VonPhillip Pleschschließen
Am Sonntag beginnt die Fußball-Weltmeisterschaft in Katar. Noch nie wurde vorab so viel über die Austragung diskutiert. Am Mittwoch kam eine illustre Runde zum WM-Talk im HP8 zusammen.
München – Es ist die umstrittenste Fußball-Weltmeisterschaft aller Zeiten – die WM 2022 in Katar. Schauen oder nicht schauen? Das ist jetzt die Frage. „Es ist schon alles diskutiert, nur noch nicht von jedem.“ Mit diesen Worten leitete der Kabarettist Christian Springer am Mittwochabend eine Talkrunde im Saal X des HP8 ein. Er führte gemeinsam mit dem Nahost-Experten und Chefredakteur des Magazins Zenith – Zeitschrift für den Orient, Daniel Gerlach, durch den Abend.
Die Gäste waren hochklassig. Neben Julia Leeb, Journalistin und Filmemacherin, die in Katar an einer amerikanischen Universität Journalismus lehrt, nahmen Ex-Profi Thomas Hitzlsperger (VfB Stuttgart, VfL Wolfsburg) und FC-Bayern-Ehrenpräsident Uli Hoeneß auf dem Podium Platz. Vor allem Hitzlsperger bekam von den über 100 Zuschauern immer wieder Applaus, nicht zuletzt für seinen ARD-Film über Katar. Letztlich ging es für etwa zwei Stunden um die Frage: Können wir die WM guten Gewissens verfolgen oder nicht? Dabei wurden etliche Aspekte beleuchtet:
Kritik an Katar
„Keine Frage, es gibt Probleme“, sagt Uli Hoeneß. Damit würden sich die Spieler auch auseinandersetzen, ist er überzeugt. Die Entwicklung dort gehe aber in die richtige Richtung und brauche Zeit. Er stört sich daran, dass die WM im November beginnt und das Finale eine Woche vor Weihnachten stattfindet. „Das ist nicht Sinn der Sache“, sagt Hoeneß. Andererseits mutmaßt er, dass es sportlich eines der besten Turniere werden könnte, da die Spieler voll im Saft seien. Über die Berichterstattung der vergangenen Wochen über die Weltmeisterschaft ist er jedenfalls nicht glücklich. „Es geht um Fußball, lasst die Jungs einfach mal kicken.“ In ein paar Monaten könne man sehen, was es gebracht habe. Über die Austragungsorte der vergangenen Turniere habe es diese Konzentration an negativen Berichten nicht gegeben. „Es ist an der Zeit, Katar eine Chance zu geben.“
Thomas Hitzlsperger findet, dass die Missstände nicht zu vergleichen sind. „Es betrifft mich, deswegen habe ich auch den Film gemacht.“ Erstmals sei die WM in einem Land, in dem er als Homosexueller nicht willkommen sei. Julia Leeb berichtet von vielen anderen Seiten, die sie in Katar kennengelernt hat. Zum Beispiel, dass ein Leben ermöglicht werde wie an keinem anderen Ort der Welt. „Menschen haben dort eine Zukunft“, ist sie überzeugt. Die Quelle der Armut sei nicht Katar, das seien andere Länder. „Die Frage ist: Würde es den Arbeitern ohne die WM besser gehen?“
Die Rolle der FIFA
„Es ist nicht die Aufgabe des Fußballs, Katar zu verändern, aber die Akteure müssen die FIFA verändern“, sagt Hitzlsperger. Es hätte nicht passieren dürfen, die WM in ein Land mit solchen Schwierigkeiten in Sachen Menschenrechten zu geben. Der Kritik stimmt auch Hoeneß zu. „Das System der Sportvergabe ist zu überarbeiten, bei der FIFA muss ausgemistet werden.“
Gestorbene Arbeiter
Die Diskussion über die Anzahl gestorbener Gastarbeiter ist erneut aufgeflammt. Die Zahl von 6500, die 2021 vom britischen Guardian veröffentlicht wurde, wird von einigen bezweifelt. Zu ihnen gehört Leeb: „Der Bezug zur WM ist nicht da, der Kontext ist falsch.“ In Katar würden nämlich keine Todesursachen dokumentiert. Wie hoch die Zahl tatsächlich sei, bleibe also unklar. Zudem brachte ein Zuschauer den Vorwand, dass auch beim Bau der Hochhäuser Menschen gestorben seien. Nur habe darüber niemand berichtet.
Das Abschneiden der deutschen Mannschaft
Hoeneß und Hitzlsperger sind sich einig: Wenn alles gut läuft, kann es für die deutsche Elf bis ins Halbfinale gehen. Favoriten seien aber andere: Brasilien, Argentinien, oder auch Frankreich.
Schauen oder nicht?
„Ich lasse mich überraschen und entscheide instinktiv“, sagt Julia Leeb. Uli Hoeneß: „Ich werde schauen, wenn ich das Gefühl habe, es wird ein tolles, interessantes Spiel.“ Hitzlsperger ist als Experte für die ARD vom ersten bis zum letzten Spiel dabei. „Ich liebe den Sport einfach, werde mir meine kritische Haltung aber bewahren.“ Wie es andere Münchner heuer mit der WM halten, lesen Sie morgen.
Rubriklistenbild: © Markus Götzfried


