125 Jahre DFB

Roter Teppich für Fifa-Präsident Gianni Infantino beim Festakt des DFB in Leipzig

+
Im Gespräch: Fifa-Boss Gianni Infantino mit DFB-Chef Bernd Neuendorf.
  • schließen

Der außenpolitisch verzwergte Deutsche Fußball-Bund feiert in Leipzig seinen 125. Geburtstag mit dem Fifa-Präsidenten als Ehrengast.

Alle Leute mit Bedeutung für den deutschen Fußball sind am Freitagabend in einem imposanten Leipziger Jugendstilgebäude zu Gast. Mehr als 400 Gäste werden in der Geburtsstadt des DFB erwartet, angeführt vom Noch-Bundeskanzler Olaf Scholz. Oder soll man lieber sagen: angeführt von Fifa-Präsident Gianni Infantino, der sich so gern als Freund von US-Präsident Donald Trump inszeniert? In der Kongresshalle am Zoo feiert der Deutsche Fußball-Bund sein 125. Jubiläum mit einem Festakt.

Passenderweise hat DFB-Präsident Bernd Neuendorf an der Eliteuni in Oxford Geschichte studiert. Der 63-jährige Historiker sollte die bewegte Geschichte des DFB mit allen Welterfolgen in seiner Rede also angemessen zu würdigen wissen, aber auch die dunklen Flecken besser nicht aussparen: von den Untiefen der Nazizeit über die aktive Unterstützung des Unrechtregimes Argentinien bei der WM 1978, die nach wie vor juristisch und steuerlich nicht abgeschlossene Sommermärchenaffäre und die unseligen Machtkämpfe der späten Zehner- und frühen Zwanzigerjahre des angebrochenen Jahrtausends. Eine Episode, während der die DFB-Präsidenten wechselten wie Tauschware im Leihhaus.

Sie alle sind geladen, Theo Zwanziger, Wolfgang Niersbach, Reinhard Grindel, Fritz Keller. Männer, die man erst kürzlich noch in einem Verhandlungssaal im ersten Stock des Frankfurter Landgerichts antraf, weil sie dort als Angeklagte (Zwanziger, Niersbach) oder Zeugen (Grindel, Keller) vorgeladen waren, um herauszufinden, ob die Fußball-WM 2006 von Deutschland für 6,7 Millionen Euro gekauft worden war.

Bei dem Prozess geht es nicht um eine moralische Bewertung (vermutlich war das ein niedriger Preis, um im Kosmos des Weltverbandes Fifa ein Turnier zu erwerben). Sondern um die Klärung der Frage, ob mit einer Lüge eine millionenschwere Überweisung getarnt wurde? Ob man Steuerbehörden und Öffentlichkeit schlicht für dumm verkaufen wollte? Den einstigen DFB-Führungsleuten musste die Selbstherrlichkeit erst von Staatsanwaltschaften und hart recherchierenden Medien ausgetrieben werden.

Niersbach als Zeuge im Sommermärchenprozess

Dieses Kapitel ist noch nicht zu Ende geschrieben. Denn Niersbach, der gegen eine Geldauflage von 25000 Euro aus dem Prozess entlassen wurde, rückt am 30. Januar, weniger als eine Woche nach den Feierlichkeiten von Leipzig, von der Anklagebank in den Zeugenstand der Frankfurter Wirtschaftsstrafkammer. Wird sich der einst so beliebte Ex-Präsident, der sich eine weiche finanzielle Hängematte eingerichtet hat, als Zeuge mehr der Wahrheit verpflichtet fühlen, oder mehr dem Ansinnen, sich nicht selbst zu belasten? Ob er endlich erzählt, was mit jenem ominösen Aktenordner passiert ist, der viele Antworten auf drängende Fragen verspricht, jene Sammelmappe, die seine Sekretärin aus dem DFB-Archiv im Keller entfernte und die seitdem nie mehr aufgetaucht ist? Geschreddert? Verbrannt? Versteckt? Oder ob auch er von den „ansteckenden Gedächtnislücken“ verfolgt wird, wie die Vorsitzende Richterin Eva-Marie Distler es bezeichnet?

Rund 25 Millionen Euro könnte das Finanzamt dem DFB zurückbezahlen müssen, wenn der Sommermärchenprozess im Sinne des Verbands ein Ende fände und der einzig verbliebene Angeklagte Theo Zwanziger freigesprochen werden sollte. Geld, das der Verband gut gebrauchen könnte, wenngleich er seine finanziellen Dysbalancen inzwischen überwunden hat. Finanziell ist der Wendepunkt geschafft. Es wird nicht mehr jedes Jahr 20 Millionen Euro mehr ausgegeben als eingenommen wird. Den absurd großen Campus mit einem absurd kleinen Herbergsbereich und einem mehr als 300 Meter langen Wandelgang könnte man durchaus als Mahnmal für hoffentlich überwundene Großmannssucht aus Zeiten vor Neuendorf interpretieren.

Atmosphärisch herrscht im DFB weitgehend Einigkeit - endlich. Neuendorf hat seit seiner Wahl vor knapp drei Jahren mit ruhiger Hand kluge Personalentscheidungen getroffen (Bundestrainer Julian Nagelsmann, Sportdirektor Rudi Völler, Geschäftsführer Andreas Rettig, Frauenchefin Nia Künzer). Das Binnenklima hat sich spürbar verbessert, der Präsident wird im November problemlos wiedergewählt werden.

Blasse Außenpolitik von DFB-Präsident Bernd Neuendorf

Wenngleich: Als Außenminister hat SPD-Mann Neuendorf seine um Ausgleich bemühte Ausstrahlung wenig geholfen. Da wirkt der Verbandschef blass, zögerlich, von sich nicht vollends überzeugt, wie ein freiwilliger Gefolgsmann des allmächtigen Fifa-Präsidenten Gianni Infantino. Dem wird in Leipzig der Rote Teppich ausgerollt. Hoffentlich ersparen sich die DFB-Oberen mitsamt der erscheinenden Ehrenspielführer Jürgen Klinsmann, Philipp Lahm, Lothar Matthäus allzu viele Demutsgesten an den Trump-Freund aus dem Wallis, der den braven Neuendorf seit Jahren genüsslich am Nasenring durch die Fußballmanege führt. Was auch daran liegt, dass der DFB-Präsident sich im Gegensatz zu seiner aufrechten norwegischen Amtskollegin Lise Klaveness nicht traut, Infantino und dessen unterwürfigem Gefolge mit Haltung und Stringenz zu begegnen.

Sport-Geschäftsführer Rettig, vormals als Fundamentalkritiker des Weltfußballs bekannt, hat in neuer, angepassterer Rolle feststellen müssen, die Stimme des europäischen Fußballs sei „leiser geworden“. In diese leiser gewordenen Stimmen kann er sich getrost mit einordnen. Sein Chef ist dafür leider noch mehr mitverantwortlich als er selbst. Die von Infantino vorangetriebene Neuaufteilung der Fußballwelt, hin nach Amerika und Asien, weg vom alten Kontinent, tut ihr übriges. Der DFB ist als größter Einzelsportverband der Welt politisch nur noch eine Randerscheinung im globalisierten Fußball.

Kommentare