VonHanna Raifschließen
Beim Comeback des Torhüters des FC Bayern liegt eine besondere Magie in der Luft. Joshua Kimmich sieht beim 8:0 gegen Darmstadt schon nach vier Minuten die Rote Karte.
Die Bilanz liest sich wie ein ganz normaler Arbeitstag. 32 Ballkontakte, vier abgewehrte Schüsse und null Gegentore wies die Statistik am Samstag für Manuel Neuer aus. Aber Zahlen konnte weder die Kuriosität dieses 8:0 des FC Bayern gegen Darmstadt noch die Emotionalität abbilden, die 75 000 Fans in der Fröttmanninger Arena hatten spüren dürfen. Es wehte am Comeback-Tag schon eine besondere Magie durch die Luft, das konnten selbst jene Fans nicht von der Hand weisen, die der Rückkehr nach 323 Tagen kritisch gegenüberstanden. Sie wurden an diesem Nachmittag nicht eines Besseren belehrt, dafür war zu wenig los vor Neuers Kasten. Aber sie durften sich durchaus ein Bild davon malen, was passieren kann, sollte der 37-Jährige tatsächlich zurück zu alter Stärke finden.
Ob Sven Ulreich diesen einen Schuss von Marvin Mehlem genauso stark pariert hätte wie Neuer, ist reine Spekulation. Aber es tut für die Bewertung dieses ersten Auftritts von Bayerns Nummer eins auch nichts zur Sache. Denn was man in dieser Szene sah, war neben dem Können die Aura, die diesen Schlussmann umgibt, der lange als bester der Welt galt. Neuer war nicht nur dabei, sondern mittendrin, auch in jenen Momenten, in denen er als verlängerter Arm von Thomas Tuchel oder gar Streitschlichter auftrat. Dass allein seine Präsenz dem Team guttut, durfte man daher mehrfach sehen. Und durchaus schlussfolgern, dass dieser Tag, der sowieso schon historisch war, zu einem werden kann, an dem man sich im Laufe der Saison noch zurück erinnern wird.
Mit Blick auf den Bayern-Kader wird ja gerne von „Typen“ geredet, und es ist auch kein Geheimnis, dass Lautsprecher, Vorbilder, Vorweggeher in der verkorksten und folgenreichen Vorsaison in den Augen der Oberen fehlten. Nun mit Neuer ganz hinten und Harry Kane, der einen Hattrick erzielte und ein Tor aus der eigenen Hälfte, ganz vorne zwei Säulen in den eigenen Reihen zu haben, die in der Kabine wie auf dem Platz mitreißend wirken können, ist da ein entscheidender Vorteil. In Kanes Schatten haben sich Leroy Sané in Topform und auch der Rest der Offensivreihe prächtig entwickelt; Neuer kann und muss nun dabei helfen, aus seinen noch nicht immer sattelfest wirkenden Vordermännern ein funktionierendes Bollwerk zu formen. Dabei darf sich auch Joshua Kimmich angesprochen fühlen.
Der 28-jährige Nationalspieler wird wohl zwei Spiele nach seiner Notbremse am Darmstädter Mehlem in der vierten Minute fehlen. In Dortmund und gegen Heidenheim muss es ohne den Mittelfeld-Regisseur gehen. „Das ist extrem unglücklich“, sagte Trainer Thomas Tuchel und sprach aus, was alle dachten. Er bezeichnete Kimmich als „Fixspieler“, als „Schlüsselspieler in der Mitte des Feldes, der brennt, um in diesen Spielen den Unterschied zu machen“. Und er wusste mit Blick auf seinen Kader freilich auch eine Woche vor dem Topspiel beim BVB, dass adäquater Ersatz Mangelware ist. Ob Leon Goretzka, nach seinem Mittelhandbruch gestern erstmals im Lauftraining, fit wird, muss sich zeigen. Ansonsten ist auf der Sechs aktuell lediglich Konrad Laimer verfügbar. Am Samstag zwar mit passabler Leistung, aber auch bereit für Dortmund?
Kimmich selbst ärgerte all das natürlich am meisten. Es ist bitter, ausgerechnet das wichtigste Spiel vor der Winterpause zu verpassen. Er sprach von „Eigenverschulden“, und auch wenn er sich nach dem unnötigen Ballverlust und einem Zupfer nicht „verantwortlich“ für Mehlems Fallen sah, suchte er keine Ausreden. Die Rote Karte war „sehr dumm“ und sie war berechtigt. Vier Tage nach dem verschuldeten Elfmeter in Istanbul sah Kimmich wieder nicht gut aus.
Vielleicht gelingt es auch dem Nationalspieler mit Manuel Neuer im Rücken, wieder in die Spur zu finden.
