VonFrank Hellmannschließen
Der spanische und deutsche Fußball begegnen sich immer wieder. Der gegenseitige Einfluss ist groß - gleichwohl ist die DFB-Auswahl in Pflichtspielen gegen Spanien seit 36 Jahren sieglos.
Was waren das noch für Zeiten, als der Ball bei einer Fußball-Europameisterschaft in Deutschland unter einem Zeltdach rollte. Als Franz Beckenbauer von einer Laufbahn Beifall klatschte, Jürgen Klinsmann mit der Innenseite auflegte oder Lothar Matthäus mit der Ferse ablegte. Rudi Völler muss dann selbst schmunzeln. Der heutige Sportdirektor des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) erinnert sich natürlich gut, wie er bei der EM 1988 als junger Stürmer gegen Spanien den Doppelpack zum 2:0 schnürte. Erst im letzten Gruppenspiel ging an jenem 17. Juni, einem Freitag in München, die Tür zum Halbfinale auf, wo bekanntlich die Niederlande zum Spielverderber werden sollte.
Warum das vor dem EM-Viertelfinale der dreifachen Europameister Deutschland und Spanien (Freitag, 18 Uhr/ARD und Magenta TV) ungeachtet der Wichtigkeit von „Tante Käthe“ eine Erwähnung findet? Weil es der bislang letzte Pflichtspielsieg der DFB-Auswahl gegen diesen Gegner ist. Spanien brauchte lange, lange, um das heutige Standing auf Nationalmannschaftsebene zu erlangen. Nach wenig erquickenden 90er Jahren entfaltete sich das Talent auch im neuen Jahrtausend erst mühsam: Bei der WM 2002 begleiteten dubiose Schiedsrichterentscheidungen das Scheitern im Viertelfinale gegen den Gastgeber Südkorea, bei der WM 2006 in Deutschland zerschellten die Ambitionen im Viertelfinale an robusteren Franzosen. Erst bei der EM 2008 sollte der Stern der Seleccion aufgehen.
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Der hochverdiente Finalsieg gegen ein gerade von Joachim Löw im Aufbau befindliches deutsches Team leitete die erfolgreichste Epoche ein. Der Tiki-Taka-Stil, im Nationalteam erst von Luis Aragonés eingeführt, dann von Vicente del Bosque veredelt, entsprang natürlich der Philosophie, die der FC Barcelona auf Vereinsebene mit Regisseur Xavi Hernández und Virtuose Andrés Iniesta zelebrierte. Ball und Gegner wurden mit spielerischer Leichtigkeit beherrscht.
Löw hat den Stil bewundert
Ästheten schnalzten mit der Zunge. Der Schöngeist Löw inklusive. Der heutige EM-Turnierdirektor Philipp Lahm stand in Wien staunend Spalier, als Torjäger Fernando Torres mit seinem Lausbubengesicht formvollendet über Torhüter Jens Lehmann den entscheidenden Lupfer ansetzte.
Löw machte bald aus seiner Bewunderung für diesen Ballbesitzfußball keinen Hehl. Die Spanier sollten sein Orientierungspunkt sein. So beeindruckend seine Rasselbande bei der WM 2010 vorher gegen Argentinien und England kombiniert hatte: Das Halbfinale gegen Spanien endete in Ernüchterung: Ein krachender Kopfball von Carles Puyol traf die ohne den gelbgesperrten Thomas Müller angetretenen Deutschen im südafrikanischen Durban ins Herz. Der eingewechselte Toni Kroos vergab die einzige Ausgleichschance.
„Furia Roja“ gewann dieses Turnier ebenso wie auch noch die EM 2012. Mit einem furiosen 4:0 in Kiew gegen jene Italiener, denen Löw im Halbfinale mit zu viel Ehrfurcht entgegengetreten war. Solche Taktikfehler sollte sich der Bundestrainer bei der WM 2014 nicht mehr erlauben, wo der befreundete Kollege del Bosque die Erneuerung verpasst hatte. Plötzlich waren die Iberer nach der Vorrunde draußen und hatten ihre Vormachtstellung verspielt. Löw führte der Welt neue Stilelemente vor. Ein 7:1 wie im rauschhaften Halbfinale gegen den WM-Gastgeber Brasilien haben die Spanier nie hinbekommen, weil ihnen die Dominanz wichtiger schien als das Resultat.
Wobei, einmal gelang ähnliches: Ihr 6:0 im Rahmen der Nations League sah im November 2020 ganz ähnlich aus. Mitten in der Pandemie zerlegte eine erneuerte spanische Nationalelf die träge deutsche Truppe, in der immerhin Ilkay Gündogan und Toni Kroos das zentrale Mittelfeld besetzten. Nur spielten sie in Sevilla ohne Bodyguard. Für Löw war es der Anfang vom Ende. Weder Deutschland noch Spanien hinterließen bei der vom Corona-Virus und den vielen Austragungsorten zerstückelten EM 2021 einen Fußabdruck.
Der bislang letzte Vergleich fand bei der WM 2022 in Katar statt, als die Deutschen nach ihrer Auftaktniederlage gegen Japan gehörig unter Druck standen. Anfangs wirkte es so, als würde sich der spanische Spielwitz durchsetzen, doch die Führung von Álvaro Morata egalisierte der eingewechselte Niclas Füllkrug. Auch wenn die Trainer Luis Enrique und Hansi Flick hießen, waren Verlauf und Ausgang vielleicht eine Blaupause für das 27. deutsch-spanische Länderspielduell. Es gibt nur einen marginalen Unterschied. Wenn es jetzt 1:1 ausginge, müsste eine Verlängerung entscheiden. Oder ein Elfmeterschießen. Das hat gegen die Spanier nicht mal Rudi Völler erlebt.
