 ankündigte, musste Steubing-Nachfolger Philip Holzer einen neuen Mann installieren. Die Wahl fiel auf Markus Krösche, der den Job als Sportdirektor von RB Leipzig gegen den als Sportvorstand bei der Eintracht eintauschte.
Eintracht das „beste Sprungbrett in Europa“
Mit einem im Gegensatz zu Bobic anderen, vor allem datengetriebenen Scouting-Ansatz beschleunigte er die eingeführten Prozesse weiter. DAZN-Experte Sebastian Kneißl stellte im exklusiven Interview mit fussball.news zuletzt fest: „Die Eintracht ist für mich aktuell das beste Sprungbrett in Europa – und das meine ich als positive Marke.“ Diese Ansicht bestätigte Krösche im aktuellen DFL-Magazin: „Talente sehen unseren Klub als einen super Karriereschritt.“
Beispiele gefällig? Randal Kolo Muani, Omar Marmoush, Willian Pacho und Jesper Lindström brachten dem Klub – ohne Abzug der Steuern, Beratergebühren, Weiterverkaufsbeteiligungen – rund 250 Millionen Euro ein. Die Talente, die der Klub holt, werden immer teurer, die Konkurrenz im Rennen um die Hochbegabten heißt inzwischen Bayern München, RB Leipzig, Manchester United oder FC Barcelona. Für Neuzugänge werden inzwischen auch 20 Millionen Euro in die Hand genommen.
Das freilich gefällt nicht jedem Beobachter und Fan der Eintracht. Die Kritik, der Klub habe sich zum „Durchlauferhitzer“ entwickelt, fällt häufig. Ein Teil der Anhängerschaft beklagt die fehlende Identifikation mit dem Verein, es könne kaum noch Bindung zu den Profis aufgebaut werden. Die Verantwortlichen aber haben sich ganz bewusst und geschlossen für ihren Weg entschieden.
Krösche-Verpflichtung war eine bewusste Eintracht-Entscheidung
Auch das zeigt eine der Stärken des Klubs. Es war nicht Krösche, der seine Idee mitgebracht und der Eintracht aus dem Nichts übergestülpt hatte. Vielmehr haben die Frankfurter einen Mann für die Kommandobrücke gesucht, um noch dynamischer und schneller als die Konkurrenz zu agieren.
Die Säule Transfererlöse ist inzwischen die entscheidende im Gebilde des Vereins. Im Zusammenspiel mit den TV-Geld-Erlösen und den Einnahmen aus den internationalen Wettbewerben will Frankfurt die Kluft zu den Teams aus Dortmund oder Leipzig weiter verkleinern.
Um Risiken in weniger erfolgreicheren Jahren abzufedern, wird die Kapitalmaßnahme vorgenommen. Sie soll optimalerweise im ersten Halbjahr 2025 durchgeführt werden und im ersten Schritt über 20 Millionen Euro in die Kasse spülen. Ein höheres Eigenkapital sorgt in den Momenten, wenn die Werte auf dem Rasen nicht wie erhofft steigen, für eine gewisse Sicherheit. Doch aktuell sieht es so aus, dass mit Hugo Ekitiké, Hugo Larsson oder Nnamdi Collins die „Erben Jović“ unterwegs sind.