VonJan Christian Müllerschließen
Der umjubelte Retter von Mainz 05 sieht sich inzwischen mit einigen Zweifeln konfrontiert
Es herrscht gerade eine gewisse Reizstimmung rund um den FSV Mainz 05 und seinen Trainer Bo Henriksen herum. Die bedrückende 0:2-Heimniederlage gegen den 1. FC Heidenheim zog eine Analyse des als Fachmann anerkannten Kolumnisten Reinhard Rehberg in der regional bedeutenden „Allgemeinen Zeitung“ nach sich, die sich auf 90 Grad plus Schleudergang gewaschen hat. „Atmosphärisch, physisch, taktisch, spielerisch, es stimmt die gesamte Richtung nicht“, glaubt Rehberg und kommt zu dem Ergebnis: „Bo Henriksen ist für Sondereinsätze ein großartiger und begeisternder Macher – aber für den Mainz-Alltag ist er aktuell nicht der zielsichere Entwickler.“ Das Fachblatt „Kicker“ griff den Artikel auf und titelte: „Dem Wunder folgen die Zweifel“.
Henriksen, der nach dem zusammenhanglosen Heidenheim-Spiel auf Fragen wortkarg, lakonisch und ohne inhaltliche Tiefe geantwortet hatte („Das ist Fußball“, „I don’t know“, „Klar, das liegt an mir“) hat im Schnitt seit seiner Amtsübernahme vor acht Monaten noch immer die beste Punktausbeute aller bisherigen Mainzer Bundesligatrainer vorzuweisen. Vor Größen wie Klopp, Tuchel, Schmidt, Svensson und Hjulmand.
Nachdem der 49-Jährige die Rheinhessen mit seiner Emotionalität und seinem Optimismus vergangene Saison aus fast auswegloser Situation in sichere Gefilde gecoacht hatte, lagen die Leute ihm im Mai zu Füßen. Im Oktober erwähnt der „Kicker“ nüchtern, dass Henriksen in Midtylland und beim FC Zürich stark losgelegt habe wie die Feuerwehr und dann doch schnell wieder weg war.
Was passiert nun im ehemaligen Fußball-Biotop Mainz?
Vor der zum Bundesliga-Topspiel am Samstagabend hochgejazzten Partie beim FC St. Pauli (18.30 Uhr/Sky) haben die Rheinhessen fünf Punkte aus fünf Bundesligaspielen vorzuweisen. Mittelfeld, da, wo Mainz 05 hingehört. Wahr ist aber auch: Vier der fünf Zähler wurden mit mehr Glück als Verstand in Augsburg und Stuttgart geholt.
Wahr ist zudem: Die im Sommer transferierten Sepp van den Berg, Leandro Barreiro und Brajan Gruda konnten bislang nicht ersetzt werden. Der Japaner Kaishu Sano und der Südkoreaner Hyun-seok Hong wurden von Henriksen umgehend in die Startelf beordert, fremdeln aber erkennbar. Eigengewächs Paul Nebel, zwei Jahre lang zum Karlsruher SC ausgeliehen und dort zum Top-Zweitligaspieler gereift, sitzt ebenso meist nur auf der Bank wie der junge Stürmer Nelson Weiper. Henriksen sagt dazu: „Das Wichtigste im Fußball und im Leben ist es, Leistung zu zeigen. Wenn sie im Training besser sind, dann spielen sie.“ Er verweist auf das Beispiel Gruda, der unter ihm zum Topspieler reifte, ehe er teuer nach Brighton verkauft wurde.
Nur keine Angst haben
Der Ansatz des Motivators bleibt derselbe, mit dem er mit teilweise begeisterndem Fußball die Klasse hielt: „Es ist alles mental. Das habe ich am Anfang ja auch gesagt, als ich hierher kam: Wir werden attackieren, wir haben keine Angst.“ Und er führt aus: „Es ist wichtig, dass du nicht zu viel denkst. Wenn du das machst, bekommst du Probleme. Das ist in der Liebe so, im Fußball, im Journalismus, überall im Leben.“ Plastisches Beispiel: „Wenn du Angst hast und zu sehr an die Konsequenzen denkst, ist das nicht gut. Wenn du eine Frau ansprichst und Angst vor einer Abfuhr hast“ sei das wenig dienlich.
Es sei nun also sein vordringlicher Job, dafür zu sorgen, „dass die Spieler frei im Kopf sind“. Denn: „Wenn Menschen sich gut fühlen, können sie alles im Leben schaffen.“ Fragt sich nur, wie gut sich Bo Henriksen selbst tief im Inneren gerade fühlt.
