VonIngo Durstewitzschließen
Die Frankfurter Eintracht muss in Zukunft ohne ihren besten Spieler Omar Marmoush auskommen. Der wird gebührend verabschiedet, wird aber nicht zu ersetzen sein
Dino Toppmöller spürte sehr schnell, dass da etwas ganz Spezielles passiert auf dem Rasen des Waldstadions, etwas, das er niemals mehr vergessen, das er bis zum Ende seiner Tage in seinem Kopf und Herzen tragen werde. „Diese Bilder sprechen Bände“, sagte der Eintracht-Trainer sichtlich ergriffen und meinte die höchst emotionalen Szenen rund um Omar Marmoush, der trotz seines Abgangs zu Manchester City von den Mitspielern und den Fans nach dem 2:0-Erfolg gegen Borussia Dortmund am Freitagabend vor der Nordwestkurve frenetisch gefeiert wurde.
Marmoush selbst, höchst gerührt, verdrückte so manche Träne, klopfte sich immer wieder auf sein Herz und verneigte sich. „Gänsehautmomente“, befand Dino Toppmöller. „Wir werden ihn als Spieler vermissen, aber noch mehr als Mensch.“
Es gibt nicht einen im Zirkel von Eintracht Frankfurt, der dem ägyptischen Nationalspieler den nächsten Schritt auf der Karriereleiter nicht gönnen würde. Die Mitspieler ließen ihn hochleben und schickten ihn mit salbungsvollen Worten auf die Reise. „Wir wissen, was wir an Omar hatten. Überragender Charakter, überragender Spieler“, flötete der erfahrene Mario Götze. Der junge Kollege Oscar Hojlund befand: „Er ist ein unglaublich toller Mensch, er hat den besten Abschied verdient, den es geben kann. Er verdient alles und noch mehr.“
Offenkundig geht da einer, der nicht nur respektiert und geschätzt, sondern fast schon geliebt wurde. Omar Marmoush, gar keine Frage, geht durchs große Tor. Wie einst Filip Kostic. Allerdings: Dem serbischen Publikumsliebling blieb der große Bahnhof verwehrt. Bei Marmoush indes lief alles perfekt zusammen: Abschied am Tag des Spiels, Heimpartie am Abend, 2:0-Sieg gegen den Champions-League-Finalisten Borussia Dortmund – und ab dafür. Eine Inszenierung wie im Drehbuch.
Marmoush, dem der Weggang ungeheuer schwer fällt, verlässt Eintracht Frankfurt nach nur eineinhalb, aber dafür sehr prägenden Jahren. Schon in der vergangenen Saison sprang er in die Bresche, als Randal Kolo Muani auf den letzten Drücker verkauft wurde, war in der Bundesliga an 18 Treffern beteiligt (zwölf Tore).
Wo soll Omar Marmoush spielen?
Damals hatte ihn, ablösefrei aus Wolfsburg gekommen, niemand auf der Rechnung, als Ergänzungsspieler wurde er eingestuft. Wer im Sommer 2023 orakelt hätte, dass dieser Bursche 18 Monate später von einem der weltweit größten Klubs für 80 Millionen Euro weggekauft würde, wäre kurzerhand für nicht mehr zurechnungsfähig erklärt worden.
Doch der 25-Jährige hat sich das Engagement auf der Insel beim renommierten Startrainer Pep Guardiola gerade in dieser Saison verdient, kann auf sagenhafte 34 Scorerpunkte in nur 26 Partien verweisen. Das ist außergewöhnlich. Und weckt Begehrlichkeiten, auch bei den absoluten Spitzenvereinen aus der Premier League – schon immer das Wunschziel des Ägypters.
Interessant wird sein, wie sich Marmoush bei City zurechtfindet. Einerseits ist er ein Spieler, der qualitativ hochwertig und mental stark ist, andererseits präferiert Pep Guardiola seit jeher ein System mit einer Spitze, die natürlich mit Erling Haaland besetzt ist. Und die Außenpositionen bekleiden eigentlich reine Flügelspieler, was Marmoush nicht ist. Zudem macht City fast immer das Spiel – Marmoushs größte Stärke liegt aber im Kontern. Andererseits ist er ein guter Techniker mit Lösungen auf engem Raum. Wie auch immer.
Das Problem der Eintracht ist das nicht mehr. Sie wird zusehen müssen, wie sie diese riesige Lücke zu schließen gedenkt, denn Marmoush war der Unterschiedsspieler, einfach besser als alle anderen. „Eins zu eins werden wir Omar nicht ersetzen können“, sagt Abwehrboss Robin Koch und hat damit recht. „Wir müssen es als Mannschaft regeln.“ So wie gegen Borussia Dortmund.
Der verdiente 2:0-Sieg gegen den schwer taumelnden BVB war ganz sicher ein Erfolg des Kollektivs. Beeindruckend, wie sich das Team gegen einen Gegentreffer stemmte, wie es mit größter Hingabe und taktischer Disziplin ihr Heiligstes verteidigte – und den Dortmundern bei aller Feldüberlegenheit eigentlich keine wirkliche Torchance gestattete.
Nur Spirit reicht nicht
„Ich hatte nie das Gefühl, dass etwas passieren könnte“, befand Verteidiger Koch. „Wir haben im tiefen Block gut verteidigt.“ Trainer Toppmöller war ob der willensstarken Leistung und der aufrechten Haltung hochzufrieden. „Wir wollten zeigen, dass wir eine geile Gruppe sind“, sagte er und hob erneut den „besonderen Spirit“ seines Ensembles hervor. „Das habe ich noch nie erlebt, nicht als Spieler und nicht als Trainer.“
Insgesamt reichte eine sehr wehrhafte Mannschaft zum Dreier gegen einen insgesamt enttäuschenden BVB. Aber genügt das auch in Zukunft, um den dritten Platz zu verteidigen? Schon die Partie am Freitag zeigte, dass die Hessen ohne Marmoush Schwierigkeiten bekommen könnten, ihre guten Ansätze in Tore umzumünzen. Ersatzmann Ansgar Knauff etwa ist ein nimmermüder Sprinter mit tadelloser Einstellung, der aber bei weitem nicht die technischen Fähigkeiten eines Omar Marmoush besitzt. Auch daher wird die Eintracht noch mal auf dem Transfermarkt nachlegen. Das ist nicht nur sinnvoll, sondern alternativlos.
Rubriklistenbild: © Jan Huebner

