VonIngo Durstewitzschließen
Der Frankfurter Fußball-Bundesligist sucht intensiv nach Verstärkungen, weil im Januar wichtige Spieler wegen des Africa-Cups ausfallen.
Vor dem unbedeutenden, ja sogar völlig bedeutungslosen Auswärtsspiel auf der Insel beim FC Aberdeen hat Eintracht-Sportvorstand Markus Krösche seine sportiven Angestellten noch einmal höflichst darum gebeten, womöglich ein bisschen mehr Verlässlichkeit ins eigene Tun zu bekommen. Die Ausschläge in beide Richtungen, mal grottenschlecht (Saarbrücken), dann spektakulär (Bayern), sind dem 43-Jährigen logischerweise ein Dorn im Auge. Weil er halt nie weiß, woran er gerade ist und welches Gesicht das Team zeigt, was die Chancen auf eine seriöse Planung erschwert. Unbeständigkeit verkleinert die Möglichkeiten, dauerhaft erfolgreich zu sein, und sie vergrößert die Gefahr, Saisonziele zu verfehlen. Beides ist einem ambitionierten Projekt abträglich.
Markus Krösche fordert daher eine Stabilisierung der Leistung auf höherem Niveau ein. „Schwankungen gehören zu einer Entwicklung zwar dazu, aber wir müssen jetzt schon schauen, dass wir Konstanz reinbekommen.“ Vielleicht gilt das nicht unbedingt für das Conference-League-Duell am Donnerstag (18.45 Uhr/RTL+) gegen den FC Aberdeen, denn in Schottland wird Trainer Dino Toppmöller ganz sicher nicht seine Stammformation ins Rennen schicken. Da werden Spieler zum Einsatz kommen, die hinten dran sind, Akteure wie Paxten Aaronson, Jens Petter Hauge oder auch Hrvoje Smolcic, vielleicht auch Nachwuchskräfte wie Nacho Ferri oder Elias Baum. „Das Spiel wird ein bisschen für die Galerie, andere Spieler können sich dann zeigen“, sagt Toppmöller. „Aber wir schenken das Spiel nicht ab.“
Trotzdem liegt der Fokus klar auf den verbleibenden Bundesligaspielen am Sonntag (17.30 Uhr) in Leverkusen und am Mittwoch zu Hause gegen Borussia Mönchengladbach. Danach will die Eintracht in Schlagdistanz zu den internationalen Plätzen liegen, um nach der Winterpause angreifen zu können.
Das wird aber gar nicht so einfach, denn gleich zu Beginn des neuen Jahres müssen die Frankfurter auf wichtige Leistungsträger verzichten, darunter zwei unverzichtbare Offensivspieler: Omar Marmoush (Ägypten) und Fares Chaibi (Algerien). Zudem wird auch der zurzeit verletzte Mittelfeldmotor Ellyes Skhiri mit Tunesien in der Elfenbeinküste weilen. Dort wird Anfang 2024 (13. Januar bis 11. Februar) der Afrika-Cup ausgetragen. In einem – analog zu den übrigen Fifa- und Uefa-Wettbewerben – mit 24 Teams total aufgeblähten Turnier. „Da kommt gefühlt jede Mannschaft weiter, die kannst du alle durchwinken ins Achtelfinale“, befindet Toppmöller leicht angesäuert.
Ihm gefällt es ganz und gar nicht, dass er auf drei Stammkräfte verzichten muss, zudem haben Ägypten, Tunesien und Algerien die Chance, weit zu kommen, entsprechend lange würden die Spieler der Eintracht nach der Winterpause fehlen. Im schlechtesten Fall für ganze fünf Spiele. Klar ist daher, dass die Hessen im Winter auf dem Transfermarkt zuschlagen werden – auch, aber nicht nur wegen des Afrika-Cups. Verstärkungen soll es in allen Mannschaftsteilen geben. „Wer hohe Ziele hat, muss dementsprechend agieren“, betont der Coach.
Wer Markus Krösche, den Manager, kennengelernt hat, der weiß, dass er darum bemüht sein wird, die Neuzugänge schon möglichst früh in Frankfurt einzubinden. Gerade weil die Vorbereitung kurz ist, bereits am 13. Januar gastiert die Eintracht in Leipzig, am 2. Januar bittet Dino Toppmöller wieder auf den Übungsplatz. Auf ein Trainingslager verzichtet der Klub wegen der Kürze der Zeit.
Mit bis zu vier Neuzugängen planen die Verantwortlichen, mit einem oder zwei Stürmern, einem Mittelfeldspieler sowie einem Verteidiger. Die Namen, die seit Wochen und Monaten kursieren, reichen alleine für eine komplette neue Mannschaft. Sportchef Krösche ist dieses Name-Dropping, das in Zeiten der Sozialen Medien nie gekannte Dimensionen und Abgründe erreicht, gar nicht mal so Unrecht. Denn jeder Verein weiß, wie viel die Eintracht im Sommer für Jesper Lindström (35 Millionen Euro, SSC Neapel) und vor allem Randal Kolo Muani (95 Millionen, Paris Saint Germain) eingenommen hat. Um entsprechende Mondpreise zu umgehen, kann es aus Sicht der Eintracht nicht schaden, mehrere Feuer im Eisen zu haben, sodass der abgebende Klub nicht sicher sein kann, dass die Eintracht wirklich nur diesen einen Spieler verpflichten will – und daher keine utopischen Ablösesummen verlangen kann.
Bei Krösche ist Verhandlungsgeschick gefragt, das Metier beherrscht er, das hat er schon bewiesen. Und zum Geschäft gehört auch, Deals aufgrund der wirtschaftlichen Vernunft (Krösche: „Wir werden niemals Harakiri machen“) einfach mal sausen zu lassen. Oder auf den Sommer zu verschieben. Wie bei Zeno Debast vom RSC Anderlecht.
Um den Verteidiger bemühen sich die Frankfurter schon länger, ob sie ihn freilich schon im Winter bekommen, ist fraglich. Die Belgier verlangen noch immer weit über zehn Millionen Euro, die die Hessen nicht bereit sind zu zahlen. Sie bieten klar unter der zweistelligen Millionengrenze. Verhandlungen mit belgischen Klubs, hört man oft, seien in der Regel schwierig, weil sie ihre Spieler in einer physisch starken und durchaus anspruchsvollen Liga ausbilden und daher auf ihren Preis kommen wollen. Daher hat die Eintracht, wie man hört, auch auf weitergehende Gespräche über einen Wechsel von Angreifer Gift Orban (KAA Gent) verzichtet.
Dafür ist der 26 Jahre alte Brasilianer Nino von Fluminense Rio de Janeiro in den Fokus gerückt. Der Innenverteidiger, 1,88 Meter groß und Kapitän seines Teams, wäre ablösefrei zu haben. Zudem soll auch Nationalspieler Thilo Kehrer, Bankwärmer bei West Ham United, für ein Leihgeschäft infrage kommen.
Im Mittelfeld sind die Frankfurter nach jüngsten Berichten des stets gut informierten Transferexperten Fabrizio Romano heiß auf Mittelfeldspieler Donny van de Beek, 26, vom englischen Traditionsklub Manchester United. Der Niederländer, 40 Millionen schwer, Ajax-Eigengewächs, bei derselben Berateragentur wie Hugo Larsson unter Vertrag, könnte im Winter per Leihe kommen. Bei United ist er außen vor. Die Eintracht scheint gut im Rennen zu liegen, obwohl auch der spanische Überraschungsspitzenreiter FC Girona angefragt hat. Auch Pascal Groß von Brighton & Hove Albion ist nach wie vor in der Verlosung.
Als sicher gilt, dass Stürmer Rafiu Durosinmi (Viktoria Pilsen) im Winter kommen wird. Und Außenverteidiger Nathaniel Brown aus Nürnberg zur neuen Saison. Der Linksverteidiger, 20, gilt als großes Talent und soll langfristig gebunden werden.
