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Thomas Kilchenstein
Ingo Durstewitz
Daniel Schmitt
Zwischen Stolz und Dankbarkeit: Trainer Oliver Glasner geht erhobenen Hauptes und weiß nicht, wie es weitergeht.
Immerhin: Den Strohhut hat er noch. Und vielleicht finde er ja ein paar Freunde, die mit ihm feiern wollten, sagte der Verlierer am Samstagabend, einige habe er schon zusammen. „Bis Montag“ wolle er „durchfeiern“, die letzten Wochen waren dann doch anstrengend, sagte Oliver Glasner, der Coach der Frankfurter Eintracht, die eben das DFB-Pokalfinale gegen RB Leipzig mit 0:2 (0:0) verloren hatte. Allerdings gehe es dieses Mal nicht in den Bierkönig auf Mallorca, immerhin das nicht. Feiern nach einer Niederlage? Frustsaufen könnte man das eher nennen. Und so einen schönen Autokorso durch Frankfurt gibt es auch nicht.
„Wir waren wir“
Es war neben aller Enttäuschung und Bitternis über das zurückhaltend und gedämpft gestaltete Finale in dieser Nacht auch die Zeit des Abschiednehmens. Der 48 Jahr alte Coach beendete seine insgesamt erstaunlich erfolgreichen beiden Jahre in Frankfurt, „nach zwei grandiosen Jahren“, wie er sagte. Natürlich war da Wehmut aufgekommen, eine Prise Trauer, es hat ja nur ganz zum Schluss ein paar Irritationen gegeben, Oliver Glasner kann mit erhobenem Haupt die Stadt verlassen, willkommen ist er jederzeit. Entsprechend gestaltete sich auch seine Gefühlswelt, sie schwanke zwischen „Stolz und Dankbarkeit, Teil eines wahnsinnig erfolgreichen Projektes gewesen zu sein“, betonte er. Europa-League-Triumph vor einem Jahr in Sevilla, Achtelfinale in der Champions League, Platz sieben in der Liga inklusive des erneuten Erreichen eines europäischen Wettbewerbs, DFB-Pokalfinale, das alles ist nicht so schlecht, schließlich: „Das war eines der besseren Jahre der Eintracht“, sagte Glasner.
Sportvorstand Markus Krösche, mit dem der Fußballlehrer häufig wegen der grundsätzlichen sportlichen Ausrichtung überkreuz lag, flocht dem scheidenden Coach einen Kranz. „Wir haben gemeinsam eine sehr erfolgreiche Zeit gehabt“, sagte der smarte Fußballboss, man hätte das letzte Spiel sehr gerne gewonnen, „das hat leider nicht geklappt“. Und sogar DFB-Sprecher Jens Grittner bedankte sich bei der Abmoderation der Pressekonferenz im Bauch des Olympiastadions im Namen des Verbandes beim Österreicher, er habe viel für den deutschen Fußball getan, sei eine Bereicherung gewesen.
Hinterher, als draußen auf dem Platz fröhliche Leipziger noch jubilierten, hat Glasner in der Kabine im vertrauten Kreis zum Abschied noch einmal zur Mannschaft gesprochen, die sich am Sonntag in alle Welt zerstreut und die es in dieser Zusammensetzung nicht mehr geben wird: Er werde diese Gruppe „immer im Herzen tragen“.
Als entscheidend empfand er: „Wir waren wir. Wir haben unsere Identität und Persönlichkeit gezeigt.“ Den Profis zollte er auch ohne den Pokaltitel ein riesiges Kompliment, „Fußballspieler sind Künstler. Als Künstler willst du das Publikum begeistern. Chapeau an die Jungs, sie haben das mit Bravour gemeistert“, sagte er. Es sei jetzt nicht die „Zeit, Trübsal zu blasen“. Er empfahl seinen Spielern, „mal richtig die Sau rauszulassen“ und die letzten beiden „wunderschönen Jahre“ Revue passieren und hochleben zu lassen.
Wie es mit dem Trainer Oliver Glasner weitergeht - nachdem er die Feierlichkeiten beendet hat - vermochte er am Samstagabend noch nicht zu sagen: „Keine Ahnung, was ich mache.“ Er habe sich bis zum Pokalfinale im Tunnel befunden, habe sich nicht mit seiner näheren Zukunft beschäftigt. Vermutlich wird das eine oder andere Angebot kommen, der Mann hat sich ja durchaus einen Namen gemacht und dürfte für namhafte Klubs durchaus interessant sein. Über kommende Aufgaben habe er sich noch „keinen Kopf gemacht, es wird schon das Richtige kommen. Wenn nicht, dann kann ich mein Handicap im Golf verbessern.“
Und zu seinem Abschied erzählte Glasner noch einmal diese eine Anekdote, wonach eine ältere Frau ihm bei seinem Dienstantritt vor knapp zwei Jahren in Frankfurt gebeten habe, gut auf die Eintracht aufzupassen. „Ich glaube, ich habe ganz gut aufgepasst. Jetzt werde ich Fan von Eintracht Frankfurt und sage: Passt mir bitte gut auf meine Eintracht auf. Ich werde die Daumen drücken, wenn die Eintracht spielt.“ 97 Pflichtspiele hat er mit der Mannschaft in seiner 24-monatigen Zeit in Frankfurt bestritten -. 68 in der Bundesliga, ein weiteres Drittel in Pokal und in Europa.
Neue Zeit mit Toppmöller
Und wer weiß, für was dieser Rückschlag von Berlin noch alles gut sein wird. Denn jede Niederlage, philosophierte der Coach, sei „wieder eine Chance auf die Zukunft“. Womöglich habe es „diese Schlappe gebraucht, um im nächsten Jahr die Conference League zu gewinnen“. Es ist ein neuer Wettbewerb für die Hessen, nach Europa League und Champions League.
Eine klitzekleine Hürde muss Eintracht Frankfurt freilich dazu noch überwinden, es ist nämlich noch ein Playoff-Aufgabe zu meistern: Am 24. und 31. August werden diesen beiden Begegnungen über die Bühne gehen - dann mit einem neuen Trainer, der Dino Toppmöller heißen wird. Und einer veränderten Mannschaft. Am Samstag in Berlin ist ein spannendes Kapitel geschlossen worden.


