Legendäre FCB-Geschichte

Beckenbauer mit Salztabletten: Bayerns kurioser Weg zum fünften Pokaltitel 1971

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Am 19. Juni 1971 trafen die Bayern vor 71.400 Zuschauern im Stuttgarter Neckarstadion im fünften Pokalfinale Ihrer Vereinsgeschichte auf den 1. FC Köln. Die ersten vier gewannen sie alle.

Stuttgart / München – Obwohl er die Domstädter fünf Wochen zuvor in der Meisterschaft mit 7:0 deklassiert hatte, wollte sich der FC Bayern in diesem Endspiel nicht als Favorit sehen. Der Grund für diesen Pessimismus lag wohl darin, dass sie zwei Wochen zuvor am letzten Bundesligaspieltag, in welchen sie als Tabellenführer gingen, den Meistertitel nach einer 0:2-Niederlage beim MSV Duisburg noch an die Gladbacher Borussia hatten abtreten müssen.

Tränen, Trauer und Unmut: Die emotionalsten Abschiede beim FC Bayern München

Am 23. Mai 2015 absolvierte Bastian Schweinsteiger gegen Mainz 05 sein letztes Pflichtspiel für den FC Bayern. Es war gleichzeitig sein 500. Bundesligaspiel.
Am 23. Mai 2015 absolvierte Bastian Schweinsteiger gegen Mainz 05 sein letztes Pflichtspiel für den FC Bayern. Es war gleichzeitig sein 500. Bundesligaspiel. © IMAGO / photoarena/Eisenhuth
Rund drei Jahre später wurde Schweinsteiger dann auch mit einem offiziellen Abschiedsspiel verabschiedet. In einem Freundschaftsspiel trat der FCB gegen Schweinsteigers damaliges Team Chicago Fire an.
Rund drei Jahre später wurde Schweinsteiger dann auch mit einem offiziellen Abschiedsspiel verabschiedet. In einem Freundschaftsspiel trat der FCB gegen Schweinsteigers damaliges Team Chicago Fire an. © Philippe Ruiz
Gleich mehrere Bayern-Abschiede erlebte Claudio Pizarro. Der Peruaner verließ den FCB 2017 nach sechs Jahren in Richtung FC Chelsea. Nach einem Zwischenstopp in Bremen kehrte er 2012 zum FC Bayern zurück.
Gleich mehrere Bayern-Abschiede erlebte Claudio Pizarro. Der Peruaner verließ den FCB 2007 nach sechs Jahren in Richtung FC Chelsea. Nach einem Zwischenstopp in Bremen kehrte er 2012 zum FC Bayern zurück. © IMAGO / Lackovic
2015 war dann aber endgültig Schluss. Nach mehr als 200 Spielen und 87 Toren sagte Pizarro den Bayern-Fans „adios“.
2015 war dann aber endgültig Schluss. Nach mehr als 200 Spielen und 87 Toren sagte Pizarro den Bayern-Fans „adios“. © IMAGO / MIS
2017 gab es einen weiteren emotionalen Bayern-Abschied. Kapitän Philipp Lahm beendete seine Karriere beim deutschen Rekordmeister.
2017 gab es einen weiteren emotionalen Bayern-Abschied. Kapitän Philipp Lahm beendete seine Karriere beim deutschen Rekordmeister. © IMAGO/Zoonar.com/Joachim Hahne
Der Weltmeister von 2014 verabschiedete sich auch beim FCB mit einem Titel. Mit seiner Mannschaft sicherte er sich die Deutsche Meisterschaft. Es war die achte Meisterschaft seiner Karriere.
Der Weltmeister von 2014 verabschiedete sich auch beim FCB mit einem Titel. Mit seiner Mannschaft sicherte er sich die Deutsche Meisterschaft. Es war die achte Meisterschaft seiner Karriere. © IMAGO/Zoonar.com/Joachim Hahne
Mit seinem Abschied war Lahm an diesem Tag nicht alleine. Auch Xabi Alonso sagte dem Rekordmeister an diesem Tag Lebewohl.
Mit seinem Abschied war Lahm an diesem Tag nicht alleine. Auch Xabi Alonso sagte dem Rekordmeister an diesem Tag Lebewohl. © photoarena / Thomas Eisenhuth
Gemeinsam gewannen die beiden Weltstars beim FCB drei Meisterschaften, den DFB-Pokal und den Supercup. Zwei grandiose Karrieren, die ein gemeinsames Ende fanden.
Gemeinsam gewannen die beiden Weltstars beim FCB drei Meisterschaften, den DFB-Pokal und den Supercup. Zwei grandiose Karrieren, die ein gemeinsames Ende fanden. © photoarena / Thomas Eisenhuth
Ein Abschied, der zu Tränen rührte. 2019 war nach 12 Jahren beim FCB für Franck Ribéry Schluss. Der Franzose wechselte in die Serie A zum AC Florenz.
Ein Abschied, der zu Tränen rührte. 2019 war nach 12 Jahren beim FCB für Franck Ribéry Schluss. Der Franzose wechselte in die Serie A zum AC Florenz. © IMAGO / Nordphoto
Gemeinsam mit David Alaba bildete der Flügelspieler auf der linken Seite ein europaweit gefürchtetes Duo. Der Abschied des Fanlieblings war daher besonders emotional.
Gemeinsam mit David Alaba bildete der Flügelspieler auf der linken Seite ein europaweit gefürchtetes Duo. Der Abschied des Fanlieblings war daher besonders emotional. © Imago/photoarena / Thomas Eisenhuth
Vor allem auch, weil am selben Tag eine weitere Bayern-Legende in den Ruhestand ging. Arjen Robben verabschiedete sich damals in den vorübergehenden Ruhestand.
Vor allem auch, weil am selben Tag eine weitere Bayern-Legende in den Ruhestand ging. Arjen Robben verabschiedete sich damals in den vorübergehenden Ruhestand. © Imago/ photoarena / Thomas Eisenhuth
Robben war genau wie Ribéry eine Identifikationsfigur der Münchener. Unvergessen: Sein Siegtor im Champions-League-Finale 2013 gegen den BVB.
Robben war genau wie Ribéry eine Identifikationsfigur der Münchener. Unvergessen: Sein Siegtor im Champions-League-Finale 2013 gegen den BVB. © Imago/ photoarena / Thomas Eisenhuth
Aller guten Dinge sind drei: Mit Rafinha wurde am selben tag noch ein weiterer Akteur offiziell verabschiedet. Der Brasilianer lief von 2011 bis 2019 für den FCB auf.
Aller guten Dinge sind drei: Mit Rafinha wurde am selben Tag noch ein weiterer Akteur offiziell verabschiedet. Der Brasilianer lief von 2011 bis 2019 für den FCB auf. © IMAGO / Bernd Müller
Besonders traurig: Rafinha kam bei seinem letzten Spiel nicht zum Einsatz, saß 90 Minuten nur auf der Bank. Eine harte Entscheidung des damaligen Trainers Niko Kovac.
Besonders traurig: Rafinha kam bei seinem letzten Spiel nicht zum Einsatz, saß 90 Minuten nur auf der Bank. Eine harte Entscheidung des damaligen Trainers Niko Kovac. © IMAGO / photoarena/Eisenhuth
2021 sagte ein weiteres Bayern-Urgestein Adieu. Nach 13 Jahren und unzähligen Titeln zog es David Alaba zu Real Madrid.
2021 sagte ein weiteres Bayern-Urgestein Adieu. Nach 13 Jahren und unzähligen Titeln zog es David Alaba zu Real Madrid. © Frank Hoermann / SVEN SIMON
Alaba konnte sich zwar mit dem Gewinn der deutschen Meisterschaft vom Rekordmeister verabschieden. Allerdings musste diese vor leeren Corona-Rängen gefeiert werden.
Vor leeren Corona-Rängen konnte sich auch Alaba mit dem Gewinn der deutschen Meisterschaft vom Rekordmeister verabschieden. © Imago/ Frank Hoermann / SVEN SIMON
Das gleiche Schicksal ereilte Jérôme Boateng und Javi Martinez. Der langjährige deutsche Nationalspieler und der Spanier wurden ebenfalls ohne Zuschauer verabschiedet.
Das gleiche Schicksal ereilte Jérôme Boateng und Javi Martinez. Der langjährige deutsche Nationalspieler und der Spanier wurden ebenfalls ohne Zuschauer verabschiedet. © IMAGO / Poolfoto
Der Gewinn der Meisterschaft dürfte ihnen aber wohl dennoch Trost gespendet haben. Javi Martinez sagte bei seiner Verabschiedung: „Ich habe diesen Verein gelebt, immer alles für ihn gegeben.“
Der Gewinn der Meisterschaft dürfte ihnen aber wohl dennoch Trost gespendet haben. Javi Martinez sagte bei seiner Verabschiedung: „Ich habe diesen Verein gelebt, immer alles für ihn gegeben.“ © IMAGO / Sven Simon
Einen etwas unrühmlicheren Abschied erlebte Robert Lewandowski. Am 14. Mai 2022 stand er das letzte mal für den FC Bayern auf dem Platz. Nach dem Spiel sagte er: „Es ist gut möglich, dass das mein letztes Spiel für die Bayern war.“
Einen etwas unrühmlicheren Abschied erlebte Robert Lewandowski. Am 14. Mai 2022 stand er das letzte mal für den FC Bayern auf dem Platz. Nach dem Spiel sagte er: „Es ist gut möglich, dass das mein letztes Spiel für die Bayern war.“ © IMAGO/Teresa Kröger
Wenige Wochen später verkündete er dann: „Meine Geschichte beim FC Bayern ist vorbei.“ Das sorgte für Spannungen mit der Vereinsführung. Lewandowski wechselte daraufhin zum FC Barcelona.
Wenige Wochen später verkündete er dann: „Meine Geschichte beim FC Bayern ist vorbei.“ Das sorgte für Spannungen mit der Vereinsführung. Lewandowski wechselte daraufhin zum FC Barcelona.  © IMAGO/Alexander Pohl

Der FCB-Weg ins Pokalfinale

Der Weg ins Finale war für die Bayern kein leichter gewesen, in den ersten beiden Pokalrunden mussten sie jeweils ins Wiederholungsspiel: Hessen Kassel (2:2 n.V.; 3:0), 1. FC Kaiserslautern (1:1 n.V.; 5:0). Im Viertelfinale fertigten die Bayern den MSV Duisburg zuhause mit 4:0 ab, der 1:0-Halbfinalsieg beim Bundesliga-Aufsteiger Fortuna Düsseldorf war dagegen wieder eine ganz knappe Angelegenheit.

Verrückte Sperre hätte fast Müllers Endspielteilnahme verhindert

Eine extrem kuriose und aus Bayernsicht sehr ärgerliche Vorgeschichte verhinderte fast die Teilnahme von Gerd Müller am Endspiel. Er drohte wegen einer Sperre aus einem Freundschaftsspiel in Peru, welches fast ein halbes Jahr vor dem Stuttgarter Finale stattgefunden hatte, auszufallen. Der Bomber und die Bayern fuhren jedoch heftige Geschütze auf, so dass er letztendlich doch auflaufen konnte.

Neue Gesichter in FCB-Startformation

Udo Lattek, der gut ein Jahr zuvor das Traineramt beim FCB übernommen hatte, schickte folgende Startelf aufs Feld: Franz Beckenbauer; Sepp Maier; Georg Schwarzenbeck; Franz Roth; Charly Mrosko; Gerd Müller; Rainer Zobel; Dieter Brenninger; Uli Hoeneß; Paul Breitner; Herwart Köppenhöfer.

Im Vergleich zu den Pokalerfolgen 1966, 1967 und 1969 waren in Stuttgart einige neue junge Gesichter dabei, die den FCB in den nächsten Jahren mitprägen sollten.

Müllers Blitztor findet keine Anerkennung - die Bayern geschockt

Das Spiel begann standesgemäß: Gerd Müller versenkte den Ball bereits mit seiner ersten Chance in der 3. Spielminute im Kölner Tor – das Tor fand jedoch wegen einer vermeidlichen (umstrittenen) Abseitsposition des Bombers keine Anerkennung.

Pokalfinale 1971: Franz Beckenbauer bejubelt mit Franz Roth und Gerd Müller seinen Treffer zum 1:1-Ausgleich.

Der erste Treffer, der zählte, fiel dann in der 14. Minute auf der anderen Seite, Bernd Rupp erzielte die überraschende 1:0-Führung für den EffZeh. Die Bayern, die bis zum Rückstand die klar dominierende Mannschaft gewesen waren, waren zunächst geschockt. Die Nationalspieler der Kölner, Wolfgang Overath, Heinz Flohe und Wolfgang Weber, bestimmten das Spielgeschehen, die Bayern fanden nicht mehr zu ihrem Spiel.

Nach einer halben Stunde war die bayerische Schockstarre jedoch beendet, die jungen Münchner kamen zu mehreren hochkarätigen Chancen, fanden dabei aber immer wieder ihren Meister im überragend haltenden FCK-Torhüter Milutin Soskic, der eigentlich nur Ersatz hinter Manglitz gewesen war. Die Bundesliga-Bestechungsaffäre hatte zu dem Zeitpunkt bereits begonnen …

Der „Kaiser“ sorgt höchstpersönlich für den Ausgleich - unerwartete Spielwendung?

In der 52. Minute glich Beckenbauer zum mittlerweile hochverdienten 1:1 für die Bayern aus. Ab diesem Zeitpunkt übernahm der FCB die totale Spielkontrolle, die Kölner schienen sich in den ersten 45 Minuten verausgabt zu haben. Die Münchner Führung schien nur eine Frage der Zeit zu sein. Dazu in der 75-Jahres-Chronik des FC Bayern: Kaiser Franz war nun wieder, wie schon zu Beginn des Spiels, Libero, Mittelfeldspieler und Stürmer in einem“. Soskic hielt jedoch fantastisch.

Dann brannten jedoch Herwart Koppenhöfer in der 71. Minute, mitten in der größten Drangphase der Bayern, die Sicherungen durch. Nach einer vom Kölner Nationalspieler Hannes Löhr provozierten Tätlichkeit flog der Verteidiger vom Platz.

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Koppenhöfer, der in der Saison 1970/71 einen Stammplatz bei Udo Lattek hatte, verlor diesen nach dem Final-Blackout in der Folgesaison und verließ im Sommer 1972 den Verein.

Bayern holen in Unterzahl den Pokalsieg

Sollte dies die abermalige Wende im Spiel sein? Entschied eine Unbeherrschtheit das hochklassige DFB-Pokal-Finale 1971? Nein: Das Spiel ging in die Verlängerung, in welcher die Münchner überraschend in Unterzahl die bessere Kondition hatten. Sie gewannen die Mehrzahl der Zweikämpfe und hatten die besseren Torchancen.

In der 118. Minute dann die Entscheidung: Vom „Laufwunder“ Rainer Zobel glänzend vorbereitet, schmetterte der Mitte der zweiten Halbzeit für Roth eingewechselte Edgar Schneider den Ball hoch rechts in das Kölner Tor – der fabelhafte Soskic war zum zweiten Mal geschlagen.

Schneider entwickelte sich in jener Saison zum „Köln-Schreck“. Bei seinen 20 Bundesliga-Einsätzen traf er ganze zweimal – und dies beim 7:0-Sieg Mitte Mai gegen den 1. FC Köln.

Pokalsieg in Unterzahl, insgesamt nun schon der fünfte bei ebenso vielen Finalteilnahmen (1957; 1966; 1967; 1969; 1971)! Das Vize-Double verhindert! Auch kein damals noch mögliches Wiederholungsspiel, welches in Unterzahl durchaus das Ziel der Bayern hätte sein können.

Der Kaiser hat das letzte Wort

So jubelten am Ende wieder die Bayern. Das Fazit des Kaisers: „Es war ein sehr gutes und ein dynamisches Finale mit letztem Einsatz auf beiden Seiten bis zum Schluss. Ich glaube, dass wir verdient gewonnen haben.“

Anders als bei den Endspielen in den 1960er Jahren waren die Temperaturen in Stuttgart kühl, was in Unterzahl sicherlich kein Nachteil war, wie auch Beckenbauer zugab. „Mir hat das Spiel kräftemäßig nichts ausgemacht. Ich hatte vorher Salztabletten genommen, die sind sehr gut für die Muskeln.“

Herrlich heile (Fußball-)Welt!

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