VonThomas Kilchensteinschließen
Der frühreife Lamine Yamal spielt längst eine gewichtige Rolle in der spanischen Auswahl.
Ob Lamine Yamal tatsächlich im Camp in Donaueschingen Hausaufgaben machen muss für die abschließende Prüfung zur Mittleren Reife? Online, so hat er spanischen Zeitungen erzählt, büffele er und schicke die Lösungen an die Schule in Barcelona. Aber welcher Lehrer in Spanien würde Lamine Yamal durchfallen lassen? Vielleicht noch am Tag nach dem Finale von Berlin, in dem der Zehntklässler mit der Zahnspange das entscheidende Tor geschossen hat, womöglich gegen Deutschland. Kaum zu glauben.
Aber eine hübsche Geschichte ist das allemal, sie zeigt vor allem, wie jung dieser Lamine Yamal noch ist. 16 Jahre und 338 Tage war er bei seinem EM-Debüt am vergangenen Samstag. Einen Tag vor dem Finale wird er dann 17. Einen Führerschein hat noch nicht, wählen darf er ebenfalls nicht, das hindert ihn aber keinesfalls, prominenten Gegenspieler reihenweise Knoten in die Beine zu spielen, Gegenspieler, die - man schaue nur auf Pepe, 41, oder Modric, bald 39 - seine Väter sein könnten. Oder heute, in Gelsenkirchen, im Spiel gegen Italien (21 Uhr) gegen Federico Dimarco, einem ausgebufften Linksverteidiger von Inter Mailand.
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Lamine Yamal Nasraoui Ebana, als Sohn eins marokkanischen Vaters und einer Mutter aus Äquatorialguinea geboren und in einem einfachen Viertel Mataros aufgewachsen, ist die nahezu perfekte Mischung aus Straßenfußball und La Masia, der berühmten Kader-Schmiede des FC Barcelona. Für den spielt der Junge seit 2014. Davor hatte er auf Beton in seinem Viertel gekickt, keines übrigens, mit dem man haussieren gehen würde. Als Hommage an seine Herkunft, so schreibt die „NZZ“, überkreuze Yamal beim Torjubel zuweilen die Hände und zeigt die Zahlen 3. 0 und 4 an, ein Teil der Postleitzahl seines Problemkiezes Rocafonda. Bereits im Alter von knapp sieben Jahren kam er zur Jugend-Akademie Barcas, mit 13 spielte er bereits in der U16. Er durchlief alle Altersklassen schneller als andere, spielte teilweise gegen drei Jahre ältere Jugendliche und brach alle Rekorde. 2022 zog ihn Trainer Xavi erstmals zum Training der Profimannschaft hoch. „Ein außergewöhnliches Talent“, sagte Xavi, es war vermutlich die Untertreibung des Jahres. Was ihm, neben den überragenden fußballerischen Fähigkeiten an Yamal begeisterte, sei vor allem seine Selbstsicherheit, sagte der scheidende Coach. Er habe keine Scheu oder gar Schüchternheit vor den großen Namen gezeigt.
„Yamal beeindruckt jeden“
Mit 15 und ein paar Tagen debütierte er in La Liga, neben Busquets, Lewandowski, Pedri und de Jong. In dieser Saison hat der Linksfuß auf dem rechten Flügel bereits 50 Pflichtspiele für den FC Barcelona absolviert, darunter zehn Partien in der Champions League, sieben Tore und zehn Vorlagen steuerte der Bengel zur Vizemeisterschaft bei. Sein Debüt bei la Furia Roja hat er im letzten Jahr natürlich mit einem Tor gekrönt, beim 7:1 gegen Georgien. Und natürlich ist er der jüngste Spieler, der je bei einer EM eine Vorlage geliefert hatte, Dani Carvajal brauchte beim souveränen 3:0-Startsieg der Spanier gegen Kroatien nach der prima Flanke des Wunderkinds nur noch den Fuß hinhalten. Mittlerweile ist Yamal, dessen Vorbild Lionel Messi ist und der von Star-Agent Jorge Mendes beraten wird, 90 Millionen Euro wert.
„Yamal beeindruckt jeden“, sagt Nationaltrainer Luis de la Fente. „Er ist fast wie ein Geschenk Gottes.“ Yamal ist bei Barca bis 2026 gebunden, angeblich beläuft sich die Ausstiegsklausel auf eine Milliarde Euro, zuletzt hieß es, Paris St. Germain habe 200 Millionen für den Frühreifen geboten.
Natürlich haben sie in Barcelona ein bisschen Sorge, dass alles zu viel werden könnte für ihr Juwel. Der Hype um den Jungen ist schon jetzt gigantisch. Dazu kommt: Mit knapp 17 ist der Körper längst nicht ausgewachsen, seine Einsätze sollten klug dosiert werden, denn es gibt warnende Beispiele von ebenfalls hochtalentierten Spielern, deren Weg nicht nur bergauf gegangen ist. Bojan Krkic zum Beispiel, oder Ansu Fati, der von einer Verletzung in die andere taumelt, Mannschaftskollege Gavi schließlich riss das Kreuzband mit 21.
Bislang indes genießt der Jungspund nur. Und das mit der Schule hat sich auch bald erledigt.
