VonIngo Durstewitzschließen
Eintracht-Sportchef Krösche hat das Gehalt im Auge und vermeidet Harakiri-Aktionen„Wir haben uns für den nachhaltigen Weg entschieden, und der ist richtig.“
In diesen Tagen, da endgültig feststeht, in welchem internationalen Wettbewerb Eintracht Frankfurt in der neuen Saison teilnehmen darf, ist Sportvorstand Markus Krösche gefragt worden, ob sich die Europa League für ihn richtig anfühle. Der 43-Jährige wirkte tatsächlich nicht so, als müsse er sich verstellen, als er sagte: „Ich freue mich total darauf. Wir haben dort eine Historie, haben den Titel gewonnen.“ 2022, in Spanien, mit Feierbiest Oliver Glasner und allen anderen. Schon wieder lange her.
Die Helden von Sevilla tragen den Triumph noch in sich, er wird sie immer vereinen, doch die meisten sind schon wieder weg. Nur Kevin Trapp, Tuta und Ansgar Knauff sind aus der Startelf noch da, dazu Jens Grahl und Timmy Chandler, sonst gar keiner, von den fünf coolen Elferschützen natürlich auch keiner. Aber, okay, das ist bekannt mittlerweile, so geht es in der Branche, gerade in Frankfurt - mit Hochdruck alle durchgeschleust. Ein Teil des Geschäftsmodells. Ein bei Fußballromantikern umstrittenes, aber erfolgreiches.
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So oder so: Die Eintracht und der zweithöchste europäische Wettbewerb – das gehört irgendwie zusammen, mit der drittklassigen Conference League fremdelte der ganze Klub, und die Königsklasse, ja, die ist zwar erstrebenswert, „finanziell eine super Geschichte“, wie Krösche sagt, aber halt doch eine andere Hausnummer. Natürlich hätte sich die Eintracht nicht gewehrt und beschwert, wenn Borussia Dortmund den Henkelpott gestemmt und ihr so auf Umwegen ein Ticket gelöst hätte, doch so richtig böse ist Markus Krösche nicht. „Das ist ein anderes Level, da brauchst du andere Strukturen und eine andere Konstanz.“ Nichts davon hat die Eintracht. Insofern sei die Europa League genau richtig, „um sich das zu erarbeiten“. Aber klar: 30 bis 40 Millionen Euro Mehreinnahmen hätten vieles leichter gemacht.
Es fließt ordentlich Kohle
An der generellen Philosophie hätte sich aber nichts geändert. Die Eintracht hat sich auf eine Politik der ruhigen Hand festgelegt, auf eine Unternehmenskultur, die nicht auf Harakiri oder den schnellen Erfolg fußt. Weit weg von den Gehältern der Topklubs oder von extern gepamperten Vereinen. Daran hat sich nichts geändert, das ist noch mal eine andere Welt, obwohl die Eintracht ihr Gehaltsniveau auch deutlich nach oben angepasst hat, da fließt schon ordentlich Kohle auf die Konten der Spieler. Auf einem Niveau oberhalb der Mittelklasse, aber noch immer unterhalb der absoluten Spitze. Und diesen Pfad der Tugend wird Markus Krösche nicht verlassen.
Natürlich, räumt der Sportboss ein, habe die Eintracht gerade im vergangenen Jahr gutes Geld eingenommen, „aber wir haben versucht, es sinnvoll zu investieren“. Also in gute, aber unfertige Spieler, die eine Perspektive haben, in denen Fantasie steckt, für die man sehr wohl schon tiefer in die Tasche greifen muss, „mal hier neun Millionen, mal dort acht Millionen, mal für Hugo Larsson 8,5 Millionen,“ wie der Manager frank und frei zugibt. „Da haben sich schon viele gefragt: So viel Geld für einen 19-Jährigen?“ Aber, so Krösche weiter: „Wir haben uns für den nachhaltigen Weg entschieden, und der ist richtig. Wir können Spieler entwickeln.“ Und diese bieten dann dem Klub die Chance, sie unter Umständen für noch mehr Zaster weiterzuverkaufen. Krösche nennt das: „In Potenzial investieren.“
Und er skizziert auch die andere Möglichkeit, den anderen Weg, den er für Eintracht Frankfurt aber schlecht gangbar hält und sogar als ziemlich riskant erachten würde. „Wir hätten auch die Strategie fahren können: Wir investieren in Aktualität, also in Jungs, die uns jetzt helfen.“ Der Haken an der Geschichte: „Die Kostenseite schießt nach oben, denn Spieler, die sofort weiterhelfen, haben einen anderen Gehaltanspruch als Spieler mit Potenzial.“
Klingt logisch, genauso wie die Conclusio aus einem solch kostspieligen Ensemble: „Gleichzeitig musst du dann außergewöhnliche Leistungen erbringen, um die Mannschaft nachhaltig zusammenzuhalten. Das bedeutet Champions League. Dann setzt du alles auf eine Karte.“
Krösche lobt „sehr, sehr gute Leistung“
Und sollte man krachend scheitern, einmal, zweimal, jongliert man plötzlich einen sündhaft teuren Apparat, den man gar nicht mehr gegenfinanzieren kann. Das ist schon vielen Eintagsfliegen so gegangen, die dann in der Versenkung verschwunden sind. „Es ist ein Risiko, in diese Gehaltsklasse einzutreten, ein Risiko, das uns nachher als Klub gefährden kann.“
Daher habe man bei der Eintracht versucht, eine „eine Mischung zu finden“, sagt Krösche. „Auf der einen Seite Erfahrung und Aktualität, aber auch in Potenzial zu investieren. Da können wir uns entwickeln, behalten aber unsere Gehaltsstruktur im Auge. Und haben trotzdem das Entwicklungspotenzial, um oben reinzustoßen.“
Das hat in den letzten Jahren oft genug geklappt, kein Verein unterhalb der Topklubs hat so oft international gespielt wie die Eintracht: sechsmal in den vergangenen zehn Jahren, jetzt im vierten Jahre hintereinander. „Das ist eine sehr, sehr gute Leistung“, befindet Krösche. Aber es ist nicht selbstverständlich. „Es kann uns immer passieren, dass wir mal nicht international spielen.“ Aber dann habe der Klub „einen Fallschirm durch die Potenziale, die wir im Kader haben, um den finanziellen Verlust aufzufangen.“ Also begehrte Spieler teuer verkaufen. Auch wenn nicht jeder 95 Millionen bringt.
