VonPatrick Mayerschließen
Deutschland verliert ein Jahr vor der EM im eigenen Land das Test-Länderspiel in Polen. Bundestrainer Hansi Flick will dennoch keine Systemdiskussion. Wir haben die Stimmen.
München/Warschau - Die EM 2024 in Deutschland ist nicht mehr fern. Vom 14. Juni bis 14. Juli 2023 steigt zwischen Berlin, München, Stuttgart und Dortmund die Europameisterschaft, für die die deutsche Elf als Gastgeber bereits qualifiziert ist.
Polen gegen Deutschland: Schlägt sich DFB-Team diesmal besser?
Doch: Die Stimmung ist überschaubar. Auch, weil vieles fußballerisch nicht so läuft, wie die Entscheider vom Deutschen Fußball-Bund (DFB) es sich vorstellen. Beim 3:3 (1:2) gegen die Ukraine entging die deutsche Nationalmannschaft nur knapp einer Blamage. In den letzten 15 Länderspielen gab es damit nur fünf Siege.
An diesem Freitagabend stand der Test des DFB-Teams in Polen auf dem Programm - es war der nächste Tiefschlag. Am Ende stand ein 0:1. Was sagt Bundestrainer Hansi Flick zur Ergebniskrise? Wie denken die Spieler? ARD-Moderatorin Esther Sedlaczek und Experte Bastian Schweinsteiger, der die deutsche Elf in Warschau scharf kritisierte, hakten hartnäckig nach. Wir fassen für Sie die Stimmen aus der ARD zusammen:
Bundestrainer Hansi Flick nach dem Spiel über ...
... die Leistung der DFB-Elf: „In der ersten Halbzeit haben wir kein Tempo gehabt und keine zwingenden Torchancen kreiert, stattdessen den Ball in den eigenen Reihen gehalten. In der zweiten Halbzeit haben wir einige Chancen herausgespielt, die der polnische Torwart zunichte gemacht hat. Wir sind in einem Prozess, am Ausprobieren. Klar, brauchen wir ohne Frage Ergebnisse. Klar, in der ersten Halbzeit war bei der Mannschaft die Überzeugung nicht da. Da müssen wir ansetzen. Man kann der Mannschaft nicht absprechen, dass sie nicht alles versucht hätte. Wir sind in einer Phase, aus der wir versuchen, herauszukommen.“
... die zweite Halbzeit: „Wir haben Anpassungen gemacht, die sich ausgezahlt haben. Wir haben über die linke Seite Druck ausgeübt. Auf der zweiten Halbzeit können wir aufbauen, auch wenn das Ergebnis gegen diesen Gegner heute zu wenig ist.“
... den möglichen Kader für die Heim-EM 2024: „Wir haben noch ein Jahr. Jetzt schon Gedanken machen. Es ist ein langer Weg bis dorthin. Wir haben Zeit genug. Ich bin sehr zuversichtlich, was unseren Weg angeht. Und wir werden nächstes Jahr im Juni eine Mannschaft haben, die funktioniert.“
In der ersten Halbzeit haben wir kein Tempo gehabt und keine zwingenden Torchancen kreiert, stattdessen den Ball in den eigenen Reihen gehalten.
Toni Rüdiger (Deutschland) nach dem Spiel über ...
... die Pleite in Warschau: „Es waren halbe Chancen da. Lattentreffer. Die treffen sofort mit einer Chance. Wir brauchen etwas mehr. Sie standen sehr, sehr tief, mit allen Mann in ihrer Hälfte. Die letzte Gier, der letzte Pass fehlen. Dann verliert man so ein Spiel.“
Robin Gosens (Deutschland) nach dem Spiel über ...
... die Niederlage gegen Polen: „Wir müssen auf der zweiten Halbzeit aufbauen. Da hatten wir ein gutes Positionspiel, haben gut die Räume bespielt und unsere Chancen gesucht. Ich bin unglücklich über das Endresultat. Wenn man die 90 Minuten gesehen hat, war hier mehr drin. Wir müssen jetzt endlich schauen, dass wir Aufbruchstimmung erzeugen und das Land hinter uns bekommen. Wir müssen uns in den letzten Ball werfen. Das sind die letzten fünf Prozent, die noch fehlen.“
Wir müssen jetzt endlich schauen, dass wir Aufbruchstimmung erzeugen und das Land hinter uns bekommen.
Bundestrainer Hansi Flick vor dem Spiel über ...
... die Ergebniskrise des DFB-Teams: „Es ist im Fußball normal. Es läuft nicht immer alles rund. Wir wollen gucken, wo wir uns verbessern können. Wir wollten testen, wie es mit der Dreierkette ausschaut. Das ist ganz normal, dass man sowas macht. Natürlich hätten wir uns gewünscht, dass wir gegen die Ukraine anders gespielt hätten. Da haben wir viele Dinge vermissen lassen. Das müssen wir besser machen.“
... etwaige Fortschritte seit der WM 2022: „Wir haben im März einiges ausprobiert, neue Spieler eingeladen. Jetzt haben wir ein bisschen mehr Optionen, auch was Alternativen betrifft. Für mich und mein Trainerteam ist die Phase ab September entscheidend, vor der Europameisterschaft. Da wollen wir Stabilität haben.“
... die Aufstellung von Malick Thiaw (AC Mailand) in der Startelf: „Ich traue ihm sehr viel zu. Er ist sehr abgeklärt, hat eine enorme Entwicklung beim AC Mailand gemacht. Er hat sehr viel Selbstvertrauen.“
... die öffentliche Kritik am System mit Dreierkette: „Gegen Belgien haben wir mit einer Viererkette gespielt, gegen die Ukraine mit einer Dreierkette. Es geht nicht darum, ob wir mit einer Viererkette oder mit einer Dreierkette, also einer Fünferkette spielen. Es geht um die Basics, darum, die Grundlagen auf den Platz zu bringen. Das war in einigen Situationen nicht so. Wenn du die Zweikämpfe nicht gewinnst, ist es egal, mit welchem System du spielst. (...) Gegen die Ukraine sind wir nicht ins Gegenpressing gekommen.“
Dass nicht jeder, der in der Bundesliga zweimal oder dreimal gut spielt, sofort nominiert wird, sondern man muss es sich wieder verdienen. Das hat zum Beispiel Niclas Füllkrug gemacht.
ARD-Experte Bastian Schweinsteiger vor dem Spiel über ...
... die Form des DFB-Teams vor der EM 2024 im eigenen Land: „Gott sei Dank haben wir noch ein Jahr Zeit. Wenn wir uns die letzten Spiele anschauen, ist diese Saison sehr böse gelaufen. Wenn man die Nationalmannschaft zuletzt sieht, war nicht viel Positives dabei. Da waren nicht viele Spiele, die die Zuschauer zum Jubeln gebracht haben. Vor der EM (2021) gegen Holland (3:2 im März 2019, d. Red.) vielleicht, oder bei der WM gegen Spanien (1:1).“
... die Dreierkette von Hansi Flick: „Sie haben große Probleme, die Balance zwischen Defensive und Offensive zu finden. Das hohe Verteidigen ist ein Risiko. Die Spieler kommen nicht perfekt damit klar. Ich wäre eher dafür, dass man aus der defensiveren Grundhaltung gegen den Ball spielt. Was heutzutage vielleicht nicht mehr so populär ist.“
... die Einstellung der deutschen Nationalspieler: „Bei den Nominierungen sollte man vielleicht darüber nachdenken, ob man in Deutschland immer nur die Spieler haben möchte, die großes Potenzial haben. Oder man sucht sich die Spieler, die die Einstellung haben. Bei Füllkrug hat man das Gefühl, dass er er als Geschenk sieht, bei der Nationalmannschaft zu sein. Dass nicht jeder, der in der Bundesliga zweimal oder dreimal gut spielt, sofort nominiert wird, sondern man muss es sich wieder verdienen. Das hat zum Beispiel Niclas Füllkrug gemacht.“ (pm)
Rubriklistenbild: © Screenshot ARD

