VonPeter Gradschließen
Völlig überraschend verließ Leroy Sané im Sommer den FC Bayern, um sich Galatasaray Istanbul anzuschließen. Offenbar ein großer Fehler.
Istanbul / München – Der deutsche Nationalspieler Leroy Sané lief insgesamt fünf Jahre im Trikot des FC Bayern auf. Trotz seines riesigen Talents und einiger großartiger Phasen war er nie unumstritten, die Kritik kam dabei weniger von seinen Teamkollegen und Trainern als vielmehr von den Medien und Anhängern des Rekordmeisters.
Natürlich ging es bei dem Wechsel des 29-Jährigen auch um eine Stange Geld, aber wohl noch viel mehr um die öffentliche Wertschätzung. Diese schien ihm schon bei seinem ersten Trip in die türkische Metropole auf dem Flughafen nahezu im Übermaß geschenkt zu werden. Er wurde von tausenden Gala-Fans enthusiastisch begrüßt und gefeiert. Ein Erlebnis, das er so aus München nicht gekannt hatte. Die Zukunftshoffnung des hochsensiblen technisch äußerst versierten Spielers, obwohl ihm der Abschied von Verein, Mitspielern und Trainerteam sichtbar sehr schwer fiel.
Sanés München-Szenario wiederholt sich in Istanbul
Nach drei Monaten in Istanbul holt ihn nun die Vergangenheit ein. Obwohl der amtierende Meister mit sieben Siegen vorzüglich in die türkische Süper Lig Saison gestartet ist, wartet man bei Sané noch, dass der Knoten – zumindest in Sachen Torbeteiligungen – platzt. Die enorm hohen Erwartungen kann er mit lediglich einem Tor und einem Assist noch längst nicht erfüllen. Eine weitere Torvorlage lieferte er beim CL-Auftakt bei Eintracht Frankfurt zum Gala-Führungstreffer.
Anschließend ging er jedoch mit seinem Team unter. Obwohl zur 1:5-Klatsche vor allem katastrophale Abwehrschnitzer beitrugen, wurde nicht zuletzt der 70-fache Nationalspieler (14 Tore) zum Sündenbock gemacht.
Als Galatasaray nun am 2. CL-Spieltag fast schon sensationell den englischen Champion und Titelaspiranten Liverpool mit 1:0 besiegte, saß Sané 90 Minuten lang auf der Bank. Sein Teamkollege Ilkay Gündogan, mit dem er bereits zusammen bei Manchester City und viele Jahre in der Nationalmannschaft gespielt hatte, äußerte sich nach der Partie gegenüber Sky zur Sané-Situation.
„Ich will jetzt Leroy nicht in Schutz nehmen. Leroy weiß selbst, dass er noch viel Potenzial nach oben hat. Er weiß auch, was er besser zu machen hat. Wir reden viel, er weiß das, er versteht es und er arbeitet daran. Das sieht man.“
„Spieler, der sich für die Mannschaft opfert“
Gündogan bittet darum, seinen Teamkollegen nicht immer nur an Toren zu messen. „Am Ende ist er auch ein Spieler, der sich für die Mannschaft opfert. Es kommt oftmals zu kurz, wie er auch nach hinten arbeitet und Sprints gemacht hat, das ist für solch einen Spieler von so einem Status auch nicht so selbstverständlich. Für mich ist wichtiger zu sehen, dass er diese aufopferungsvolle Bereitschaft hat, als dass er Tore schießt oder Assists gibt.“
Die Aussagen des ehemaligen Mannschaftskapitäns der deutschen Nationalmannschaft erinnern frappierend an diejenigen seiner FCB-Kollegen und -Cheftrainer. Immer wieder wurde sein Charakter hervorgehoben, sein Einsatzwille, seine Bereitschaft, auch weiteste Laufwege in der Defensive zu gehen, gelobt.
Die Öffentlichkeit hat es dagegen stets bevorzugt, seine Mimik und Gesten zu interpretieren, misszuinterpretieren. Sané war, ist und wird immer ein hochsensibler Spieler bleiben. Nie fehlte es ihm am (Einsatz-)Willen, eher am Selbstvertrauen, gerade wenn die ersten Spielaktionen im Spiel schief gingen. Hochtalentiert, aber anfällig. Jede vergebene Chance, die er sich häufig selbst durch seine bemerkenswerte Technik, Schnelligkeit und Kondition erarbeitet hatte, wurde ihm dann medial auf dem Tablett serviert – was ihn in München in zunehmendem Maße belastete.
Bereut Sané bereits seinen FCB-Abgang?
Seine Flucht aus der Bundesliga – seine letzte Halbserie beim FC Bayern gehörte zu seinen besten – scheint sich immer mehr als Fehler herauszustellen. Bei Mitspielern, Trainer Kompany und der sportlichen Leitung hoch angesehen, gewann er zusehends an Selbstvertrauen, seine Leistungen stabilisierten sich auf einem hohen Level. In Istanbul muss er nun erneut durchstarten, wenigstens erkennen dort auch seine Teamkollegen seinen unbedingten Willen.
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