VonDaniel Schmittschließen
Neuzugang Robin Koch will sofort eine Führungsrolle bei Eintracht Frankfurt einnehmen. „Ich bin eine Kämpfernatur“, sagt Pfälzer über sich und liebäugelt mit einer Rückkehr in die Nationalmannschaft.
Wie man eine bis auf den allerletzten Platz mit Fußballfans gefüllte Tribüne zum Feiern, zum Ausflippen, ja zum Überkochen bringt, lernte er früh, als Knirps, acht Jahre alt. Damals stand er, Robin Koch, mittlerweile 26, achtfacher deutscher Nationalspieler und neuerdings Bundesligaprofi von Eintracht Frankfurt, vor der Westkurve auf dem Betzenberg, Kaiserslautern, und machte die Welle. Mehrfach, breit grinsend, dem fotografischen Material nach waren ihm die meisten Milchzähne gerade erst abhanden gekommen.
Robin Koch war mittendrin, als sein Vater Harry, der deutsche Carlos Valderrama, der mit den Locken und dem Meistercoup 1998, einst sein Abschiedsspiel beim FCK gab. Fast 30 000 Fans im Stadion, etliche Klublegenden auf dem Rasen, und Robin Hand in Hand mit dem Herrn Papa auf der Ehrenrunde. Früh übt sich, wer Profi werden will.
Robin Koch kickte in dieser Zeit schon selbst, als Bambini begann er bei den Pfälzern. Und doch ist er heute keiner von Vielen, von den in den Nachwuchsleistungszentren ausgebildeten Profis. Den Weg nach oben nahm der Defensivspieler in kleinen Schritten. Bei Eintracht Trier, wo Harry Koch seine Karriere ausklingen ließ, startete dessen Sohnemann die eigene. Von der C-Jugend über die zweite Mannschaft bis in die Regionalliga arbeitete er sich hoch, ehe 2015 die Rückkehr an den Betze folgte. Auch dort empfahlt er sich mit 20 über die U23 für einen Profivertrag.
Fortan ging es steiler bergauf. Nach nur einer Saison in Liga zwei schnappte der SC Freiburg zu, bezahlte vier Millionen Euro - nur Miroslav Klose brachte dem FCK je mehr Ablöse ein – und machte Koch zur Stammkraft, weshalb zwei Jahre später die Berufung in die Nationalmannschaft folgte. Das Spezielle: Koch konnte zu diesem Zeitpunkt auf mehr Amateurspiele (50 in der Regionalliga, acht in der Rheinland-Liga) denn Erstligaeinsätze (57) zurückblicken.
Nun also der nächste Karriereschritt, Frankfurt, die Eintracht, „eine Bauchentscheidung“, wie Koch auf seiner Vorstellungs-Pressekonferenz am Dienstag sagte. Die Hessen erhoffen sich Führungsqualitäten von ihrem Neuzugang, der aufgrund eines komplexen Vertragskonstrukts bei Premier-League-Absteiger Leeds United gegen eine geringe Gebühr zunächst für ein Jahr ausgeliehen werden konnte, der anschließend aber länger bleiben soll. „Was die letzten Jahre in Frankfurt abgegangen ist, hat man überall mitbekommen“, sagte Koch, daher freue er sich „brutal“ auf die Aufgabe.
Brutal, ein Wort, das er mehrfach nutzte, um verbal zu unterstreichen, was sein ganzes Wesen auch nonverbal ausstrahlte. Da hat einer Lust auf das Kommende, will nicht nur Mitläufer, sondern Anführer sein. „Ich will eine Führungsrolle einnehmen“, sagte er, der darin offenbar kein allzu großes Problem sieht: „Ich bin sehr emotional auf dem Platz.“ Er gehe gerne voran.
DFB-Rückkehr „ein Thema“
Der erste Auftritt in Frankfurt war von Selbstbewusstsein geprägt, was nach eigener Aussage basiert auf den drei Jahren in England. Bei Leeds, in der Premier League, der besten Liga der Welt, sei er als Spieler und Persönlichkeit gereift. „Da musste ich raus aus der Komfortzone.“ Ohnehin hält sich Koch für eine „Kämpfernatur“, was auch Ausdruck findet in einem Löwen-Tattoo auf dem rechten Oberarm. Den Adler auf der Wade dagegen hatte er sich vor längerer Zeit noch unwissentlich seines Wechsels zur Eintracht unter die Haut stechen lassen.
Koch ist ein anpassungsfähiger Mann. Spielte er in der Jugend meist als rechter Verteidiger, begann er seine Profikarriere im defensiven Mittelfeld. Überdurchschnittliche Klasse erlangte er als Innenverteidiger in Freiburg. Auch bei der Eintracht ist Koch in erster Linie als Abwehrmann vorgesehen, entweder als Mittelpart der Dreierkette und damit Nachfolger von Makoto Hasebe oder als rechter Innenmann der Viererabwehr. Beide Rollen hat er schon ohne merkliche Qualitätsunterschiede besetzt.
Als große Stärke wird ihm neben seiner Präsenz bei Kopfbällen, was logisch ist bei 1,91 Metern Körperlänge, eine rasche Auffassungsgabe bei Ballgewinnen nachgesagt. Da macht er zwei, drei schnelle Schritte nach vorne, auch vorbei am Gegenspieler. Papa Harry bescheinigte ihm einst gar die Qualität für den „tödlichen Pass“. Nun gut, stolze Eltern eben.
Neben Erfolgen mit der Eintracht treibt Koch ein weiteres Ziel an: die EM 2024 im eigenen Land. Dafür müsste er zunächst zurück ins DFB-Team finden. Mit Hansi Flick hatte er darob zuletzt keinen Kontakt, selbstverständlich aber erhofft sich Koch durch (gute) Auftritte in der Bundesliga, wieder beim Bundestrainer Beachtung zu erlangen. „Eine Rückkehr in die Nationalmannschaft ist ein Thema“, gab Koch offen zu, der Fokus aber sei vorerst auf Frankfurt gerichtet, „und dann wird man sehen, ob die Tür wieder aufgeht.“
Als Jugendlicher und junger Erwachsener war Koch ein schmächtiges Bürschchen, auch hatte er oft mit muskulären Wehwehchen zu kämpfen, diese Zeiten aber liegen hinter ihm. Erst forderte und formte Christian Streich ihn in Freiburg, auch körperlich, dann Trainerguru Marcelo Bielsa, vor allem taktisch, in England.
England machte ihn härter
In Leeds war Frankfurts neue Nummer vier Stammkraft (36 Einsätze), einige Wackler und Leichtsinnsfehler aber schlichen sich vergangene Spielzeit ein. Ohnehin war der Vorletzte aus der englischen Grafschaft Yorkshire mit 78 Gegentoren die Schießbude der Liga. Doch persönlich kam Koch weiter, machte die Liga ihn härter, kompromissloser, kerniger. Etwas, das der Eintracht-Abwehr in der vergangenen Runde oft abging.
Für Markus Krösche war Koch eines der wichtigsten Transferziele, er soll das Team ebenso wie der Ex-Kölner Ellyes Skhiri stabilisieren. Früh knüpfte der Frankfurter Sportvorstand daher Kontakt zu Kochs Berater, nach der Saison intensivierte er das Werben beim Spieler selbst. „Ich habe sehr viele Nachrichten von ihm bekommen“, so Koch schmunzelnd, ehe er ernst nachlegte: „Das war aber ein gutes Zeichen dafür, wie unbedingt die Eintracht mich haben wollte.“ Auch bei Nationalmannschaftskollege Kevin Trapp, noch so ein Ex-Lauterer, horchte er nach, was in Frankfurt zu erwarten sei.
Vorerst sind das an diesem Mittwoch beim Trainingsauftakt (11 Uhr) 1000 Fans, die Zutritt zum Gelände erhalten. Für Robin Koch, der in England ausschließlich hinter verschlossenen Türen schuftete, etwas ganz Besonderes. Oder wie er es formulierte: „Ich freue mich brutal darauf.“
