VonFrank Hellmannschließen
Vor der DOSB-Mitgliederversammlung rückt der ehemalige hessische Ministerpräsident Volker Bouffier in den Vorstand, um die Olympia-Bewerbung besser zu strukturieren
Vielleicht zuerst die gute Nachricht: Der organisierte deutsche Sport ist zahlenmäßig so stark wie nie. Rund 86 000 Sportvereine mit weit mehr als 28 Millionen Mitgliedern stellen die größte Bürgerbewegung des Landes. Die Verluste während der Corona-Pandemie sind mehr als aufgefangen. Dennoch kann sich der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) kaum selbst abfeiern, wenn am Samstag in Saarbrücken die Mitgliederversammlung ansteht. Dafür gibt es unverändert zu viele Baustellen: die plötzliche Abberufung des Vorstandsvorsitzenden Torsten Burmester, die ungewisse Zukunft des Sportfördergesetzes, das zähe Ringen um die Fördermillionen.
Letztlich drehen sich alle Fragen im Kern darum, als Sportnation nicht noch weiter abzustürzen, nachdem 33 Medaillen in Paris die schlechteste deutsche Olympia-Bilanz seit der Wiedervereinigung bedeuteten. Eine Schlüsselrolle spielt deshalb, gerade in der öffentlichen Wahrnehmung, die eigene Bewerbung um Olympische Spiele, die im Tagesordnungspunkt 14 behandelt wird, um in einen verlässlichen Dialog mit dem Internationalen Olympischen Komitee (IOC) einzutreten.
Am Donnerstag hat das DOSB-Präsidium nach einem politischen Rettungsanker gegriffen und Volker Bouffier als Vorstand mit besonderen Aufgaben bestellt. Der ehemalige hessische Ministerpräsident soll bis zum 30. Juni 2025 den Vorstand kommissarisch ergänzen, sein Netzwerk in die Politik nutzen und auch Mitglied der Steuerungsgruppe Olympiabewerbung sein.
„Die nächsten Monate werden insbesondere durch die anstehende Bundestagswahl geprägt sein, in der wir als DOSB die Interessen und Forderungen des Sports nachdrücklich einbringen wollen. Volker Bouffier ist durch seine Vita, sein Netzwerk und seine Liebe für den Sport hierfür genau der richtige Mann“, sagte DOSB-Präsident Thomas Weikert. Aber ist der 72-jährige Bouffier auch derjenige, der die Ringkämpfe und Ränkespiele beendet?
Das Sportfest im Zeichen der Ringe hat letztmals 1972 in München eine Sportbegeisterung im Land losgetreten. Wenn alles im Zusammenspiel zwischen Sport und Politik und innerhalb des DOSB reibungslos laufen würde, dann würde jetzt der Kandidat für 2036 und 2040 gekürt.
Ursprünglich hatte eine DOSB-Stabstelle unter der Leitung von Stephan Brause im vergangenen Jahr einen strukturierten Strategieprozess aufgesetzt, um eine Bewerbung „made in and by Germany“ aufzusetzen – und nicht bloß die Liste der gescheiterten Versuche zu verlängern. Berchtesgarden bekam für 1992 im ersten Wahlgang zu wenig Stimmen, Berlin erhielt für 2000 einen Denkzettel für eine verkorkste Kampagne. Als sich Leipzig für 2012 überraschend in einem innerdeutschen Auswahlverfahren durchsetzte, ließ das IOC die Sachsen nicht mal für die Finalrunde zu. München scheiterte für 2018 erst an Pyeongchang, dann am Widerstand der Bevölkerung, genau wie später Hamburg. Und völlig baden gingen die Avancen von Rhein-Ruhr für 2032.
Deren misslungene Kampagne hatte einst der Sport- und Eventmanager Michael Mronz geleitet, dessen Ernennung zum IOC-Mitglied im Herbst vergangenen Jahres unter dem deutschen IOC-Präsidenten Thomas Bach alle überraschte. Weil Mronz auch dem DOSB-Präsidium angehört, galt der 57-Jährige plötzlich als Strippenzieher für den Olympia-Traum. Was wiederum den bayrischen Ministerpräsidenten Markus Söder doch sehr verstimmte. Der CSU-Politiker forderte in der ARD-Sportschau „eine Art ethisches Controlling“, weil der Bayer eine Kungelei im Sinne des Ruhrgebiets mit Mronz‘ Heimatstadt Köln vermutet. Für Söder ist natürlich München der beste Kandidat. Berlin sieht das ganz anders, Hamburg träumt ebenso davon, ein zweites Paris zu werden – mit viel (sauberem) Wasser drumherum. Der DOSB hatte vier sogenannte Grobszenarien entwickelt, die nun allerdings wieder überarbeitet werden müssen, weil das IOC doch das „One-Village“-Prinzip bevorzugt: 60, 70 Prozent der Sportstätten und Athlet:innen in einer Stadt.
Deutschland hat einige Zeit vertrödelt. Erst durch die mitreißenden Sommerspiele an der Seine leuchtete Innenministerin Nancy Faeser ein, dass es vielleicht doch keine falsche Idee ist, eine Bewerbung zu unterstützen. Knapp sieben Millionen Euro gibt der Bund nun bei den Bewerbungskosten dazu. Denn die Stimmung hat sich gedreht, zumal auch an den nächsten Sommerspielen in Los Angeles (2028) und Brisbane (2032) erst einmal wenig auszusetzen ist.
Eigentlich hieß es im vergangenen Jahren mit der „Frankfurter Erklärung“ der DOSB-Versammlung, man wolle in 2024 endlich Konkretes zur Bewerbung präsentieren. Passiert ist seitdem (zu) wenig. Chaos statt Konzepte. Nun haben die Kandidaten weitere vier Monate Zeit, ihre verfeinerten Pläne – von der Finanzierung, den Sportstätten bis zum Verkehr – dem DOSB zu präsentieren, ehe das Präsidium der Mitgliederversammlung dann hoffentlich für 2025 einen Vorschlag macht. Einen Vorteil hat die Verzögerung: Bis dahin steht auch fest, wer den ehemaligen Fechter Bach auf dem IOC-Thron beerbt hat. Erst danach werden Details der Vergabe für 2036 und 2040 geregelt.
Die internationale Konkurrenz ist groß. Das IOC rechnet mit zehn Kandidaten, die in Europa von Madrid, Budapest bis Istanbul, ansonsten von Santiago de Chile, Katar bis zu Indonesiens neuer Hauptstadt Nusantara reichen. Ganz oben wird bereits Indien gehandelt, nachdem ja auch die letzte IOC-Session in Mumbai veranstaltet wurde. Noch ist Indien keine Weltmacht des Sports, aber Premierminister Narendra Modi versprach, für die Spiele 2036 „jeden Stein umzudrehen“, um 1,4 Milliarden Menschen in seinem Land eine sportliche Perspektive zu bieten. Dagegen liest sich jede deutsche Zahl sehr bescheiden.
