Der Fall Woltemade oder: Wie krank ist der Profifußball?
VonPeter Grad
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Der teilweise unsägliche Transferpoker zwischen dem VfB Stuttgart und dem FC Bayern um Nick Woltemade schien beendet. Und nimmt nun auf nahezu erschreckende Weise wieder Fahrt auf. Ein Kommentar.
München – Die Macht des Geldes erobert mehr und mehr den Volkssport Fußball. Die Diskussionen, die früher am Stammtisch geführt wurden, heute dagegen hauptsächlich in den Internetforen ausgetragen werden, verlagern sich zunehmend von Expertengesprächen über das Geschehen auf dem Rasen auf gesellschaftliche, „finanzpolitische“ Themen. Während die Ultras auf den Rängen fast schon naiv den „modernen Fußball“ verteufeln, eskalieren die Meinungen in der restlichen Fußballwelt.
Dabei hätten die Ultras, die insgesamt auf wenig Zustimmung bei den normalen Fußballfans stoßen, eigentlich eine große Mehrheit, was ihre romantische Fußballader betrifft, hinter sich. Denn immer mehr einst begeisterte Anhänger des Volkssports wenden sich von diesem aufgrund der finanziellen Auswüchse ab, bei vielen anderen lässt die Euphorie, das Interesse nach. Viele Fußball-Liebhaber versuchen aber auch, sich rein auf das Geschehen auf dem grünen Rasen zu konzentrieren und das unerträgliche Drumherum zu ignorieren.
„Causa Woltemade“ - nicht gut für die Bundesliga
Die neueste Entwicklung in der „Causa Woltemade“ ist ein neuer trauriger Höhepunkt im deutschen Profifußball. Der 2-fache Nationalspieler, vor einem Jahr fast unbemerkt ablösefrei vom SV Werder Bremen nach Stuttgart gewechselt, konnte mit einer exzellenten Rückrunde seinen Marktwert von einem mittleren einstelligen Millionenbetrag kontinuierlich auf 30 Millionen Euro steigern. Der FC Bayern zeigte ab Mitte Juni verstärktes Interesse an ihm, Florian Wirtz war lieber nach Liverpool gegangen, Leroy Sané auf dem Weg nach Istanbul, die Vereinsikone Thomas Müller auf Abschiedstour und dann verletzte sich auch noch Jamal Musiala schwer bei der Klub-WM.
Spielerseite und FC Bayern hatten sich längst auf eine gemeinsame Zukunft geeinigt, nur der VfB Stuttgart stellte sich quer, lehnte selbst ein drittes Angebot mit einem Gesamtvolumen (inkl. Woltemade-Verzicht auf eine ausgehandelte Weiterverkaufsprämie) von 75 Millionen Euro ab. Ein großer Teil von Fußball-Deutschland hielt schon diese Summe für verrückt und der lange Zeit viel gescholtene Max Eberl wurde endlich für seinen umgesetzten Sparkurs gelobt.
Ein Coup und viele Flops: Max Eberls Transferbilanz spricht Bände
Das ist schon wieder Schnee von gestern. Der durch einen milliardenschweren Investor aufgetakelte PL-Club Newcastle United wedelt mit einem Angebot über insgesamt 90 Millionen und die gegenüber dem deutschen Rekordmeister so standhaften Schwaben werden doch noch schwach, obwohl man kurz zuvor der eigenen begeisterten Anhängerschaft noch die Unverkäuflichkeit des Hochtalentierten verkündet hat. Und das Lob für den FCB-Sportvorstand verwandelt sich auch schon wieder in beißende Kritik, obwohl grundsätzlich nicht er, sondern der mächtige Aufsichtsrat das Rekordmeisters um Uli Hoeneß den Sparkurs verordnet hatte.
Viele sehen nun die Gewinner im hartnäckigen VfB, dem Spieler und (möglicherweise) in Newcastle - wenn der 23-Jährige letztendlich seinen dreifachen aktuellen Marktpreis auch wirklich wert sein wird. Den FC Bayern, speziell Eberl - natürlich - als großen Verlierer, der nun mit viel Häme überzogen wird. Was für ein unsäglicher Blödsinn! Bundesligavereine, auch der FC Bayern, müssen strikt wirtschaften, können auf der Ausgabenseite immer weniger mit den Engländern mithalten. Die Strahlkraft der Premier League. Die mit Abstand populärste Liga der Welt, die bis zum letzten Winkel größtes Interesse erweckt.
Der englische „Pakt mit dem Teufel“
Das Ganze ist aber auch ein Pakt mit dem Teufel. Zahlreiche PL-Vereine sind mittlerweile Spielobjekte von ausländischen Milliardären. Im deutschen Profifußball werden solche durch die 50+1-Regel verhindert. Was im Worst Case passieren könnte, wird seit über einem Jahrzehnt beim Münchner Lokalrivalen im noch kleineren Drittliga-Rahmen, aber auf drastische Weise, demonstriert. In England verkommt der Fußball immer mehr zum „Hobby für Reiche“, die Ticketpreise können sich viele Fans von früher schlichtweg nicht mehr leisten. Auch für die so wichtigen TV-Einnahmen muss man auf der Insel noch viel tiefer in die Tasche greifen als hierzulande.
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Die Stimmung in vielen englischen Stadien ist im Vergleich zu früher erheblich gesunken, teils erbärmlich. Viele englische Fußballfans, die großartige Stimmung in der Arena erleben möchten, reisen mittlerweile zu Bundesliga-Spielen. Die Premier League ist viel mehr Spektakel und Entertainment für die gesamte Fußballwelt als Erlebnis für die englischen Fußballfans, vor allem die nachdenklichen, reflektierenden.
Deutsches Fußball-Horrorszenario
Aber was will eigentlich Fußball-Deutschland? Ist das einzige Ziel nach wie vor, die Dominanz des FC Bayern zu brechen, in dem man ihn mit allen Mitteln auf das bescheidene Niveau der restlichen Bundesligavereine runterzuziehen versucht? Die Bundesliga verliert wieder einen charismatischen Spieler, eigentlich sehr bitter. Aber dieser Fakt wird weniger bedauert als die „Niederlage“ der Bayern gefeiert wird. Insgesamt leider erbärmlich. Aber es könnte für Fußball-Deutschland noch schlimmer kommen: Der Rekordmeister dominiert weiterhin das nationale Geschehen, alles auf (noch) niedrigerem Niveau und verliert - wie die BL-Konkurrenten - international den Anschluss.
„Clevere Schwaben“
Eine Bemerkung zu den gefeierten „cleveren“ VfB-Verantwortlichen: Man benötigt nun schnellstmöglich einen Ersatz für Woltemade. Die Klubs der potenziellen Wechselkandidaten wissen nun aber, wieviel der VfB durch den Newcastle-Deal auf dem Konto hat. Das wird definitiv teurer. Und schauen wir ein Jahr voraus: Es könnte möglich sein, dass Nationalkeeper Alexander Nübel 2026 endgültig den FCB verlässt, erster Kandidat wäre Stuttgart. Nübels derzeitiger Marktwert: 12 Millionen Euro. Es könnte einen „Woltemade-Faktor“ geben: Das ist der dreifache Marktwert.