Reicht es für den FC Bayern nicht für Europas Spitze, Markus Babbel?
VonAdrian Kühnel
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Der FC Bayern erfährt bei Arsenal die erste Saisonpleite. Nach dem 1:3 in der Champions League äußert sich Ex-Bayern-Profi Markus Babbel im Interview.
London/München – Der FC Arsenal war für den FC Bayern am Mittwochabend in der Champions League eine Nummer zu groß. Markus Babbel analysiert im Interview mit Absolut Fussball, dem Fußball-Portal mit Home of Sports, die Niederlage der Münchner, spricht über die vermeintlichen Patzer von Manuel Neuer und über die WM-Chancen von Lennart Karl.
Nein, definitiv nicht. Es war ein absolutes Spitzenspiel, weil sowohl Arsenal als auch die Bayern in ihren jeweiligen Ligen extrem dominant auftreten. Arsenal war für mich bereits im Vorfeld einer der Top-Favoriten auf die Champions League, weil sie einen unfassbaren Kader haben, den ich bei keinem anderen Verein sehe. Nicht einmal Real Madrid oder Barcelona. Was Arsenal für einen Kader hat, ist unbeschreiblich. Die haben eigentlich zwei 1A-Mannschaften. Wenn man sieht, wer da auf der Bank sitzt, wenn man sieht, wer verletzungsbedingt noch gar nicht dabei ist – das ist schon beeindruckend.
Max Eberl sprach nach dem Spiel von einem „organisierten Chaos“, das Arsenal verursacht habe. Er sagte, man merke es im ganzen Stadion bei jedem Balljungen – alles sei darauf aufgebaut, den Gegner zu schikanieren und den Schiedsrichter ein Stück weit auf seine Seite zu ziehen. Wie haben Sie das gesehen?
Dass er so redet, kann ich total gut nachvollziehen. Das ist mit Sicherheit der Eindruck, den er im Stadion hatte. Arsenal setzt natürlich darauf, viele Standardsituationen zu bekommen, weil sie wissen, dass sie dort eine brutale Waffe haben. Wenn man sieht, wie das 1:0 zustande kommt – das ist wirklich perfekt, aber hart an der Grenze. Kann man pfeifen, muss man nicht pfeifen. In Deutschland wäre es gepfiffen worden. Hier auf der Insel nicht, weil es als normaler Zweikampf gilt. Dadurch kommst du genau diese eine Sekunde aus deinem Ablauf raus und hast keine Chance mehr.
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Welche Schuld trifft Manuel Neuer, der am Fünfer zu spät kam gegen Torschütze Jurriën Timber, der ihn vorher allerdings etwas geschubst hatte?
Dafür kann Manuel Neuer überhaupt nichts, das war kein Fehler, sondern das war einfach extrem gut gemacht von Arsenal. Neuer hatte keine Chance, darauf zu reagieren.
Beim dritten Gegentor stürmte Gabriel Martinelli aufs Tor, Joshua Kimmich verlor ihn, Neuer lief raus, Martinelli zog an ihm vorbei und schob den Ball ins Tor. War Neuer zu sehr ins Risiko gegangen?
In dem Moment ist er natürlich zu sehr ins Risiko gegangen. Auf der anderen Seite ist es seine Spielweise, mit der er schon wahnsinnig viele solche Situationen unterbinden konnte. Das ist das Spiel von Manuel Neuer und generell vom FC Bayern – sie haben einen Torwart, der quasi Libero spielt, wenn sie so hoch stehen. Du musst eine Entscheidung im Bruchteil einer Sekunde treffen. Er hat sich in dem Moment falsch entschieden. Aber für genau diese Spielweise haben wir ihn in der Vergangenheit gelobt und gepriesen, wenn es gut gegangen ist.
Max Eberl sagte vor dem Spiel gegen Arsenal der Sport Bild, Neuer müsse mit zur WM. Was sagen Sie dazu?
Dass er von seinem Können her nach wie vor der beste deutsche Torhüter und sogar einer der besten in Europa ist, darüber gibt es keine zwei Meinungen. Aber er hat seinen Rücktritt erklärt und deswegen stellt sich für mich die Frage gar nicht. Er ist verabschiedet worden, er hat bewusst diesen Schritt gemacht. Ganz ehrlich, so wie unsere deutsche Nationalmannschaft im Moment auftritt, würde ich ihm raten, zu Hause zu bleiben und sich zu regenerieren. Mit der deutschen Nationalmannschaft wird er definitiv nicht Weltmeister. Ein Manuel Neuer wird nur mit zur Weltmeisterschaft gehen, wenn er die realistische Chance sieht, mit dieser Mannschaft etwas erreichen zu können.
Der einzige Torschütze gestern beim FC Bayern war Lennart Karl. Eine These: Bundestrainer Julian Nagelsmann muss Karl mit zur WM nehmen.
Schauen wir erstmal, wie er sich weiterentwickelt. Stand heute: Ja, weil der Junge unfassbar viel mitbringt. Er macht wahnsinnig viele Sachen richtig – das ist ungewöhnlich in dem Alter. Er traut sich was zu, er hat diese positive Frechheit. Du merkst, dass er täglich mit den Besten trainiert und das bringt ihn extrem weiter.
Michael kennt das Business aus dem Effeff. Wenn ihm einer Ratschläge geben kann, dann ein Michael Ballack, der auf allerhöchstem Niveau gespielt hat, Kapitän der deutschen Nationalmannschaft war, Titel mit Bayern und Chelsea gewonnen hat und Führungsspieler war. Da würde ich als Lennart Karl sehr genau hinhören, wenn er mir etwas sagen würde.
Dayot Upamecano wirkte gegen Arsenal phasenweise orientierungslos. Vor dem 1:2 spielte er einen Fehlpass. Warum unterlaufen ihm auf absolutem Top-Niveau doch immer wieder solche Fehler?
Gute Frage. Fairerweise muss man sagen, dass er bis dahin eine außergewöhnlich gute Saison spielt. Er ist ein absoluter Eckpfeiler für den FC Bayern. Gegen Arsenal hat er sich wieder hinreißen lassen zu einem Ball, wo du schon im Ansatz siehst: Das könnte extrem eng werden. Ich hoffe, dass das eine Eintagsfliege war. Aus der Vergangenheit kannte man das – vom Potenzial mit Abstand einer der Besten, aber immer diese Leichtsinnsfehler. Er muss an seiner mentalen Seite arbeiten, denn das sind Fehler, die man beheben kann, da geht es um die Entscheidungsfindung.
In der Vorsaison verlor der FC Bayern auswärts in der Champions League gegen den FC Barcelona, Aston Villa und Feyenoord Rotterdam, jetzt die Niederlage bei Arsenal. Welche Schlüsse lassen sich daraus für Trainer Vincent Kompany ziehen?
Sie haben sich schon weiterentwickelt. Sie haben viel mitgenommen aus der vergangenen Saison, wo sie festgestellt haben: Es hat oft nur diese Kleinigkeit gefehlt. Und da sind sie in meinen Augen gerade dabei, diesen Extra-Meter zu machen. Sie sind fleißig, akribisch, bleiben dran, hadern nicht. Wichtig wird sein, unter den ersten Acht zu bleiben. Das muss das Ziel sein, damit man sich diese zwei zusätzlichen Spiele spart. Denn so groß ist der Kader beim FC Bayern auch nicht. Wenn alle gesund bleiben, dann ist mit dem FC Bayern sehr zu rechnen.
Heißt: Markus Babbel traut dem FC Bayern den Champions-League-Titel zu?
Ich sage: Arsenal gegen Bayern im Finale. Das wäre dann wieder ein 50-50-Spiel. Für mich würde es reichen, wenn Arsenal die Liga gewinnt – das haben sie schon lange nicht mehr geschafft – und Bayern die Champions League.
Interview: Adrian Kühnel
Absolut Fussball, das Fußball-Portal von Home of Sports, hat in Kooperation mit hochgepokert.com mit Markus Babbel gesprochen
Das Interview mit Markus Babbel fand in Kooperation mit hochgepokert.com statt.
Markus Babbel, geboren in München, spielte für den FC Bayern, den Hamburger SV, den FC Liverpool, Blackburn und den VfB Stuttgart. Mit dem DFB-Team wurde er 1996 Europameister. Später war er Trainer in Stuttgart, bei Hertha BSC, der TSG Hoffenheim sowie dem FC Luzern und bei Western Sydney.