VonMelanie Gottschalkschließen
Biathlon-Ass Grete Gaim hat schwere Zeiten erlebt. Nun fühlt sie sich wieder besser und spricht offen über ihre Probleme.
Tallinn – Der Biathlon-Stern von Grete Gaim ging vor elf Jahren auf, damals wurde die Estin völlig überraschend Jugend-Weltmeisterin in der Verfolgung. Sie schien eine große Karriere vor sich zu haben, doch dieser Titel blieb ihr größter Erfolg. Trotzdem kämpfte die heute 30-Jährige immer weiter für ihre Liebe zum Biathlon, sicherte sich einen Platz im Weltcup. Im vergangenen Winter ging sie jedoch lediglich zweimal im zweitklassigen IBU-Cup an den Start. Den Grund dafür machte sie nun öffentlich.
| Grete Gaim | |
|---|---|
| Geboren am: | 21. Mai 1993 (Alter 30 Jahre), Tartu, Estland |
| Disziplin: | Biathlon |
| Größte Erfolge: | Jugend-Weltmeisterin in der Verfolgung |
Grete Gaim spricht offen über ihre Depressionen
Im estnischen Podcast „Nur Mädchen im Sport“ erklärte Gaim, dass sie mit Depressionen zu kämpfen gehabt habe: „Ich konnte sehen, wie ernst dieses Problem ist, aber es ist immer noch ein Tabuthema.“ Schon seit mehreren Jahren habe sie immer wieder depressive Phasen gehabt, im vergangenen Jahr dann aber ging es ihr sehr schlecht.
„Vor einem Jahr war es am schlimmsten. Ich war gerade an Covid-19 erkrankt und hatte überall gesundheitliche Probleme und Schmerzen. Ich wollte immer schlafen. Anfangs dachte ich, es wären Folgen des Coronavirus, doch nach einer Zeit habe ich wieder begonnen, zu trainieren, und es war immer noch sehr schwierig“, sagte Gaim. Als sie dann mit der Mannschaft ins Trainingslager nach Frankreich gefahren sei, habe sie einfach nur noch nach Hause gewollt.
Verwandte rieten Grete Gaim, ihre Biathlon-Karriere zu beenden
Ihre Verwandten hätten ihr geraten, die Saison auszusetzen oder gar ganz mit dem Biathlon aufzuhören. „Das wollte ich aber nicht. Stattdessen machte ich eine Pause zu Hause.“ Zwei Monate habe sie dort verbracht. „Es war eine sehr, sehr dunkle Zeit. Ich habe ein bisschen trainiert, aber es waren schreckliche Trainings, ich bin einfach dahinvegetiert“, erzählte die 30 Jahre alte Gaim in dem Podcast zu ihrer Erkrankung. Sie habe drei Tage nur an die Decke gestarrt und nicht gewusst, wie es weitergehen soll.
Doch sie entschied sich, nicht aufzugeben und suchte sich Hilfe. „Ich habe einen Therapeuten aus England gefunden, mit dem es sofort ein gutes Feeling gab. Ein Teil der Therapie war, wieder Dinge zu finden, die mir Spaß machen.“ In kleinen Schritten fand sie zurück. Sie habe auch eine Essstörung während der Therapie überwunden, erzählt Gaim. „Ich habe das Gefühl, dass ich mit einigen Dingen Frieden geschlossen habe.“
Geisenberger, Frenzel & Co.: Diese deutschen Wintersport-Stars haben 2023 ihre Karriere beendet




Grete Gaim konnte im Oktober 2022 noch nicht über ihre Erkrankung sprechen
Bereits im vergangenen Oktober zum sogenannten Welttag für psychische Gesundheit hatte die 30-jährige Biathletin in einem langen Post auf Instagram über mentale Gesundheit und allgemein über ihre Krankheit geschrieben. Damals sagte sie, sie sei noch nicht bereit, ihre Erfolgsgeschichte zu teilen, ebenso wenig wollte sie zu diesem Zeitpunkt über ihre „psychischen und physischen Schmerzen“ sprechen, die sie erlebt hatte und immer noch erlebte.
Schon damals stellte sie heraus, wie wichtig es sei, sich Hilfe zu suchen, dass man eine psychische Erkrankung nicht alleine durchstehen müsse. Gaim habe das aber auch erst lernen müssen, „weil wir alle in der Lage sein sollten, auf uns selbst aufzupassen.“ Doch manchmal geht das eben nicht.
Gaim möchte im Biathlon-Weltcup wieder angreifen
Nun konnte Gaim öffentlich über ihre Depression sprechen, ihre sportliche Karriere will sie fortsetzen. „Ich spüre, dass ich wieder glücklich bin. Mein Traum wäre es, wieder komplett in die richtige Spur zu finden und vielleicht Ende November in Topform zu sein.“ Dann beginnt die neue Biathlon-Saison und vielleicht ist es für Gaim ja genau der richtige Zeitpunkt, um einen Neustart in ihrem Sport zu wagen.
Um eine Vorreiter-Rolle zu übernehmen, sprechen immer mehr aktive oder ehemalige Sportler und Sportlerinnen öffentlich über ihre Probleme. Auch ZDF-Experte und Ski-Legende Marco Büchel schrieb erst kürzlich auf seinem Instagram-Kanal über seine Erkrankung. (msb)
Wenn Sie oder eine Ihnen bekannte Person unter einer existentiellen Lebenskrise oder Depressionen leidet, kontaktieren Sie bitte die Telefonseelsorge unter der Nummer: 0800-1110111. Hilfe bietet auch der Krisendienst Psychiatrie für München und Oberbayern unter 0180-6553000. Weitere Infos finden Sie auf der Webseite www.krisendienst-psychiatrie.de.
Rubriklistenbild: © Screenshot: biathlonlilg/instagram

