Nagelsmann teilt sein FC-Bayern-Leid nicht nur mit einem Weltmeister
VonDaniel Michel
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Julian Nagelsmann stellt seinen Wechsel 2021 zum FC Bayern rückblickend in Zweifel. Eine ähnliche Aussage hat zuletzt auch ein Weltmeister getroffen.
München – Beim Internationalen Trainerkongress in Leipzig machte Julian Nagelsmann einen Rückblick auf seine Zeit als Trainer von RB Leipzig zwischen 2019 und 2021 und räumte ein: „Ich bin im Nachgang betrachtet ein Tick weit zu früh gegangen.“ Mit 33 Jahren unterschrieb Nagelsmann einen Fünf-Jahres-Vertrag beim FC Bayern, seinem Traumverein. Die Geschichte ist bekannt: Bereits in seiner zweiten Saison wurde Nagelsmann ganz unherzlich im Ski-Urlaub gefeuert, obwohl er mit dem Klub noch alle drei Titel hätte gewinnen können. So blieb nur der Meister-Titel 2022 in seiner Bilanz übrig.
Durchaus gab es Kritik an der Arbeit von Nagelsmann. Es reichte von seinem Privatleben über seine Kommunikation in der Öffentlichkeit bis hin zu seiner sportlichen Qualität. Im Wesentlichen fehlten Nagelsmann zwei Faktoren, um sich im Haifischbecken FC Bayern zu bewähren. Er hatte keinen Vorgesetzten, der ihn richtig unterstützte und mit Rat und Tat zur Seite stand. Und Nagelsmann selbst fehlte es einfach an Erfahrung als Spieler und Trainer auf Top-Niveau. Das bot auch vereinsintern Angriffsfläche. Zwar betonte Nagelsmann auch, er würde seinen Wechsel nach München nicht als Fehler bezeichnen, aber mancher Berichterstatter dürfte durchaus zu einem anderen Ergebnis kommen.
Lerby hielt als Trainer dem Druck beim FC Bayern nicht stand
Nagelsmann ist mit seinem Leid jedenfalls nicht alleine. Es gibt weitere Leidensgenossen, die in ihrer Karriere zu früh zum FC Bayern gewechselt sind. Trainer-Kollege Sören Lerby sollte zum Beispiel im Oktober 1991 im Alter von 33 Jahren den FC Bayern aus der Krise führen. Der Rekordmeister blieb aber im Kampf um den Klassenerhalt stecken. Lerby, einst erfolgreicher Mittelfeld-Stratege, musste im März 1992 schon wieder seine Koffer packen.
Unter den Spielern sei insbesondere Renato Sanches angeführt, der 2016 mit 18 Jahren für 35 Millionen Euro zum deutschen Rekordmeister kam. Bis auf ein sensationelles Spiel gegen seinen Ex-Klub Benfica rief er sein Können nie wirklich ab. Ebenfalls 18 Jahre alt war Verteidiger Breno, als er 2008 seine Heimat Brasilien verließ und beim FC Bayern anheuerte. Breno wirkte nie integriert und letztendlich endete seine Zeit in München in einem privaten Drama.
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Ein jüngeres Beispiel ist Fiete Arp. Der Stürmer wurde beim Hamburger SV für seine ersten Bundesliga-Einsätze gefeiert, dann entschied er sich 2019 im Alter von 19 Jahren, das Angebot des FC Bayern anzunehmen. Für Arp reichte es aber nicht mal zum Stammspieler in der 2. Mannschaft der Münchner. Arp war niedergeschlagen, kämpfte sich danach über die 2. Bundesliga zurück in den Profi-Fußball. Zuletzt lief er für Holstein Kiel in der Bundesliga auf. Nach dem Abstieg wechselte Arp in diesem Sommer zum dänischen Klub Odense BK.
Selbst Götze hinterfragt Wechsel zum FC Bayern
Selbst Weltmeister-Held Mario Götze bekannte zuletzt, er sei im Jahr 2013 zu früh von Borussia Dortmund zum FC Bayern gewechselt. In dem Buch „Stimmen der Eintracht“ schrieb der 32 Jahre alte Götze einen Brief an den 17 Jahre alten Götze (er wechselte mit 21 zum FC Bayern): „Ich weiß, du gibst nicht viel darauf, wenn ich dir sage: Bleibe noch ein bisschen länger in Dortmund. Es wird dir und deiner Entwicklung guttun. Ich habe auf diesen Rat auch nicht gehört. Ich war verbohrt. Ich war ehrgeizig.“
Die Probleme für junge Spieler und Trainer beim FC Bayern sind offensichtlich: Sind sie schon in der Lage dazu, täglich großem Druck standzuhalten und konstant Leistung zu bringen? Besitzen sie auch charakterlich eine gewisse Festigkeit? Gibt es auch Vertrauensleute im Klub, die sie führen und sie unterstützen? Und lange Zeit galt für Spieler und Trainer aus dem Ausland zudem: Ist eine Sprachbarriere vorhanden, die vielleicht zu Problem führen könnte? Mittlerweile reicht es aber im Regelfall, Englisch zu verstehen.
Man sollte aber auch großes Verständnis für junge Spieler und Trainer haben, die sich für einen Wechsel nach München entscheiden. Der FC Bayern ist einer der besten Klubs in der Welt. Ein Angebot des Rekordmeisters gibt es nur in Ausnahmefällen zweimal (u.a. João Palhinha und Mario Gómez). Sportlich wie finanziell eine große Chance ungenutzt zu lassen, dazu braucht es extrem gute Gründe.
Oftmals sind bei der Entscheidungsfindung auch Familie und Berater gefragt. Und mal ehrlich: Wer beim FC Bayern scheitert, hat dennoch in der Regel finanziell ausgesorgt und kann meist im Profi-Fußball durch diese wertvolle Erfahrung einen neuen Job finden. Julian Nagelsmann hat es danach sogar zum erfolgreichen Bundestrainer gebracht.