Die verlorene Strahlkraft des FC Bayern und Max Eberl - Kommentar
VonPeter Grad
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Die Sommertransferperiode ist beendet. Nun startet die Zeit der Bewertungen, auch um einige häufig aufgetauchte Behauptungen über den FC Bayern zu betrachten.
München – Für die sportlich Verantwortlichen beim FC Bayern, allen voran Sportvorstand Max Eberl und Sportdirektor Christoph Freund, war es eine extrem anstrengende Transferperiode, in welcher sie häufig im Fokus von Negativschlagzeilen standen, vor allem der ehemalige FCB-Nachwuchsspieler Eberl. Permanent wurden sie für ihre Arbeit mit Ausdrücken wie „peinliche Schlappe“, ob bei Transfers oder Vertragsverlängerungen, „Blamage“, „überfordert“, „Problemfall“ etc. bewertet – und dies fast ausschließlich völlig ungerechtfertigt.
Mit welchen Vorgaben ist der deutsche Rekordmeister in die nun abgelaufene Transferperiode gegangen? Eberl deutete diese bereits auf Pressekonferenzen zum Ende der Saison 2024/25 an: Man sei mit dem bestehenden Meisterkader durchaus zufrieden, es sollte kein Umbruch, sondern lediglich „punktuelle Anpassungen“ erfolgen. Gleichzeitig war längst der vom mächtigen Aufsichtsrat um Uli Hoeneß vorgegebene Sparkurs bei den Spielergehältern bekannt – und das, obwohl man für den Wunschspieler des Ehrenpräsidenten, Florian Wirtz, umgerechnet auf die nächsten vier bis fünf Jahre eine Viertelmilliarde Euro locker machen wollte.
Zum Sparkurs passten durchaus die ablösefreien Verpflichtungen der beiden deutschen Nationalspieler Jonathan Tah und Tom Bischof. Für sie verließen Eric Dier (AS Monaco) und João Palhinha (Leihe zu Tottenham Hotspur) den Rekordmeister. Kicker, die grundsätzlich nicht zur Spielphilosophie von Vincent Kompany passen. Gehen mussten deswegen aber auch die Vereinsikone Thomas Müller und der 70-fache Nationalspieler Leroy Sané. Eberl selbst hätte Müller wohl zu stark gekürzten Konditionen behalten und auch mit Sané verlängert – die Vereinsvorgaben machten dies jedoch unmöglich.
Wirtz-Absage löst Turbulenzen aus
Hoeneß´ absoluter Wunschspieler Wirtz verkündete Ende Mai, dass es ihn nicht – wie allgemein erwartet – zum Rekordmeister nach München ziehen würde, sondern zum englischen Rekordmeister FC Liverpool. Die Absage kam zwar unerwartet, war aber letztendlich weit weg von einer „Blamage“. Ein junger Spieler hat einen Karriereplan und bevorzugt dafür den englischen Norden, auch weil er dort zum Weltfußballer reifen möchte. Ein Weg, den ihm in München ausgerechnet sein Kumpel Jamal Musiala hätte versperren können. Wenn man so will, dennoch eine „Transferpleite“ für den FCB – nennt man dafür aber symbolisch eine Person, wäre es vielmehr der Patron vom Tegernsee als Max Eberl.
Ein Coup und viele Flops: Max Eberls Transferbilanz spricht Bände
Nachdem auch der spanische Europameister Nico Williams nicht den Weg an die Säbener Straße gefunden hatte, konnte man bereits vermehrt lesen und hören, dass der FC Bayern offenbar seine „Strahlkraft“ im internationalen Wettbewerb verloren hätte. Dabei spielte es überhaupt keine Rolle, dass beim Rekordmeister das Kapitel Williams sehr schnell aufgrund dessen maßlosen Gehaltsforderungen geschlossen worden war, wie der FCB-Sportvorstand glaubwürdig verriet.
Der FC Bayern und die unglückliche Woltemade-Saga
Es folgten der unsägliche Poker um den deutschen Jungnationalspieler Nick Woltemade und die Verpflichtung von Luis Díaz vom FC Liverpool. Für beide stellte der FCB ganz offensichtlich ein Traumziel dar. Der Kolumbianer wurde für 70 Millionen verpflichtet, der Deal mit dem 23-jährigen Deutschen scheiterte an den überhöhten Forderungen des VfB Stuttgart.
Dass der U21-Vize-Europameister letztendlich zum Ende der Transferperiode zum neureichen Newcastle United in die Premier League gewechselt ist und nicht auf den nächsten FCB-Versuch 2026 gewartet hat, ist mehr ein Indiz für sein mittlerweile völlig zerrüttetes Verhältnis mit den VfB-Verantwortlichen als eines für die verloren gegangene Strahlkraft des FC Bayern. Die überstürzte Flucht aus dem Schwabenland deutet auch an, dass er sich nicht einmal von seinen Teamkollegen in Stuttgart verabschiedet hat, wie diese bestätigen.
Überraschender Coman-Wechsel
Die scheinbare Dringlichkeit einer Woltemade-Verpflichtung wurde übrigens hauptsächlich durch die schwere Verletzung von Musiala im Klub-WM-Viertelfinale gegen PSG verursacht. Durchaus überraschend genehmigte der Rekordmeister dann Anfang August den Wechsel des französischen Vize-Weltmeisters Kingsley Coman zum CR7-Klub al-Nassr in Saudi-Arabien.
Der 29-Jährige präsentierte sich in der Saisonvorbereitung in ausgezeichneter Verfassung und war eigentlich fest für die kommende Spielzeit eingeplant. Aber man wollte ihm seitens des FCB nicht die möglicherweise letzte Chance auf ein Megagehalt in der Petrodollar-Liga verbauen und hatte dabei wohl auch die Vorgabe der Verschlankung der Gehaltsstruktur im Hinterkopf. Der Siegtorschütze des CL-Endspiels 2020 gehörte zu den Topverdienern.
Handlungsdruck durch Bayern-Aufsichtsratsvorgabe erschwert
Der Abgang des im Verein hochgeschätzten Coman verursachte für die finale Phase des Transfersommers natürlich einen erneuten Handlungsdruck. Der Franzose musste ersetzt werden – aber plötzlich wurde bekannt, dass Eberl & Co. die eingenommenen Millionen nicht für einen Ersatz verwenden dürfen, sondern dass sie den Verlust über einen Leihdeal kompensieren müssen. Hoeneß & Co. hatten erneut zugeschlagen.
Auf diese Weise konnten einige mögliche Optionen nicht umgesetzt werden: Randal Kolo Muani durfte auf diese Weise CL-Sieger PSG nicht verlassen, ebenso wenig Christopher Nkunku den FC Chelsea und Ademola Lookman Atalanta Bergamo. Alle Spieler und noch viele mehr hätten sich liebend gerne dem deutschen Rekordmeister angeschlossen. Von wegen „Strahlkraft verloren“!
Jackson-Drama mit Happy End
Letztendlich wurden Eberl & Co. unter nahezu dramatischen Umständen doch noch fündig: Der senegalesische Nationalspieler Nicolas Jackson kommt per Leihe mit anschließender (erschwerter) Kaufpflicht nach München. Der so gestrenge Aufsichtsrat hat dafür offensichtlich seine Vorgaben etwas gelockert und doch der Kaufpflicht zugestimmt. Diese – die Ablösesumme soll dann 65 Millionen Euro betragen – soll aber erst durch eine hohe Anzahl an Spieleinsätzen aktiviert werden.
Wäre auch der Jackson-Deal – vor allem wegen der Vorgaben von Hoeneß & Co. – gescheitert, wäre dies zum großen Teil wieder Eberl angelastet worden. Eine schier unerträgliche Situation für den 51-Jährigen, welcher in den letzten Monaten unter extrem erschwerten Bedingungen einen tollen Job gemacht hat. Gerüchte, dass dennoch sogar seine Entlassung beim Rekordmeister im Raum stand, können eigentlich nur mit „abstrus“ und „zynisch“ bezeichnet werden. Andere Spekulationen könnten da schon wesentlich mehr Nährboden haben.
Sorge in der Bayern-Führung: Schmeißt Max Eberl hin?
So kursieren nun Gerüchte, dass man beim FC Bayern besorgt sei, dass der Sportvorstand selbst das Handtuch werfen könnte. Dieser Eindruck soll laut Medienmeldungen bei den Beteiligten der jüngsten Aufsichtsratssitzung wegen Eberls Auftritt entstanden sein.
Der Aufsichtsrat selbst soll derzeit nicht an einem Strang ziehen, die interne Stimmung unruhig sein. Die strikte Leih-Vorgabe, die Uli Hoeneß gemeinsam mit Herbert Hainer und Karl-Heinz Rummenigge durchgesetzt haben soll, wurde in der Sitzung offenbar hitzig diskutiert. Während die ehemaligen Spieler Hoeneß und Rummenigge auf die finanzielle Stabilität pochten, gab es wohl Stimmen der „Industrievertreter“, die den sportlichen Handlungsspielraum durch die Einschränkungen zu stark beschnitten sahen. Eine durchaus verrückte Konstellation.
Eberl: Profi und Kämpfer
Eberl hatte dagegen zuletzt öffentlich betont, dass es keinen Streit mit seinem (ehemaligen?) Mentor Hoeneß gebe: „Da gibt es keine dicke Luft.“ Allerdings räumte er auch ein, dass es „unterschiedliche Gedanken“ gebe. Hoeneß habe die Finanzen genau im Blick – eine Haltung, die er grundsätzlich akzeptiere: „Es ist mein Auftrag, das bestmöglich umzusetzen.“
Dass er nun selbst hinschmeißt, wäre auf gewisse Weise zwar nachvollziehbar, ist aber kaum zu erwarten. Der ehemalige Gladbacher Manager hatte zwar vor einiger Zeit davon berichtet, dass er nach seinem durch einen Burnout verursachten Ausscheiden beim niederrheinischen Traditionsverein heute mehr auf seine Gesundheit und sein Privatleben achten würde, trotzdem bleibt er eine Kämpfernatur. Auf das in den letzten Monaten Erreichte darf er durchaus auch stolz sein.
Bayern-Boss Eberl setzt eigene Vorgaben um
Letztendlich hat der 51-Jährige seine im Frühjahr erklärten Vorgaben umgesetzt – und dies unter extrem erschwerten Bedingungen. Die „punktuellen Anpassungen“ eines bestehenden ausgezeichneten Kaders wurden realisiert. Allerdings geht der FC Bayern trotzdem wie schon in der vergangenen Saison wieder ins Risiko: Die Top-Elf, die Top-15 stellen absolute Weltklasse dar, demonstriert in den CL-Achtelfinal-Partien gegen Bayer Leverkusen. Was aber ist, wenn es erneut eine Verletztenflut gibt?
Dieser Artikel entstand in einer Content-Partnerschaft mit fcbayerntotal.com
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Derzeit hofft man auf die Rückkehrer Alphonso Davies, Jamal Musiala und Hiroki Ito, die alle von Ende Oktober bis Dezember wieder zur Verfügung stehen sollten. Aber in welcher Verfassung? Und dass der ausgedünnte Kader gesundheitlich mehr oder weniger unbeschadet diese Phase überstehen kann, ist eher unwahrscheinlich. Parallelen zur Spielzeit 2024/25. In jener war viel mehr möglich als am Ende herausgekommen ist.