Traumtor bei Startelfdebut

Vom FC Bayern veschmäht, vom DFB ignoriert – nun bestraft er Deutschland

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In Berlin schoss Kenan Yildiz das Tor des Abends. Dass der gebürtige Bayer für die türkische Auswahl aufläuft, liegt wohl an einem Versäumnis des DFB.

Berlin – Es lief bereits die Nachspielzeit der ersten Hälfte im Berliner Olympiastadion. Doch die türkische Auswahl dachte nicht daran, ihren Sturmlauf vorzeitig zu beenden. Ein weiter Diagonalschlag von Kapitän Kaan Ayhan hebelte die defensive Zuordnung des DFB-Teams aus und so landete der Ball beim komplett frei stehenden Kenan Yildiz. Im linken Teil des Strafraums nahm er den Ball an und vollendete traumhaft. Mit einem strammen Schuss ins lange Eck, wo der Ball erst noch auf die Unterkante der Latte und den Innenpfosten einhämmerte. War dieser Treffer schon ein echter Stimmungsdämpfer beim Heimdebut für Julian Nagelsmann, könnte ihm eine Diskussion nachfolgen, warum das 18-jährige Talent nicht für den DFB aufläuft.

Kenan Yildiz
Geboren:4. Mai 2005 (Alter 18 Jahre), Regensburg
Position:Hängende Spitze
Vereine in der Jugend:SV Sallern Regensburg, SSV Jahn Regensburg, FC Bayern München, Juventus Turin
Aktueller Verein:Juventus Turin

Kenan Yildiz bei Juve und in der Nationalelf – eine Karriere nimmt Fahrt auf

Dabei scheint die Karriere des gebürtigen Regensburgers seit diesem Jahr an Fahrt aufzunehmen. Nach zehn Jahren im Nachwuchsbereich des FC Bayern wurde sein 2022 auslaufender Vertrag nicht verlängert. Europäische Top-Clubs wie Juve und der FC Barcelona waren da schon hellhörig ob der Fähigkeiten des Offensivspielers geworden. Am Ende stand der Wechsel über die Alpen zu Juve. In Turin wurde er über die dortige U19 und die Zweitvertretung in der drittklassigen Serie C an das Profiteam herangeführt. Am 20. August debütierte er schließlich in der Serie A.

Einladungen zum türkischen Verband erhält Yildiz seit 2021. Nach Einsätzen für die dortige U17 und U21 durfte er dieses Jahr sein Debüt in der Mannschaft von Vincenzo Montella feiern. Beim 1:0-Erfolg in der WM-Qualifikation gegen Kroatien am 12. Oktober wurde Yildiz eingewechselt und dadurch zum A-Nationalspieler. Einen Monat später nun also die Startelf-Premiere samt Traumtor gegen Deutschland und die Frage, ob dem DFB sein Talent nicht auch gut zu Gesicht stünde. Als Sohn eines türkischen Vaters und einer deutschen Mutter wäre für ihn eine Berufung zur deutschen Nationalmannschaft möglich, zu der es jedoch bisher nicht kam.

Der in Regensburg geborene Kenan Yildiz sorgte vor der Pause für die türkische Führung.

Kenan Yildiz und der DFB: „Deutschland hat mich nie kontaktiert“

Bereits vor der Partie griff die Sport Bild die Thematik auf und befragte den Spieler zu den Beweggründen hinter seiner Entscheidung, für das Heimatland seines Vaters aufzulaufen. Dort erklärte Yildiz, sehr stolz darauf zu sein, bereits seit der U17 für die Türkei zu spielen, betonte jedoch zugleich: „Deutschland ist nie an mich herangetreten, hat mich nie kontaktiert.“

Eine fahrlässige Verkennung des DFB? Bereits in der Vergangenheit wurde mehrfach bedauert, wenn sich hoffnungsvolle Talente wie Josip Stanisic, Lazar Samardzic oder Can Uzun gegen den deutschen Verband entschieden, zugleich wissend, dass es sich hier nicht nur um sportliche Entscheidungen handelte. Auch Trainer Julian Nagelsmann betonte, um die Emotionalität des Themas wissend, niemanden für die DFB-Auswahl „proaktiv“ anwerben zu wollen. Vor allem bei deutsch-türkischen Spielern gibt es eine lange Historie von schwierigen Entscheidungen gegen den jeweils anderen Verband.

Choupo-Moting, Calhanoglu, Boateng: Diese Spieler haben sich gegen den DFB entschieden

LUSAIL CITY, QATAR - DECEMBER 02: Eric Maxim Choupo-Moting of Cameroon during the FIFA World Cup, WM, Weltmeisterschaft,
Eric Maxim Choupo-Moting (geboren: 23. März 1989 in Hamburg): Die Karriere des Angreifers nahm erst spät Fahrt auf. In Kameruns Nationalmannschaft stürmt der Profi aber bereits seit 2010. © Frej/imago
Hakan Calhanoglu of Turkey during the UEFA Nations League League C Group 1 match between Turkey and Lithuania at Gursel
Hakan Calhanoglu (geboren: 8. Februar in Mannheim): Der begnadete Techniker hätte sich wohl auch beim DFB durchsetzen können, spielte aber bereits in den U-Nationalmannschaften für die Türkei. Mittlerweile ist er sogar Kapitän der Mannschaft. © Seskimphoto/imago
Stephan Schröck (geboren: 21. August 1987 in Schweinfurt): Schon in der Junioren-Nationalmannschaft wechselte der frühere Fürther zum Verband der Philippinen. Seit 2019 ist er sogar Kapitän und spielt mittlerweile auch in der philippinischen Liga Fußball.
Stephan Schröck (geboren: 21. August 1987 in Schweinfurt): Schon in der Junioren-Nationalmannschaft wechselte der frühere Fürther zum Verband der Philippinen. Seit 2019 ist er sogar Kapitän und spielt mittlerweile auch in der philippinischen Liga Fußball. © Bopp/imago
Sebastian Boenisch: Als Linksverteidiger sah Sebastian Boenisch wohl kein Vorbeikommen am damaligen Kapitän Philipp Lahm. 2010 ging es für den langjährigen Schalker dann zum polnischen Verband, für den er 14 Partien absolvierte.
Sebastian Boenisch (geboren: 1. Februar 1987 in Gliwice, Polen): Als Linksverteidiger sah Sebastian Boenisch wohl kein Vorbeikommen am damaligen Kapitän Philipp Lahm. 2010 ging es für den langjährigen Schalker dann zum polnischen Verband, für den er 14 Partien absolvierte. © panoramic/imago
November 15 2018 Leipzig Germany Timo Werner L of Germany and Konstantin Rausch of Russia vi
Konstantin Rausch (geboren: 15. März 1990 in Kozhevnikovo, ehemalige UdSSR): Trotz über 50 Partien in den deutschen U-Nationalmannschaften reichte es für Konstantin Rausch nie für einen Einsatz in der A-Mannschaft. 2017 ging es dann zum russischen Verband. © Kireev/imago
QAT: England - Senegal. FIFA World Cup, WM, Weltmeisterschaft, Fussball Qatar 2022. Round of 16 Ismail Jakobs of Senegal
Ismail Jakobs (geboren: 17. August 1999 in Köln): Durch seinen Wechsel im September zum senegalesischen Fußballverband, nahm der Linksverteidiger relativ kurzfristig sogar an der WM 2022 in Katar teil. Bei der Endrunde lief er in allen vier WM-Spielen Senegals auf. © Blanco/imago
Fußball-Weltmeisterschaft 2022 Qualifikation (UEFA) Athen, Olympiastadion Spyros Louis, 08.09.2021 Gruppe B Griechenland
Odysseas Vlachodimos (geboren: 26. April 1994 in Stuttgart): Als Träger der Fritz-Walter-Medaille, die er 2011 als U17-Keeper erhielt, galt Vlachodimos als kommende deutsche Torwart-Hoffnung. Da allerdings Manuel Neuer auf unbestimmte Zeit in jedem Fall vor ihm stand, wechselte der Stuttgarter zu Griechenland. © Dimopoulos/imago
Willi Orban (Ungarn) gegen Thomas Müller (Deutschland) - Nations League Gruppe C Deutschland vs. Ungarn in der Red Bull
Willi Orbán (geboren: 3. November 1992 in Kaiserslautern): Zweimal lief Orbán für die deutsche U21 auf. Dann spielte er für Ungarn weiter. Dort gehört der erfahrene Bundesliga-Spieler zum Stammpersonal in der Abwehr. © Schroedter/imago
September 8 2015 United States midfielder Jermaine Jones 13 escapes from Brazil forward Roberto
Jermaine Jones (geboren: 3. November 1981 in Frankfurt): Obwohl der gebürtige Frankfurter drei Länderspiele für Deutschland absolvierte, wechselte der Mittelfeldspieler auf den letzten Drücker zum Verband der USA, für die er 69-mal im Einsatz war. © icon/imago
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Kevin-Prince Boateng (geboren: 6. März 1987 in Berlin): Der Wandervogel wechselte nicht nur seine Vereine regelmäßig, sondern wechelte 2010 zum Fußballverband von Ghana. Zuvor durchlief Boateng alle DFB-U-Mannschaften seit der U15. © xinhua/imago
Sead Kolasinac (geboren: 20. Juni 1993 in Karlsruhe): Der ehemalige Schalker, absolvierte 14 Einsätze in den U-Nationalmannschaften des DFB. Seit 2013 läuft er für Bosnien-Herzegowina auf.
Sead Kolasinac (geboren: 20. Juni 1993 in Karlsruhe): Der ehemalige Schalker, absolvierte 14 Einsätze in den U-Nationalmannschaften des DFB. Seit 2013 läuft er für Bosnien-Herzegowina auf.  © Oliver Weiken / picture allience
Joel Matip (geboren: 8. August 1991 in Bochum): Im März 2010 gab der Innenverteidiger sein Debüt für Kameruns A-Nationalmannschaft und erteilte dem DFB somit eine Absage.
Joel Matip (geboren: 8. August 1991 in Bochum): Im März 2010 gab der Innenverteidiger sein Debut für Kameruns A-Nationalmannschaft und erteilte dem DFB somit eine Absage. © Chai v.d. Laage/ Imago
Martin Harnik (geboren: 10. Juni 1987 in Hamburg): Durchlief trotz doppelter Staatsangehörigkeit bereits die U-Nationalmannschaften der Alpenrepublik, um danach 68 Länderspiele für Österreich zu absolvieren.
Martin Harnik (geboren: 10. Juni 1987 in Hamburg): Durchlief trotz doppelter Staatsangehörigkeit bereits die U-Nationalmannschaften der Alpenrepublik, um danach 68 Länderspiele für Österreich zu absolvieren.  © Christian Bruna / picture alliance
Nuri Sahin (geboren: 5. September 1988 in Lüdenscheid): Lief bereits für die U-Nationalmannschaften der Türkei auf. Einst stellte er in der Frage klar: „Meine deutsche Seite decke ich bei Borussia Dortmund ab, meine türkische bei der Nationalmannschaft.“
Nuri Sahin (geboren: 5. September 1988 in Lüdenscheid): Lief bereits für die U-Nationalmannschaften der Türkei auf. Einst stellte er in der Sache klar: „Meine deutsche Seite decke ich bei Borussia Dortmund ab, meine türkische bei der Nationalmannschaft.“ © Marius Becker / picture alliance
Yunus Malli (geboren: 24. Februar 1992 in Kassel): Wurde mit der deutschen U17-Nationalmannschaft Europameister. Im Oktober 2015 entschied er jedoch künftig für die türkische Auswahl zu spielen.
Yunus Malli (geboren: 24. Februar 1992 in Kassel): Wurde mit der deutschen U17-Nationalmannschaft Europameister. Im Oktober 2015 entschied jedoch künftig für die türkische Auswahl zu spielen.  © Mikhail Tereshchenko / Imago
Vincenzo Grifo (geboren: 7. April 1993 in Pforzheim): Hatte seit jeher den Traum für die Squadra Azzurra aufzulaufen. „Mein Herz schlägt zu 100 Prozent für Italien“, verkündete er einst.
Vincenzo Grifo (geboren: 7. April 1993 in Pforzheim): Hatte seit jeher den Traum für die Squadra Azzurra aufzulaufen. „Mein Herz schlägt zu 100 Prozent für Italien“, verkündete er einst. © Fabio Ferrari / picture alliance
Ermedin Demirovic (geboren: 25. März 1998 in Hamburg): Trotz zweier Staatsbürgerschaften stets für Bosnien-Herzegowina im Einsatz. Im März 2021 debütierte er für die A-Nationalmannschaft.
Ermedin Demirovic (geboren: 25. März 1998 in Hamburg): Trotz zweier Staatsbürgerschaften stets für Bosnien-Herzegowina im Einsatz. Im März 2021 debütierte er für die A-Nationalmannschaft.  © Armin Durgut/ Imago
Hamit Altintop (geboren: 8. Dezember 1982 in Gelsenkirchen): Zeigte gar Unverständnis für Mesut Özil, der sich für den DFB entschied. Eine andere Entscheidung als für die Türkei zu spielen habe für ihn nie im Raum gestanden.
Hamit Altintop (geboren: 8. Dezember 1982 in Gelsenkirchen): Zeigte gar Unverständnis für Mesut Özil, der sich für den DFB entschied. Eine andere Entscheidung als für die Türkei zu spielen habe für ihn nie im Raum gestanden.  © Hannibal Hanschke / picture alliance

Kenan Yildiz und der DFB – ein Verbandswechsel in letzter Sekunde?

Gehen Yildiz und die deutsche Nationalmannschaft somit für immer ihrer Wege? Zumindest theoretisch wäre ein Wechsel zum DFB noch möglich. Yildiz gilt bisher noch nicht als festgespielt, was bei Spielern unter 21 Jahren erst bei drei Pflichtspieleinsätzen für die jeweilige A-Nationalmannschaft der Fall ist.

Der gestrige Sieg gegen das DFB-Team zählt somit noch nicht einmal dazu. Mit der Teilnahme an der EM 2024 mit dem türkischen Team vor Augen und einer Weiterentwicklung abseits der Bundesliga dürfte ein plötzlicher Turnaround zur Mannschaft von Julian Nagelsmann jedoch mehr als fraglich erscheinen. (nki)

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