VonFrank Hellmannschließen
Der erste WM-Erfolg deutscher Fußballerinnen bestand aus vielen Zutaten, die dem Team den ersten Titel auf dieser Bühne bescherten – nicht nur von Siegtorschützin Nia Künzer könnte die heutige Generation viel lernen
Wenn Nia Künzer an 2003 zurückdenkt, dann hat dieses Fußball-Jahr aus ihrer Sicht zwei Facetten. Der Höhepunkt, ihr Golden Goal im WM-Finale gegen Schweden, als die eingewechselte Fußballerin sich in die Luft schraubte und das 2:1-Siegtor gegen Schweden köpfelte, wird anlässlich des 20-jährigen Jubiläums am Donnerstag wieder hinreichend ausgeleuchtet. Der Tiefpunkt ereignete sich für die katapultartig ins Rampenlicht beförderte Fußballerin nur zwei Monate später, als zum vierten Male ihr Kreuzband riss. „Meine Karriere in der Nationalmannschaft war damit letztendlich beendet. Einfach so, von heute auf morgen.“ Mit der Verletzung wurde sie einst auf einen Schlag auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt. Und in jungen Jahren reifte die Erkenntnis: „Die Welt dreht sich weiter – auch ohne mich. Trotz Finaltor. Und das geht schneller als alle denken. From hero to zero sozusagen.“
Doch es schmälert nicht, was die heute 43-Jährige, die sich nach ihrem dritten Kreuzbandriss überhaupt so mühsam erst in den Kader für die WM 2003 zurückgekämpft hatte, erreichte: Der sechste Sieg jener Endrunde, die ein Erweckungserlebnis für den deutschen Frauenfußball brachte, war am schwersten umkämpft. Auch in Künzers Erinnerung stand das Finale im Home Depot Center im kalifornischen Carson auf Messers Schneide. „Ich wollte zwar irgendwie dabei sein, es war aber nicht so, dass ich es mir sehnlichst gewünscht habe, jetzt endlich eingewechselt zu werden.“ Der Druck war mit Händen zu greifen, bis jene 98. Minute kam.
Mehr als der „flüchtige Moment“ hätten sich die Fernsehbilder in ihr Gedächtnis gebrannt, erzählte Künzer gerade wieder im „Kicker“: „Wie sich Idgie (Spitzname von Renate Lingor; Anm. d. Red.) die Haare zurechtrückt, meinen Namen ruft. In Frankfurt hatten wir es auch so praktiziert und in der Vorbereitung wahnsinnig viel trainiert. Das war kein reiner Zufall.“ Auf den Freistoß und auch den Kopfball, später zum „Tor des Jahres“ gekürt, war die Fußballerin vom 1. FFC Frankfurt irgendwie vorbereitet, nicht aber was danach auf sie einprasselte. Plötzlich stand eine unbekümmerte Sportlerin, aufgewachsen in Wetzlar, im Mittelpunkt der medialen Nachbetrachtung.
Das „Golden Girl“ tingelte von Sender zu Sender, von Interview zu Interview, und schnell entstand der Eindruck, als habe bei der deutschen Frauen-Nationalmannschaft nicht ein Rädchen ins andere gegriffen, sondern eine alleine das große Rad gedreht. Künzer, die heute in Gießen ein großes Dezernat für Flüchtlingsangelegenheiten leitet und dem Vorstand der Schlappekicker-Aktion der FR angehört, spürte alsbald eine „gewisse Befangenheit im Miteinander“, wie sie in ihrem mit dem ARD-Reporter Bernd Schmelzer verfassten Buch „Warum Frauen den besseren Fußball spielen“ schrieb. Neid und Missgunst spielten plötzlich unterschwellig mit, zumal sie trotz ihres Managers Siegfried Dietrich erst nicht so recht wusste, wie sie mit den Anfragen von TV-Shows und Sponsoren umgehen sollte. Die Folge: „Ich war mir auf einmal unsicher im Umgang mit Spielerinnen, die ich teilweise ja schon jahrelang gekannt hatte. Da stimmte plötzlich die Chemie nicht mehr.“ Erfolg hat auch Schattenseiten.
Dass zwei Jahre nach dem fünften EM-Titel, übrigens auch durch ein Golden Goal von Martina Müller im Finale gegen Schweden errungen, erstmals der WM-Pokal nach Deutschland ging, hatte für die damaligen Verhältnisse völlig ungeahntes Interesse erzeugt. Für den TV-Markt in Europa wurde das Endspiel um zehn Uhr morgens Ortszeit angestoßen; um fünf Uhr krochen die deutschen Spielerinnen aus ihren Betten in einem Industriegebiet und wärmten sich in Dunkelheit auf einem Parkdeck auf.
Die Frühschicht an der US-Westküste sollte sich lohnen: 13,58 Millionen schalteten an jenem Sonntagabend bei der ARD ein, die dafür sogar den Tatort verschieben musste, weil es ja in die Verlängerung ging. Viele Stammseher reagierten mit wütenden Anrufen und zornigen Leserbriefen, denn der Fußball der Frauen fristete medial eher noch ein Mauerblümchendasein. So waren auch bloß eine Handvoll Reporter zum Turnier gereist, bei der Carsten Flügel (ARD) oder Claudia Neumann (ZDF) fast wie ein Teil der ohnehin sehr überschaubaren DFB-Delegation behandelt wurden.
Als Jana Wiske zum Finale für das Fachmagazin „Kicker“ nachreiste, arrangierte der Verband für denselben Abend ein Interview mit Birgit Prinz, die nach dem WM-Sieg nicht nur den Preis als beste Torschützin, sondern auch die Auszeichnung als beste Spielerin einheimste. Heute spricht die als Psychologin beim DFB-Team tätige Frankfurterin kein einziges Wort mehr mit der Presse. Eine gewisse Eigenwilligkeit nahm sich die Rekordspielerin im öffentlichen Umgang schon damals heraus.
Alle Protagonisten sind sich einig, dass erst die besondere Mischung von Charakteren den Erfolg möglich machte. Geeint war das Ensemble vom Ehrgeiz, unbedingt gewinnen zu wollen. Gerade deshalb könnte die aktuelle Generation, die sich bei der WM in Australien und Neuseeland historisch früh in der Vorrunde verabschiedete, von den Weltmeisterinnen 2003 einiges lernen. „Aktuell gehen uns die Leader und Typen ab, Spielerinnen mit der Fähigkeit, Widerstände zu überwinden. Da ist noch Alex Popp zu nennen, aber ansonsten? Wir haben diese Siegermentalität und die Ausstrahlung ein wenig verloren“, sagt die bis Sommer als ARD-Experte tätige Künzer, die eine Rückkehr der erkrankten Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg für „sehr unwahrscheinlich“ hält. Auch sie weiß über ihre direkten Drähte: Da hat jemand die vertrauensvolle Verbindung zum Team verloren. Sie hält übrigens Horst Hrubesch für den DFB für „eine gute Zwischenlösung“.
Die damalige Bundestrainerin Tina Theune wird von ihren Akteuren noch heute so respektvoll behandelt wie früher. Wer die Herzlichkeit im Umgang beim Wiedersehen auf dem DFB-Campus und der Ehrenrunde auf dem Bieberer Berg in Offenbach zum WM-Vorbereitungsspiel der DFB-Frauen gegen Vietnam im Juli erlebte, kann nur bestätigen: Die gegenseitige Wertschätzung hat zwei Jahrzehnte überdauert.
„Wer Tina Theune kennt, weiß, dass sie eine ruhige, besonnene Person ist, die einen ungemeinen fachlichen Hintergrund einbrachte. Sie hat alles akribisch vorbereitet. Sie hat uns einfach einen guten Plan vermittelt“, sagt die damalige Kapitänin Bettina Wiegmann. Die zur besten Spielerin des WM-Finals ausgezeichnete Mittelfeldstrategin, die seit vielen Jahren den deutschen U15-Nachwuchs trainiert, erinnert auch an das wichtige Zusammenspiel mit der damaligen Assistentin Silvia Neid. Die Chefin eher leise, die Co-Trainerin auch mal lauter: „Das hat sich gut ergänzt.“ Vier Jahre später orchestrierte Neid bereits selbst als Bundestrainerin den zweiten WM-Erfolg in China.
Dort hätte eigentlich bereits 2003 gespielt werden sollen, doch wegen des Sars-Virus sprangen kurzfristig die USA erneut als Ausrichter ein. Wegen der Terroranschläge auf das World Trade Center 2001 wurde alles eine Nummer kleiner als 1999. Das Finale sahen bloß 26 137 Fans – vier Jahre zuvor waren noch mehr als 90 000 Menschen in die Rose Bowl von Pasadena zum Endspiel mit den US-Girls geströmt. Der Titelverteidiger aber strauchelte im Halbfinale gegen Deutschland. Nach einem 0:3, das einen Machtwechsel manifestierte, sollte die US-Nationalspielerin Julie Foudy festhalten: „Ich hatte das Gefühl, Deutschland hätte eine zwölfte Spielerin auf dem Platz.“
Augenzeugen wie die damals als Teammanagerin tätige Generalsekretärin Heike Ullrich behaupten, in Portland das vielleicht beste Spiel der DFB-Frauen aller Zeiten erlebt zu haben: „Die USA hätten an diesem Tag noch sieben Stunden gegen uns spielen können und hätten uns nicht geschlagen, zumal Silke Rottenberg in überragender Form war. Danach herrschte die Stimmung vor: ‚Das lassen wir uns nicht mehr nehmen!‘“
Interessant, dass Trainerin Theune den Triumph gegen die hochfavorisierten US-Stars mit Mia Hamm, Kristine Lilly, Brandi Chastain oder der jungen Abby Wambach daran festmachte, es über einen amerikanischen Sicherheitsmann geschafft zu haben, dass die Stadionregie die englische Version Nenas 80er-Jahre-Hit „Irgendwie, Irgendwo, Irgendwann“ über die Lautsprecher spielte. Sie habe damit erreichen wollen, versichert die 69-Jährige, dass sich das Halbfinale wie ein Heimspiel anfühlte.
Zu ihren liebevoll erzählten Details gehört auch, wie sie nach dem ersten Jubelrausch des Finals zusammen mit Neid zur Trainerbank zurückkehrte. Dort entdeckten beide eine große Flasche Jägermeister, die sie flugs unter der Trainingsjacke verschwinden ließen. Sie wollten verhindern, dass sich die Spielerinnen vor der eigentlichen Feier am Abend im Hotel total betranken. Sie selbst genehmigten sich aber einen kleinen Schluck. „Wir haben es aber alle zur Party geschafft.“

