Interview

Eintracht-Boss Axel Hellmann: „Wir sind am oberen Ende angekommen“

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Eintracht-Spieler beim ersten Training vor der neuen Saison.
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Eintracht-Vorstandssprecher Axel Hellmann über einen Klub, der sich so ziemlich am Zenit befindet, aber klare Ideen hat, wie er seinen Status in der Bundesliga halten will – auch wenn das gar nicht so leicht ist.

Herr Hellmann, Spanien ist Europameister. Ein Sieg für den Fußball?

Spanien ist ein würdiger Europameister. Sie haben alle Spiele gewonnen und nahezu jeden Gegner beherrscht, allein die deutsche Mannschaft konnte diesen Spaniern Paroli bieten. Die Spanier haben ein abgerundetes, ausbalanciertes Team, das eine erstaunliche Dominanz an den Tag legen konnte in diesem Turnier. Und ja, das ist eindeutig ein Gewinn für den Fußball.

Das trifft auch und vor allem auf die jungen Hüpfer links und rechts zu, Yamal und Williams.

Diese Kombination aus Erfahrung und einem absolut jungen Supertalent ist natürlich speziell. Yamal ist mit seinen jetzt 17 Jahren ein absolutes Ausnahmetalent. Ich hoffe sehr, dass er sich diese Leichtigkeit noch lange wird bewahren können, denn davon lebt sein Spiel. Die Probleme kommen immer erst dann, wenn du anfängst zu realisieren, dass du ein Superstar bist. Dann wird die Welt deutlich schwieriger. Nur wenn er bei sich bleibt und weiter in seine Leistungsstärke investiert, kann er den Weg der Messis und Ronaldos gehen. Wir haben aber auch den Weg der Neymars, die sich in privaten Untiefen verlieren. Hoffen wir, dass er den ersten Weg geht.

Zur Person

Axel Hellmann ist sicher das, was man mittlerweile ein Urgestein nennen kann. Dabei ist der Vorstandssprecher der Frankfurter Eintracht erst 52 Jahre alt, doch hat fast sein ganzes Leben im Zeichen des Adlers verbracht. Als Jugendlicher im G-Block, später in seinen Anfängen als Funktionär am Riederwald, dann Aufsichtsrat, Vorstand, seit der personellen Krise 2021 der Sprecher des Vorstands. Der Jurist, bestens vernetzt in der Liga, überlegte vor einem guten Jahr ernsthaft, seinen Herzensverein zu verlassen – die DFL warb intensiv um den klugen Strategen. Doch Hellmann, dessen Sohn als Torwart bei der Eintracht-U21 spielt, blieb   und gestaltete den Umbruch hinter den Kulissen mit. Für die FR nahm er sich 75 Minuten Zeit. FR

Vordenker der Eintracht: Vorstandssprecher Axel Hellmann.

Welche Wirkung hat diese EM auf die Bundesliga?

Sportlich haben wir gesehen, dass man mit einem geordneten Effizienz-Fußball weit kommen kann. Das kennen wir ja auch aus der Bundesliga, es gibt dort Mannschaften, die es in der Vergangenheit immer mal geschafft haben, auf diese Weise in den internationalen Fußball zu kommen. Nachhaltig ist das aber nicht. Wenn du über einen längeren Zeitraum auf europäischer Bühne mit Erfolg spielen willst, geht das nur mit einem spielerischen Ansatz. Deshalb ist die EM kein neuer Fingerzeig.

Was bleibt gesellschaftlich?

Wir hatten wie erwartet volle Stadien und eine große Begeisterung im Land. Wir hatten viele Fans aus den sogenannten kleinen Fußball-Nationen, die eine Wahnsinnsstimmung gemacht haben. Ob das die Georgier oder Rumänen, die Slowenen und Slowaken waren. Die Albaner nicht zu vergessen. Keiner ist mehr einfach so zu schlagen, und die Unterstützung der Fans war grandios. Deshalb haben wir ein farbenfrohes und friedliches Turnier gesehen, wenngleich es auch nationalistische Züge an der einen oder anderen Stelle gegeben hat, die wir nicht ignorieren dürfen.

Was leider zu erwarten war…

…wir leben in Zeiten, in denen sich der Rechtspopulismus in Europa breit macht. Die EM und der Fußball sind dafür eine attraktive Bühne. Wir dürfen sie den radikalen Kräften nicht überlassen.

Haben Sie auch schon die Hecke Ihres Nachbarn geschnitten? Oder anderes gefragt: Wie fanden Sie Julian Nagelsmanns Rede an die Nation?

Ich begrüße das. Ich würde mir das des Öfteren wünschen, dass sich aus unserem Sport Verantwortliche positionieren. Julian Nagelsmann ist ein sehr intelligenter Trainer, der mit wachem Auge durch die Gesellschaft geht. Wenn er das Bedürfnis verspürt, die Dinge so zu formulieren, dann soll er das tun. Es muss aber authentisch sein und darf keine Medien- oder Marketingmasche sein. Den Eindruck hatte ich bei ihm aber keinesfalls, und es war ja eine besondere Gelegenheit.

Wir bewerten Sie seine Arbeit als Bundestrainer?

Es ist enorm, was er in so kurzer Zeit bewirkt hat. Wir dürfen doch eines nicht vergessen: Vor fünf Monaten haben wir befürchtet, dass wir ohne Punkt und Sieg durchgereicht werden und hatten Angst vor einer riesigen Blamage. Jetzt ist genau das Gegenteil eingetreten. Die deutsche Mannschaft hatte sportlich ein gutes Niveau – und sie ließ eine Nähe zu, die ich selbst erlebt habe, als ich in Stuttgart am Tag des Spiels gegen Ungarn ins Mannschaftshotel kam, um dort mit Rudi Völler kurz vor dem Spiel einen Kaffee zu trinken.

Apropos Rudi Völler: Für mich hat er den größten Anteil an diesem Stimmungsumschwung im Land und die Art und Weise, wie sich diese Mannschaft präsentiert hat. Er hat neben einer überragenden Fachkompetenz und großer Erfahrung die Fähigkeit, die Menschen mitzunehmen und zu begeistern, er hat ein offenes Ohr für jeden. Das ist genau die Form der Offenheit, die wir brauchen, damit sich alle mit der Nationalmannschaft identifizieren. Rudi Völler hat die Nationalelf quasi wiederbelebt. Davor ziehe ich den Hut.

Bei dieser EM haben sich viele Spieler ins Schaufenster stellen können. Hinter den Kulissen dürften viele Wechselgespräche geführt worden sein. Ist die EM auch ein Marktplatz für die Eintracht?

Die EM ist natürlich für alle interessant. Unser Fokus liegt hinsichtlich neuer Spieler aber sicher nicht auf den gestandenen Spielern aus Spanien, Frankreich, Italien und England. Unser Profil ist ein anderes, wir interessieren uns für die Nationalspieler von morgen und den Champions-League-Sieger von übermorgen.

Ist dieser Weg alternativlos?

Ich bin von diesem Weg überzeugt. Es ist der bestmögliche, aber auch der einzige für Eintracht Frankfurt, um ein hohes spielerisches Leistungsvermögen zu erzielen, gleichzeitig aber auch die sportlichen Ziele, jedes Jahr um die internationalen Plätze mitzuspielen, zu schaffen. Und natürlich spielt bei uns auch die Ökonomie eine Rolle. Wir wollen, wir müssen die Wertentwicklung von Spielern von Eintracht Frankfurt vorantreiben, um ihr hohes Leistungsvermögen irgendwann in Wert setzen zu können. Aber natürlich brauchen wir auch erfahrene Spieler, die sogenannten Korsettstangen, von denen wir in Rode und Hasebe gerade zwei verloren haben. Wir suchen sie auch, aber das sind die teuersten Spieler, die es auf dem Markt gibt, weil sie auf dem Zenit sind und ihre Erfahrung auch versilbern wollen. Dann sollten sie auch noch einen Eintracht-Bezug haben. Das ist eine Herausforderung.

Bundestrainer Julian Nagelsmann: „Es ist enorm, was er in so kurzer Zeit bewirkt hat.“

Markus Krösche sagt, die Eintracht ist auch in diesem Sommer auf Transfererlöse angewiesen. Wie kann es sein, die Eintracht müsste doch nach dem Kolo-Muani- und dem Lindström-Transfer im Geld schwimmen.

Wir haben uns in den letzten Jahren für eine klare Strategie entschieden. Die erwirtschafteten Überschüsse, die wir in den letzten zehn Jahren bis auf die zwei Corona-Jahre immer erzielt haben, investieren wir in die Zukunft des Klubs, hauptsächlich in den Sport. Das Kapital der Eintracht soll sich auf dem Platz entwickeln. Dort haben wir die größtmögliche Wertschöpfung. Dazu kommt das Liquiditätsmanagement. Selbst große Klubs wie PSG zahlen nicht auf einmal, sondern über mehrere Jahre. Verkäufe sind also auch wichtig, um die Liquidität zu sichern. Das ist ein atmendes System, wenn wir uns unsere Handlungsfähigkeit erhalten wollen.

Sie haben während der letzten Saison gesagt, dieser Kader sei der beste ihrer Vorstandszeit. Würden Sie das nach wie vor behaupten?

Ich bin schon mal froh, dass Sie meine Aussage richtig wiedergeben. Im Nachgang hieß es, ich hätte von der besten Eintracht-Mannschaft aller Zeiten gesprochen. Das wäre ja vermessen und würde ich in Anbetracht der vielen großen Mannschaften, die wir hatten, niemals so formulieren. Unabhängig davon glaube ich, dass es besser gewesen wäre, das überhaupt nicht so anzusprechen. Nicht, weil ich an der hohen Qualität unserer Spieler Zweifel hätte, sondern weil es nicht sinnvoll ist, solch einen Druck aufzubauen mit so einer Bewertung.

Zudem hat der Entwicklungsprozess hin zu mannschaftlicher Geschlossenheit länger gebraucht, als wir alle dachten. Das hat auch damit zu tun, dass die Wintertransfers nicht so griffen, wie wir uns das vorgestellt haben. Aus Gründen, die bekannt sind. Kalajdzic hat sich schwer verletzt, Donny van de Beek war nicht mehr der Spieler, den ich einst bei Ajax bewundert habe. Hugo Ekitiké kam nicht aus dem Spielbetrieb, hat aber am Ende gezeigt, was für ein Potenzial in ihm schlummert. Bahoya hat die Zukunft erst vor sich. Insofern muss man das schon ein bisschen relativieren. Aber es bleibt dabei: Wir haben super viele spannende, entwicklungsfähige Spieler und einen tollen Kader.

Eintracht Frankfurt: „Es gehört der Wille dazu, noch einen Tick besser zu sein“

Aber?

Um der beste Kader und eine überragende Mannschaft zu sein, hätte auch der Nachweis gehört, Grenzen verschieben zu wollen und zu können. Das macht für mich eine Eintracht-Mannschaft aus. Zu sagen: „Ja, wir sind, gut wir haben’s drauf, wir sind gute Fußballer, gute Zocker. Aber wenn wir eine richtig gute Mannschaft im Eintracht-Trikot sein wollen, dann gehört der Wille dazu, noch einen Tick besser zu sein, weil wir die eigentlichen Grenzen, die wir spielerisch mitbringen, für uns verschieben.“ So wie das andere Eintracht-Mannschaften, die vielleicht weniger talentiert waren, geschafft haben. Und dann auch mal mit einem güldenen Titel nach Hause gefahren sind.

Das haben Sie in der abgelaufenen Saison vermisst?

Ja, das habe ich, wie viele andere, auch in der einen oder anderen Phase in der Saison vermisst. Unsere Fans haben nicht die Erwartungshaltung, dass eine Eintracht-Mannschaft immer Fünfter werden muss.

Aber da müssen wir mal einhaken: Es hieß, gerade in der letzten Saison oft, die Erwartungshaltung sei zu hoch...

Natürlich gibt es nach den Erfolgen der letzten Jahre auch bei uns eine gestiegene Erwartungshaltung. Ich sehe sie aber etwas differenzierter: Auch ein neunter oder zehnter Platz ist bei uns vermittelbar. Es geht bei Eintracht Frankfurter darum, an Leistungsgrenzen zu gehen, als einzelner Spieler, aber auch als Mannschaft. Eine Mannschaft, die aber an Leistungsgrenzen geht, wird in Frankfurt immer unterstützt und vom Publikum angetrieben und gefeiert – selbst wenn sie verliert.

Das war also nicht so?

Sagen wir es so: Unsere Mannschaft hat die tabellarischen Ziele erreicht, aber sie hat ihr Potenzial zu selten ausgeschöpft. Wir haben in der letzten Saison ja nicht nur Spiele erlebt, nach denen man sagte: „Da sind wir vor Begeisterung aus den Sitzen gesprungen.“ Und die Ursache liegt nicht am nackten Ergebnis, sondern daran, dass wir nicht das Optimum herausgeholt haben. An der Art und Weise.

Und das wird jetzt einfach so besser? Da haben wir schon unsere Zweifel.

Wir haben intern alle einen einmütigen Blick darauf. Es geht jetzt darum zu sagen: Das war die letzte Saison, die haben wir analysiert in aller Tiefe und Schärfe. Jetzt gilt es, die Schlüsse zu ziehen für die neue Runde. Und die Aufgabenstellung habe ich gerade benannt: Da geht es nicht um einen konkreten Tabellenplatz. Es ist auch nicht meine Aufgabe, die sportlichen Ziele vorzugeben. Meine Aufgabe ist aber darauf hinzuweisen, dass das Besondere an diesem Klub ist, dass sich die Menschen damit identifizieren, wenn man mehr rausholt, als man eigentlich im Tank hat. Da geht es um Willen, Mentalität, Bereitschaft. Das müssen wir wieder mehr liefern. Wir müssen uns straffen.

Deshalb sind Sie nach dem Augsburg-Sieg, für viele überraschend, vor die Medien getreten und haben kritische Worte gewählt?

Sie wissen, dass ich mich aus sportlichen Themen heraushalte – außer ich sehe die Gefahr, dass Ziele für den gesamten Klub verrutschen und wir den Hebel nicht in die richtige Richtung umlegen. Von Uli Hoeneß habe ich gelernt, dass man hier eher mal antizyklisch agieren muss. Deshalb habe ich das nach einem Sieg öffentlich hinterlegt.

Eintracht-Mannschaftsbus in Dortmund: „Wir können nicht den Weg mit jungen, entwicklungsfähigen Spielern gehen, um dann zu glauben, wir werden deutscher Meister.“

Haben Sie das Gefühl, es wird fruchten?

Ich habe aus allen Gesprächen über den Sommer ein Gesamtbild gewonnen und es gab bei allen eine doch sehr klare und ehrliche Reflektion, was diesen Klub ausmacht und dass das mitunter im Gegensatz zu dem stand, was wir in der letzten Saison auf die Platte gebracht haben.

Das schließt ja den Trainer, der am Ende gar nicht mehr so fest im Sattel saß, mit ein.

Ich hatte erst kürzlich mit Dino Toppmöller einen sehr guten Austausch. Er hat einen klaren Blick auf die letzte Saison und reflektiert, wo Dinge besser werden müssen. Diese Klarheit imponiert mir. Außerdem hat er eine emotionale Bindung zur Eintracht. Er identifiziert sich total mit dem Klub und ordnet seine Interessen denen des Klubs unter. Er hat seine Vorstellungen formuliert und mit Markus Krösche und der Sportlichen Führung besprochen. Das ist gut. Er hat sich konkrete Verstärkungen im Trainerteam gewünscht. Das ist für mich ein Zeichen, dass jemand nicht in seiner Analyse verharrt in der Vorstellung, es sei alles gut und richtig gelaufen. Dinge verbessern wollen, vor allem, wenn sie den eigenen Aufgabenbereich betreffen, ist ein guter Ausgangspunkt für die neue Saison.

Eintracht-Boss Hellmann: „Platz fünf oder sechs für uns zementiert? Das würde ich sofort nehmen“

Wo sehen Sie die Eintracht im Bundesliga-Ranking aktuell? Und wo soll sie hin?

Wie sind mit unserem Modell, so, wie wir es fahren, am oberen Ende der Möglichkeiten ankommen. Wir können nicht den Weg mit jungen, entwicklungsfähigen Spielern gehen, um dann zu glauben, wir werden deutscher Meister oder qualifizieren uns einfach mal so für die Champions League. Das funktioniert nicht. Schauen Sie sich die Gehaltskosten der ersten vier Klubs an. Da sind wir weit weg. Und in der Bundesliga waren wir in den letzten Jahren im Schnitt Siebter.

Aber in den entscheidenden Spielen war eine andere Eintracht zu sehen.

Ja. Wir haben es durch eine extreme Leistungsexplosion in den K.o.-Spielen immer geschafft, mehr aus uns rauszuholen – das energetische Band aus Publikum, Mannschaft und Umfeld hat auch dazu beigetragen. Aber: Das war auch etwas, was uns nicht gelungen ist in der Conference League in der letzten Saison. Deshalb sage ich: „Wir müssen in den 100-Prozent-Spielen mit 120 Prozent da sein, diese Schärfe und Spannung wieder haben.“

Und im Bundesligaalltag?

Wir haben im Grunde eine gläserne Decke erreicht. Wir werden uns alle anstrengen müssen, das Niveau und die Erfolge zu bestätigen. Wie ich schon letztens gesagt habe, ist die Teilnahme an internationalen Wettbewerben nicht schicksalsgegeben.

Also ist doch, wie bei Heribert Bruchhagen, alles zementiert wieder?

Wenn Sie so wollen, ja (lacht). Aber auf einem anderen Niveau. Platz fünf oder sechs für uns zementiert? Das würde ich sofort nehmen. Denn wir sind schon ziemlich auf dem Höhepunkt dessen, was machbar ist. Oder wir müssten permanent mehr erreichen, als unser Budget hergibt. Aber Vorsicht. Schauen Sie sich die Anzahl der Traditionsklubs an, die vor zehn Jahren alle vor uns standen. Da spielen jetzt viele in der zweiten Liga. Die Gefahr, dass du in einem Traditionsklub-Umfeld durchgereicht wirst, ist riesengroß. Wenn du sportliche Entscheidungen triffst, die nicht zukunftsgewandt und nicht auf Wachstum ausgerichtet sind, ist die Gefahr, dass du in der Spirale nach unten in der zweiten Liga aufschlägst, sehr groß. Wir sind gewarnt durch Klubs, die Champions League gespielt haben und zwei Jahre später abgestiegen sind. Wir sind gewarnt durch Klubs, die glaubten, dass sie mit großem Investorengeld in gestandene Spitzenspieler investieren, dadurch Erfolg kaufen können und jetzt von einer wirtschaftlichen Verlegenheit in die nächste purzeln. All das ist uns Warnung genug.

Aber Ihr Weg ist auch nicht günstig, birgt Risiken, Spieler müssen funktionieren.

Klar, man darf sich nicht viele Fehler erlauben. Aber was wären die anderen Möglichkeiten? Der Spielermarkt ist komplett transparent. Investierst du weniger, dann ist der Entwicklungshebel auch kleiner. Du könntest auch nur in erfahrene Kräfte investieren, was wir uns bei unseren sportlichen Ansprüchen schlicht nicht leisten können und dann vielleicht zwei Jahre funktioniert – bis das dicke Ende kommt. Deshalb: In die Top-Spieler von morgen investieren und diese dann mit einem qualifizierten Trainerteam besser machen. Das ist der Weg und der Auftrag, für den sich Vorstand und Aufsichtsrat in den letzten Jahren entschieden haben.

Es gibt Überlegungen, die Sportliche Führung zu erweitern, zum Beispiel mit Ex-Kapitän Pirmin Schwegler. Wie ist der Stand der Dinge?

Es ist die Aufgabe der Sportlichen Leitung, sich Gedanken darüber zu machen, wie wir den größtmöglichen Erfolg erreichen. Ob das eine Erweiterung in der Sportlichen Führung verlangt oder nicht, muss Markus Krösche entscheiden. Was mir wichtig ist: Wir brauchen Fachleute, die Eintracht Frankfurt verstehen. Das ist total wichtig. Es ist für uns wichtig, dass wir diesen Ansatz bei uns immer wieder stärken. Man muss nicht notwendigerweise zehn Jahre bei uns Profifußball gespielt haben, aber es schadet nicht, wenn du eine Vernetzung in den Klub hast.

Veränderungen hat es auf anderen Ebenen gegeben. Der Präsident hat gewechselt, der Aufsichtsratsvorsitz, neue Leute sind in allen Gremien. Hat dieser Verein solch eine Zäsur gebraucht?

Ein Präsidentenwechsel nach Peter Fischer stellt natürlich eine Zäsur da. Mathias Beck und Peter kennen und schätzen sich, aber Mathias ist ein anderer Typ als Peter. Er hat andere Überlegungen zur Entwicklung des Vereins, der mit 68 Prozent der Anteile Hauptaktionär der Fußball-AG ist. Und das spiegelt sich auch in der personellen Besetzung wider. Die Zahl der Vizepräsidenten hat sich erhöht, weil sich die Aufgaben und Arbeitsfelder des Vereins erweitert haben. Wir haben 143 000 Mitglieder. 15 000 Sportaktive. Dem muss man Rechnung tragen, und wir im Vorstand müssen die neuen Verantwortlichen sehr schnell in die Themenfelder einführen.

Wie geht so was?

Für viele ist das ganze Profigeschäft Neuland. Wir müssen also mehr erklären, tiefer informieren, vor allem bei den neuen Aufsichtsratsmitgliedern. Das Geschäftsmodell, die Kultur und die Eigenheiten von Eintracht Frankfurt müssen richtig vermittelt werden, wenn wir zu guten Entscheidungen kommen wollen.

Die kennt Finanzvorstand Oliver Frankenbach nach so vielen Jahren aus dem Effeff. Er wird aber auch bald gehen? Wie groß ist der Verlust?

Sehr groß. Oliver Frankenbach gibt diesem Klub enorme Sicherheit. Das kann sich jeder Bundesligist nur wünschen. Ich habe aber bei ihm nach Corona den Wunsch gespürt, dass er aufhören will. Und der ist stärker geworden in den letzten Monaten. Das muss man respektieren, und ich weiß aus eigener Erfahrung, dass dieses Geschäft einen aussaugen kann. Ich habe deshalb bei seiner Nachfolge ein großes Interesse daran, dass jemand kommt, der die Bundesliga kennt, Eintracht Frankfurt versteht, Ruhe und Kompetenz ausstrahlt und nicht bei jedem Sturm, der durch Traditionsvereine ab und zu fegt, sofort umfällt. Diese Position ist für meine Arbeit sehr wichtig. Ich habe deshalb mit dem Aufsichtsrat schon vor einem Jahr verabredet, dass nur jemand als Finanzvorstand kommt, der die Aufgabe auch nach meinen Maßstäben bei uns bewältigen kann, und mit dem ich gut und vertrauensvoll zusammenarbeiten werde.

Bei so vielen Wechseln auf Funktionärs-Ebene kommt Ihnen als Urgestein ja noch mal mehr Verantwortung zu.

Ich bin mit dem Ausscheiden von Dieter Burkert mittlerweile der Dienstälteste in den Führungsgremien von AG und Verein. Und es ist klar, dass ich bei DFL, DFB, Uefa und ECA ein großes Netzwerk und einige Erfahrung mitbringe. Wir haben im Führungsteam, also auch in der zweiten Reihe, viele sehr gute und erfahrene Leute. Wir sind besser aufgestellt als vor zehn Jahren. Die Verantwortung wird sich in Zukunft auf mehrere Köpfe verteilen müssen, denn wir sind groß geworden und schnell gewachsen, um daraus eine One-Man-Show machen zu können. Es wäre aber falsche Koketterie, wenn ich mir meiner Rolle bei Eintracht Frankfurt nicht bewusst wäre.

Ist der Klub zu schnell gewachsen?

Wachstum kann man sich nicht aussuchen. Wenn mir jemand vor zehn Jahren gesagt hätte, dass wir seitdem siebenmal international spielen, hätte ich gefragt: Wie soll das funktionieren? Es hat aber funktioniert, weil viele kluge Entscheidungen getroffen wurden. Jetzt sind wir – aus dem originären Bundesligaumsatz heraus – nach Bayern und Dortmund die drittgrößte Kraft geworden. Weil wir eine Riesenunterstützung und ein Riesenumfeld haben, 2,5 Millionen Fans in Deutschland, mehr als 143 000 Mitglieder, tausende Partner. Alle haben dabei ihren Anspruch, der Eintracht nah zu sein. Alle wollen betreut werden.

Das war vor einigen Jahren ganz anders.

Klar. Sehen Sie: Zur Gründung der Fußball-AG hatten wir 25 Mitarbeitende. Jetzt gehen wir auf die 600 zu. Es ist so: Mit der stärkeren Wahrnehmung, dem sportlichen Erfolg und dem Wachstum erwächst eine Service-Erwartung an den Klub. Sie ist Segen und Fluch zugleich. Deshalb sind wir seit sieben Jahren in einem ständigen Personalaufbau. Wir sind an einem Punkt, an dem wir auch mal wieder schauen müssen: Was in den letzten Jahren war gut und vernünftig und wo müssen wir mal wieder eine Grenze ziehen. Also vielleicht mal den Rotstift ansetzen.

Was konkret meinen Sie?

Wir haben immer mehr Leute im Unternehmen, die nicht aus der Erfahrung kommen, dass die Eintracht ein Abstiegskandidat war. Es prägt, wenn du am alten Riederwald aufgewachsen bist. Die meisten Mitarbeitenden kommen aus einer Eintracht-Welt der permanenten Teilnahme an internationalen Wettbewerben. Und deshalb ist es sehr wichtig, zu vermitteln, was diesen Klub ausmacht, wir müssen hier alle näher an das Lebensgefühl Eintracht Frankfurt bringen.

Gutes Stichwort, nämlich: Entfremdung. Die Vip-Loge „Zum Jürgen“ war ein großes Thema, auch der Eintracht-Lachs. Hat sich der Verein von der Basis entfernt?

Nein, der Eintracht-Lachs zum Beispiel ist als Produkt doch gar nicht das Thema. Da geht doch vieles um das Thema Kommunikation, auch bei „Zum Jürgen“. Früher ist jede Veröffentlichung über den Schreibtisch von Philipp Reschke oder mir gegangen. Wenn da jetzt mit der Nordwestkurve geworben wird, hätten wir gesagt: „Nee, Leute, das geht so nicht.“ Aber so ist das durchgerutscht.

Aber der Fakt bleibt ja gleich: Fans müssen ihren Platz für Vips räumen.

Da werden die Dinge miteinander vermischt. Denn: Das eine ist die Kommunikation, die war nicht optimal, da sind wir selbstkritisch. Und dass die Leute, die da seit vielen Jahren zusammen ins Stadion gehen und ihre festen Plätze haben mit ihren Freunden, enttäuscht sind, wenn sie auseinandergerissen werden, das kann ich emotional verstehen. Aber wir haben keine andere Wahl: Und was wir jedem zugesichert haben: Wir versuchen das Bestmögliche, ihnen Ersatzplätze für sich oder ihre Gruppe zu schaffen. Mehr können wir aber nicht machen.

Wo ist da eine Vermischung?

Das andere ist: Dass wir in diesem Stadion Teile der Gegentribüne zu Vip-Räumen im Light-Format umbauen würden, war jahrelang bekannt. Nur war jahrelang die Geschäftstelle da drin. Und die Nachfrage nach Logen und Business-Seats zwischen 2005 und 2015 war gar nicht so groß, dass wir den Teil wirtschaftlich sinnvoll hätten ausbauen können. Wir hatten ja unsere Logen auf der Haupttribüne zu der Zeit nicht mal ausverkauft. Seit Jahren verkaufen wir aber alle Logen, alle Business-Seats, draußen das Zelt ist ausverkauft. Wir haben 3000 Personen oder Unternehmen auf der Warteliste für unsere Vip-Plätze. Die Nachfrage ist riesengroß. Da ist es doch völlig klar, dass wir – nach der Ausbau-Vereinbarung mit der Stadt – diese Räume und Plätze der ursprünglich vorgesehenen Bestimmung zuführen müssen. Wir haben ja auch tausende Stehplätze auf der NWK geschaffen, bei denen wir eine Preisgarantie für einige Jahre gegeben haben. Diese gesamte Ausgewogenheit, mit der wir diese Themen angehen, kommt mir in der Diskussion etwas zu kurz.

Da passt ja, dass mit Adidas ein neuer Partner kommt, der Nike ablöst. Wird die Eintracht zum Aushängeschild des deutschen Ausrüster-Riesen, nachdem er die Nationalmannschaft an den US-Giganten verloren hat?

Das kann man durchaus so sehen. Aber zunächst einmal: Nike war ein starker Partner, der unsere Wachstumsgeschichte mit unseren Erfolgen mitgeschrieben hat. Adidas ist aber ein deutsches Unternehmen und hat einen gewissen Mythos, gerade durch die Nationalmannschaft. Für uns ist das eine tolle Geschichte. Und der Wechsel hat nicht nur wirtschaftliche Vorteile, sondern wir bleiben – um auf Ihre Frage zurückzukommen – in der strategischen Kategorie eines globalen Ausrüsters mit einem komplett partnerschaftlichen Ansatz ganz oben. Das war bei Nike nicht mehr so gegeben. Der Adidas-Deal ist für uns auch Ausdruck dessen, welchen Stellenwert Eintracht Frankfurt in Deutschland und der Bundesliga erlangt hat.

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