Felix Neureuther nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn es um Kritik im Skisport geht. (Archivfoto)
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In Sölden startet im Oktober der Ski-Weltcup. Doch ist der frühe Auftakt in Zeiten des Klimawandels eine kluge Entscheidung? Felix Neureuther im Interview.
Sölden – Felix Neureuther (38) hält sich weder bei seiner Analyse als ARD-Experte zurück, noch mit Kritik an den Mächtigen des Skisports. Im Gespräch mit unserer Zeitung bezieht der Garmisch-Partenkirchner klar Stellung und schaut in die Saison.
Henrik Kristoffersens erster Auftritt mit seinem neuen Ski, produziert von Marcel Hirscher, wird mit Spannung erwartet. Wie finden Sie das Projekt?
Ich finde es richtig gut. Es ist für den Sport wichtig ist, dass ein neuer Spannungsbogen reinkommt. Da der Marcel (Hirscher) jemanden wie den Henrik bekommen hat, ist jeder gespannt, wie es läuft.
Aber ist es nach so kurzer Zeit schon möglich, dass das neue Material perfekt abgestimmt ist?
Möglich ist immer alles. Aber einfach ist es natürlich nicht. Bei Weltcuprennen herrschen ganz andere Verhältnisse, da rutschen davor 300 Leute durch, das ist anders als beim Training. Daher brauchst du Erfahrungswerte, wie du das Material wo abstimmst. Diese sind eben jetzt noch nicht so da, aber ich glaube schon, dass sie das mit der Expertise in Marcels Team hinbekommen können. Aber klar: Es benötigt Zeit, Wunder braucht man nicht erwarten.
Am meisten wird wohl von Marco Odermatt erwartet, dem Dominator des letzten Winters – wird er das auch diesmal sein?
Die anderen werden natürlich versuchen hinzukommen, aber das wird sehr schwierig. Er hat noch so viel Potenzial und macht so viele Dinge intuitiv richtig. Das ist genial anzusehen. Daher wird er über Jahre sehr schwer zu schlagen sein.
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Ex-Ski-Star Felix Neureuther über die Chancen der Deutschen beim Ski Weltcup
Zu den Deutschen. Was trauen Sie Stefan Luitz nach seiner langen Pause zu?
Der Stefan ist nicht mehr der Jüngste. Verletzungen steckt man aber besser weg, wenn man jünger ist, da macht man sich weniger Gedanken und funktioniert gleich wieder. Später fällt es dir nicht mehr so leicht zurückzukommen und so zu pushen, wie es davor. Der Stefan kommt aber sehr über den Einsatz. Da wieder hinzukommen, das wünsche ich ihm. Das er vom Potenzial ein Podestfahrer ist, hat er oft gezeigt. Aber das heißeste Eisen ist dieses Jahr im Riesenslalom Alex Schmid. Der hat auch schon gezeigt, wie schnell er ist und war im Training jetzt wohl super in Form, was man hört.
Bei den Frauen sind die Podestchancen im Riesenslalom deutlich geringer – was kann der neuen Cheftrainer Andreas Puelacher da bewirken?
Er ist ein super Typ, ich kenne ihn viele Jahre. Um mit den Frauen zu arbeiten, die wir haben, ist er top. Das Problem ist, dass wir nicht die Breite haben hinter Lena Dürr, Kira Weidle und Emma Aicher. Die Frage ist, wie viel Einfluss er auf darauf haben kann. Aber da müssen wir etwas tun, dass wir breiter aufgestellt sind und nicht abhängig davon, dass einzelne immer wieder abliefern.
Wie kann das geschehen?
Natürlich haben wir andere Voraussetzungen und werden nicht mehr die Breite haben, wie sie die Nationen mit besseren Trainingsmöglichkeiten haben. Diese Masse an Nachwuchs pusht sich gegenseitig. Bei uns ist das nicht so, dass fünf andere dir den Platz wegnehmen, wenn du lockerlässt. Daher wird aber auch der unbedingte Wille, den du brauchst, zu wenig gefördert. Es wäre wichtig, bei den Jugendlichen anzusetzen, die wirklich heiß aufs Skifahren sind, diese dann gezielter zu fördern und auch früher bei den Topleuten mittrainieren zu lassen. Christian Schwaiger hat das bei den Männern schon gemacht und Andreas Puelacher wird das ähnlich machen, er kennt sich einfach aus.
Felix Neureuther und seine Frau Miriam leben mit den Kindern in Garmisch-Partenkirchen. Miriam Neureuther zeigt nun ihren Sprösslingen die „zweite Heimat“.
Neureuther kritisiert neuen Präsidenten der FIS - früher Saisonstart mach Skisport angreifbar
Ein anderes Thema, das schon traditionell zu Sölden gehört: der frühe Auftakt auf einem Gletscher in Zeiten von immer schneller schmelzendem Eis. Sind Sie optimistisch, dass sich der Weltverband dieser Problematik irgendwann glaubhaft stellt?
Bin ich nicht. Der neue Präsident der FIS Johan Eliasch sieht nur die Zahlen. Nicht die Zahlen der Erderwärmung, sondern die Zahlen des Geldbeutels. Er schaut darauf, mehr Gelder zu generieren, was mehr Rennen bedeutet, mehr Aufwand für die Athleten und mehr Verletzungen. Dieses tolle Produkt Skisport wird so angreifbar. Wenn dann das Argument kommt, es wäre so wichtig für die Skiindustrie, kann ich nur sagen: In Relation schadet es dem Sport viel mehr, als es vielleicht nutzt.
Nun gibt es mit Marcel Hirscher einen Skiindustriellen, der sich jüngst dafür ausgesprochen hat, den frühen Saisonstart zu hinterfragen...
Ja, das hat mich richtig gefreut, er wäre ja auch ein Profiteur einer angekurbelten Skiindustrie. Generell gefällt es mir, wenn ehemalige Athleten an entscheidenden Positionen sitzen, denn wir wissen wie der Rennsport funktioniert. In den Verbänden findet das leider zu wenig statt, da werden Ex-Sportler eher gemieden als gefördert. Ich hoffe wirklich, dass der Marcel etwas bewegen kann.
Was wäre Ihnen am wichtigsten?
Der Kalender ist so wie er ist nicht mehr zeitgemäß. Mit Rennen auf Gletschern habe ich kein Problem, es wird sich sowieso alles weiter nach oben verlagern, aber der Zeitpunkt ist halt zu früh. Außerdem: Ist es sinnvoll ab Juli auf Gletschern zu trainieren und dafür Überseereisen zu haben? Oder jetzt für die Abfahrt in Zermatt Gletscherspalten zuzuschieben im Oktober? Solche Dinge machen den Skisport eben angreifbar.
Interview: Thomas Jensen