Sommermärchen 2006 Schuld am Rechtsruck in Deutschland? Wirbel um Video von Bundesbehörde
VonStefan Schmid
schließen
Sogenannter Party-Patriotismus geht oft mit großen internationalen Sportereignissen einher. Doch wird der Patriotismus auch zu Nationalismus?
Berlin/München – „Wer als Patriot*in losläuft, kommt als Faschist*in ins Ziel!“ Vor Beginn der Europameisterschaft befestigte die Gruppe Ultrà Sankt Pauli mehrere Banner am Millerntor-Stadion in Richtung des Public-Viewing-Geländes. Darunter auch das patriotismuskritische Spruchband. Die Annahme, dass mit sogenanntem Party-Patriotismus rechtsextremen und faschistischen Gedankengut der Weg bereitet wird, wird vor allem von vielen Linken vertreten.
In dieselbe Schlagrichtung ging vor wenigen Tagen auch ein Video der „Bundeszentrale für politische Bildung“ (bpb). Eine in der Veröffentlichung dargelegte Verknüpfung sorgte für harsche Kritik. Auch wenn das Video Zusammenhänge verkürzt darstellte, untermauern einige Studien den Vorwurf, dass Fußball-Patriotismus durchaus zu mehr Nationalismus und Fremdenfeindlichkeit führt.
„Patriotismus-Afterhour“ nach dem Sommermärchen schuld an Pegida und AfD?
Was war passiert? In Rahmen der Serie „Politik raus aus den Stadien“ veröffentlichte die bpb ein kurzes Video auf ihren Social Media Kanälen. Die Eingangsfrage, mit der Education-Influencerin Susanne Siegert einsteigt, hat es in sich: „Sind Poldi, Klinsi und Co. schuld am Rechtsruck in Deutschland?“ Das sitzt. Ist das Sommermärchen 2006 Schuld am Erstarken rechter Parteien in Deutschland?
Es stimmt, dass rund um die vielen Public Viewings und dem Erfolg der DFB-Elf während der Heim-WM 2006 erstmals wieder großflächig die Farben der deutschen Nationalflagge getragen wurden. Doch dann wird im bpb-Video ein großer Sprung gemacht: „Die Party war im Halbfinale zwar vorbei, aber die Patriotismus-Afterhour, die ging weiter, auch außerhalb vom Fußball. Etwas weniger als zehn Jahre später laufen mit Pegida ‚patriotische‘ Europäer mit Deutschlandfahnen durch Dresden.“
Um den Zusammenhang zwischen der WM 2006 und Pegida zu untermauern, wird im Video der Politikwissenschaftler Clemens Heni zitiert. In einem Interview mit der Frankfurter Rundschau sagte Heni 2019: „Meine These ist: Ohne 2006 wäre es nicht in diesem Ausmaß zu Pegida gekommen, und ohne Pegida gäbe es keine AfD in dieser Form.“ Heni geht also noch einen Schritt weiter. Er stellte nicht nur den Aufstieg der Pegida-Bewegung mit der WM 2006 in einen Zusammenhang, sondern auch die Existenz der rechtsnationalen Partei AfD in ihrer heutigen Form.
Die AfD-Spitze im Wandel der Zeit: von Bernd Lucke bis Alice Weidel
Zurück zum Video, welches innerhalb kürzester Zeit enorme Kritik hervorrief, unter anderem vom CDU-Bundestagsabgeordneten Marc Henrichmann. Er ist selbst Teil des Kuratoriums der bpb und schrieb auf X: „Geht es noch, bpb? In jeder Kuratoriumssitzung reden wir über Ausgewogenheit und den ‚Beutelsbacher Konsens‘. Und dann wird eines der großartigsten deutschen Sportereignisse der letzten 20 Jahre an den rechten Rand geschoben!? Das ist ein Schlag in das Gesicht aller Fußballfans und ein Konjunkturprogramm für Rechtspopulisten!“
Mittlerweile wurde das Video mit dem Titel „2006 - ein Sommermärchen für den Nationalismus?“ gelöscht – genauso wie alle anderen Veröffentlichungen der Reihe. Die bpb teilte mit, dass das Video „inhaltlich und in der Umsetzung nicht den Qualitätsansprüchen der Bundeszentrale für politische Bildung“ entspreche. Die weiteren Videos der Serie „werden einer kritischen Qualitätsprüfung“ unterzogen.
Studie legt Zusammenhang zwischen WM 2006 und stärkeren Nationalismus nahe
Also alles wieder gut? Video gelöscht und die Unschuld des Sommermärchens bewahrt? So ist es nicht ganz. Wenn auch die Datengrundlage und damit auch empirisch stichhaltige Forschung zu dem Thema dünn ist, so bekräftigen vorhandene Daten doch die Kernaussage des Videos.
Eine Umfrage, die 2006 im Rahmen einer Studie der Universität Marburg erhoben wurde, zeigt die Zustimmungswerte zu nationalistischen Aussagen vor und nach dem Sommermärchen. Während vor der Weltmeisterschaft nur 36,9 Prozent der Befragten angaben, auf die deutsche Geschichte stolz zu sein, waren es nach dem Turnier 46,2 Prozent. Eine der Aussagen, die vom Forscherteam neben anderen als nationalistisch eingestuft wurde. Zustimmungswerte zu als patriotisch kategorisierten Aussagen (stolz auf soziale Sicherheit in Deutschland und auf die Demokratie im Land) nahmen hingegen ab.
In der Pressemitteilung der Marburger Universität aus dem Dezember 2006 heißt es dazu: „Personen, die nach der WM befragt wurden, waren nationalistischer und weniger patriotisch eingestellt als diejenigen, die vor der WM befragt wurden. Allerdings sind die Veränderungen relativ gering. Die Vermutung, dass es sich dabei um eine neue, offene und tolerantere Form der Identifikation mit dem eigenen Land handelt, konnten die Forscher nicht bestätigen.“ Eine Schlussfolgerung, die alles andere als nach „die Welt zu Gast bei Freunden“ klingt.
Fußball-Patriotismus habe „durchaus auch die Tendenz, nationalistische Einstellungen zu fördern“
Aber nicht nur die WM in Deutschland wurde unter die Lupe genommen. Michael Mutz, Professor für Sozialwissenschaften des Sports an der Uni Gießen, untersuchte den fußballbezogenen Patriotismus in Deutschland im Rahmen der EM 2016 in Frankreich. In seiner Veröffentlichung kam er zu dem Schluss, dass Fußballpatrioten „seltener politisch ‚links‘“ seien und „patriotische und nationalistische Aussagen“ stärker befürworten würden.
Kurz nach Beginn der aktuell noch laufenden Europameisterschaft unterstrich Mutz seine damaligen Forschungsergebnisse gegenüber dem Deutschlandfunk: „Der manchmal eher harmlos, vielleicht auch karnevalesk wirkende Fußballpatriotismus mit feiernden geschminkten und in schwarz-rot-gold gekleideten Leuten, der hat durchaus auch die Tendenz, nationalistische Einstellungen zu fördern. Das ist im Grunde ein ganz schmaler Grat.“ Dazu beitragen würde auch die Art und Weise, wie Länderspiele inszeniert werden, so Mutz.
Rechtsextreme Vorfälle auch während der EM 2024. Österreichische Fans zeigten einen Slogan der rechtsextremen Identitären Bewegung beim Spiel gegen Polen.
Rechtsruck nicht singulär auf Fußball-WM 2006 zurückzuführen
Nun beweisen die in der Vergangenheit durchgeführten Studien tatsächlich, dass ein Zusammenhang zwischen Fußball-Patriotismus und Nationalismus besteht. Allerdings darf die Gewichtung keinesfalls überschätzt werden. Die Erhebungen bezogen sich jeweils nur auf einen Zeitraum kurz nach den jeweiligen Ereignissen. Ob damit nationalistisches Gedankengut manifestiert wurde, geht aus den Studien nicht hervor.
Zudem politische und ideologische Verschiebungen auf eine Vielzahl von Gründen zurückzuführen sind. Das Gefühl, welches durch die WM 2006 befeuert wurde, kann da nur einen kleinen Teil zum unbestrittenen Rechtsruck in Deutschland beigetragen haben.
Immer wieder faschistische und rechtsextreme Vorfälle bei EM 2024
Nun ist der Rechtsruck beinahe überall in Europa eine Herausforderung, der sich etablierte Parteien und verschiedenen linken Strömungen ausgesetzt sehen. Dementsprechend ist es nicht verwunderlich, dass rechtsextreme und faschistische Vorfälle bei der laufenden EM von Anhängern und Spielern vieler Nationen verübt werden.
Die meisten Schlagzeilen machte der von Merih Demiral gezeigte Wolfsgruß, den türkische Fans im Viertelfinale gegen die Niederlande als Reaktion auf dessen Sperre gleich tausendfach zeigten. Allerdings war dies kein Einzelfall: Beim Eröffnungsspiel zeigten deutsche Fans den Hitlergruß, als das DFB-Team gegen Ungarn spielte, zeigten die ungarischen Fans den verbotenen Gruß.
Außerdem gaben kroatische und albanische Fans beim Spiel gegeneinander Tötungsphantasien gegenüber Serbien zum Besten – zuvor fiel bereits ein albanischer Spieler mit nationalistischen Gesängen auf. Schon jetzt gibt es weitere dokumentierte Fälle, doch wohl erst nach dem Turnier, wenn der Fokus auf das Sportliche verschwindet, wird sich das ganze Ausmaß zeigen. (sch)