VonThomas Kilchensteinschließen
Der FC St. Pauli schlägt sich bislang sehr wacker: Hinten dicht, vorne hilft der liebe Gott.
Wie man als Underdog ein hochfavorisiertes Schwergewicht auf die Bretter legt, auch in zwei Spielen, weiß kaum einer so gut wie Alexander Blessin – noch dazu, wenn es für den Trainer des FC St. Pauli gegen Eintracht Frankfurt geht. Blessin, in Stuttgart geboren, Schwabe durch und durch, leitete vor knapp einem Jahr ein Team an, das auf den schönen Namen Royale Union Saint-Gilloise hört, das irgendwo im Speckgürtel Brüssels beheimatet ist und ein paar Monate zuvor seinen besten Stürmer, nämlich Victor Boniface, verloren hatte. Und dieses belgische No-Name-Team fügte seinerzeit in der Conference League den Hessen eine empfindliche Niederlage zu, die nachhaltige Wirkung erzielte, ja fast lähmend wirkte. Dino Toppmöller hat jetzt in einem Jahresrückblick noch einmal dran erinnert, wie schmerzhaft dieses unerwartet frühe Ausscheiden seinerzeit war.
Und wieder kommt Eintracht Frankfurt an diesem Samstag als hoher Favorit ans Millerntor, die Vorzeichen sind klar, trotz des Wirbels um einen möglichen Abgang von Topstürmer Omar Marmoush: Der FC St. Pauli, nach 13 Jahren mal wieder Erstligist, ist der Underdog – eine Rolle, die Alexander Blessin ganz gelegen kommt. Zumal die Jungs vom Kiez nach 15 Spieltagen absolut im Soll sind: Platz 14 mit 14 Zählern, vier Punkte vor Heidenheim auf dem Relegationsplatz und sechs auf den Tabellen-17. Es hätte schlechter laufen können für den etwas anderen Klub, zumal der unerwartete Abgang des Aufstiegstrainers Fabian Hürzeler (nach England zu Brighton & Hove Albion) doch einem Schlag ins Kontor ähnelte. Und der FC St.Pauli musste sich neu erfinden, in der zweiten Liga und unter Hürzler spielten die Braun-Weißen einen anderen Fußball, da dominierten sie häufig den Gegner. Dennoch ist Sportchef Andreas Bornemann bisher zufrieden, die Mannschaft habe „nicht ein einziges Mal enttäuscht“, sagte er.
Zweitbeste Abwehr
Vier Siege hat die bunte Truppe aus Hamburg erringen können, drei davon in der Fremde, der letzte kurz vor Weihnachten spektakulär in Stuttgart beim 1:0. Was die Hanseaten ein wenig mit Sorge beobachten, ist ihre Heimbilanz: Die ist alles andere als berauschend, in sieben Spielen am Millerntor ist ihnen nur ein Sieg gelungen, 3:1 gegen Mitaufsteiger Holstein Kiel, ärgerlicher ist aber: In den sechs anderen Heimspielen blieb der FC St.Pauli jeweils ohne eigenes Tor, die Heimbilanz: fünf Punkte, 3:9 Tore. Das ist nicht gut.
Zeigt aber auf der anderen Seite auch, wo die Stärke des Aufsteigers liegt: in der Defensive. Sie lassen wenig zu, verfügen über einen überdurchschnittlich guten Torwart, Nikola Vasilj, ein Bosnier, und haben in 15 Spielen lediglich 19 Tore kassiert, weniger haben nur die Bayern. Wenn der FC St. Pauli also etwas kann, dann als Kollektiv verteidigen, nicklig und giftig und alle machen mit. Mannschaftliche Geschlossenheit heißt das Zauberwort am Dom. Dazu ist es auch nicht nötig, möglichst lange den Ball zu haben oder sonderlich viele Pässe zu spielen, der Zweck heiligt die Mittel: hinten dicht und vorne hilft der liebe Gott. Vorne sind den Paulianern gerade zwölf Treffer gelungen, weniger hat in der Liga kein Team erzielt. Omar Marmoush hat allein 13-mal getroffen.
Verstärkt hat sich der Kiezklub im Winter mit dem Sechser James Sands (aus New York), Mittelfeldspieler Noah Weißhaupt vom SC Freiburg und Angreifer Abdoulie Cesssay aus Gambia. Alle drei sind für die Startformation gegen Frankfurt keine Option.
Vor kurzem hat Sportchef Bornemann beim Jahresrückblick ein interessantes Ziel ausgerufen: „Wir sind Bundesligaaufsteiger und würden gerne Bundesligist werden.“ Und in der Liga bleiben, was angesichts der ökonomischen Schere zwischen denen da oben und denen da unten nicht ganz einfach ist. Auch deswegen ist Pauli-Präsident Oke Göttlich am Tag vor dem Bundesligastart zum Hamburger Trainingsgelände geeilt, um die Spieler daran zu erinnern, Anteile (zum Preis von 850 Euro) an der im Dezember gestarteten Genossenschaft zu zeichnen, um später die Mehrheit am Millerntorstadion übernehmen zu können. Bislang sind fast 20 Millionen Euro zusammen gekommen. Ein Schritt zu einem richtigen Bundesligisten.
