VonChristoph Gschoßmannschließen
Olympia ohne Medaillenspiegel? Was jahrelang unmöglich schien, ist nun fast schon Realität. Im TV sucht man das Ranking meist vergebens.
Paris – Die Olympischen Sommerspiele 1976 in Montreal lösen bei so manchem deutschen Sportfan ein Gefühl der „guten, alten Zeiten“ aus. Das Event war, rein an den Medaillen gemessen, das erfolgreichste der deutschen Geschichte. Die DDR holte sagenhafte 90 Medaillen (40 Gold, 25 Silber, 25 Bronze) und wurde hinter der Sowjetunion Zweiter, die Bundesrepublik landete mit 39 Medaillen (10/12/17) auf Rang 4. Gemeinsam hätte das Rang 1 bedeutet, egal in welcher Zählweise. In Europa wird der Medaillenspiegel nach Goldmedaillen geordnet, in den USA nach Gesamtanzahl der Medaillen. Es gibt auch einen Ewigen Medaillenspiegel.
Im TV ist der Medaillenspiegel kaum noch ein Thema
Nur 1904 in St. Louis endete das Event ebenfalls mit Deutschland auf Rang 2, ansonsten landete das sportbegeisterte Land meist auf den Rängen dahinter. In Paris liegt Team D aktuell (Stand: 10. August 2024) auf Platz 9 (12/9/8). Doch im Gegensatz zu früheren Spielen scheint bei der Berichterstattung im Fernsehen über Paris 2024 viel weniger Fokus auf das Medaillen-Ranking gelegt zu werden.
Obwohl ARD und ZDF in stundenlangen Sendungen über Olympia berichten, taucht der Medaillenspiegel kaum auf. Die Sender zeigen ihn nur einmal am Abend vor Ende der Übertragungen gegen Mitternacht.
Medaillenspiegel als „Relikt des Kalten Krieges“
Der Sportwissenschaftler Lutz Thieme hält das Ranking gar für ein „Relikt des Kalten Krieges“, der Länder und Systeme anhand ihrer Leistungsfähigkeit vergleicht. Und auch für den DOSB zählen nicht nur die Plätze 1 bis 3. Dank vieler Platzierungen in den Top 10 performe die deutsche Mannschaft laut Olaf Tabor „auf internationalem Spitzenniveau“.
Auch die Sportler können wohl gut auf die Berichterstattung des Medaillenspiegels verzichten, schließlich setzt er das gesamte Team unter Leistungsdruck. So äußerte Beachvolleyballerin Karla Borger schon vor drei Jahren im Deutschlandfunk: „Ich wünsche mir einen ehrlichen, einen sozialen Sport und dass dieser Fokus eben auf der Freude am Sport treiben liegt. Und dass wir uns auf den Weg konzentrieren und nicht, ob dann am Ende eine Medaille rauskommt oder nicht.“
Durchwachsene Medaillenbilanz für Team Deutschland schon in Tokio
Schon in Tokio vor drei Jahren fiel die Medaillenbilanz Deutschlands mit 37 Edelmetallen durchwachsen aus, ähnlich wie jetzt. Ob das medaillentechnisch dürftige Abschneiden eine Rolle spielt, dass ARD und ZDF den Medaillenspiegel unter den Tisch fallen lassen? Man möge sich beispielsweise vorstellen, wie die Berichterstattung aussehe, würde Deutschland etwa sensationell in Führung liegen.
Dass die Entscheidung zumindest bewusst gefällt wurde, bestätigt die ARD gegenüber Ippen.Media: „In der Tat blicken wir in den TV-Sendungen weniger auf den Medaillenspiegel als früher“, so Sprecherin Amelie Schwenke-Rolfs. Mit den vielen Zahlen erschließe sich die Tabelle aber ohnehin im Web-Browser besser als im TV. Auf der Sportschau-Website sei der Medaillenspiegel weiterhin ein prominent platziertes Element. Ohnehin bilde der Spiegel „nur einen Ausschnitt der Leistungen ab.“ Weiter heißt es: „Im sportlichen Weltklasseumfeld sind vierte, fünfte oder auch achte Plätze herausragende Leistungen, die nicht in den Medaillenspiegel einfließen.“
„Athleten und Athletinnen an dem messen, was sie sich vorgenommen haben“
Auch im ZDF will man bewusst weniger Fokus auf das Ranking legen. „Die Aussagekraft des Medaillenspiegels sollte nicht überschätzt werden“, erklärte Sportchef Yorck Polus gegenüber Ippen.Media. „Für uns ist es in der journalistischen Berichterstattung wichtig, die Athletinnen und Athleten an dem zu messen, was sie sich vorgenommen haben. Wenn jemand mit persönlicher Bestleistung Fünfter wird, ist das zum Beispiel ein Erfolg, der sich nicht im Medaillenspiegel niederschlägt.“ (cgsc)
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