Sportpsychologe Matthias Herzog über die Suche nach dem Kick
„Laura Dahlmeier hat uns gezeigt, dass Größe vor allem im Mut zur Freiheit und Authentizität liegt“
VonPhilipp Kessler
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Sportpsychologe Matthias Herzog spricht über den tragischen Tod von Laura Dahlmeier und erklärt, was man von ihr lernen kann.
München – Doppel-Olymiasiegerin, mehrfache Weltmeisterin – Laura Dahlmeier hat als Biathletin alles gewonnen, was es zu gewinnen gibt. Mit nur 25 Jahren beendete sie ihre Wahnsinnskarriere. Doch der Drang nach Herausforderungen blieb. Matthias Herzog, einer der führenden Sport- und Persönlichkeitspsychologen im deutschsprachigen Bereich, erklärt im Interview, warum.
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Herr Herzog, warum suchen Spitzensportler wie Laura Dahlmeier oft den Kick und die Gefahr – selbst nachdem sie alles erreicht haben?
Spitzensportler leben an der Grenze des Möglichen. Der Wettkampf, das Adrenalin, das Gefühl, Grenzen zu verschieben – das gehört für sie zum Leben dazu wie die Luft zum Atmen. Laura hatte im Biathlon alles erreicht, was man sich wünschen kann. Doch genau das macht auch eine innere Leere spürbar. Viele Athleten suchen nach einer neuen Herausforderung, die ihnen wieder dieses Gefühl von Freiheit und Selbstbestimmung schenkt. Für Laura war das das Bergsteigen – fernab von Medienrummel und Leistungsdruck. Es war ihr Raum, um einfach sie selbst zu sein. Dieses Bedürfnis, „lebendig zu sein“, treibt viele Spitzensportler an, auch wenn das Risiko groß ist.
Michael Schumacher, Hermann Maier und viele andere suchten nach ihrer aktiven Karriere neue Herausforderungen – oft mit risikoreichen Freizeitaktivitäten.
Spitzensport ist oft eine Welt, die alles andere in den Hintergrund stellt – Alltag, Gewohnheiten, Sicherheit. Wenn die Karriere endet, fehlt vielen Athleten das zentrale Element, das ihr Leben definiert hat: der Wettkampf, die Herausforderung. Das Gefühl, etwas zu bewegen und an Grenzen zu gehen, vermissen sie. Viele suchen dann neue „Abenteuer“, um dieses Vakuum zu füllen – oft sind das Extremsportarten oder riskante Freizeitaktivitäten. Es ist ein Versuch, das Gefühl von Kontrolle, Freiheit und Lebendigkeit zu bewahren. Leider gehen diese Wege manchmal mit schweren Unfällen einher, wie wir bei Schumacher oder Laura Dahlmeier sehen.
Ticken Menschen, die nicht im Leistungssport sind, anders?
Ja, absolut. Spitzensportler sind gewöhnt, sich immer wieder selbst zu fordern, den Körper an seine Grenzen zu bringen und mental Belastungen auszuhalten, die für viele unvorstellbar sind. Sie verfügen über eine enorme Willenskraft und Risikobereitschaft. Doch diese Stärke kann auch eine Schattenseite haben: Sie nehmen Risiken bewusst in Kauf, weil sie das Gefühl der Kontrolle, des Flow-Erlebens und der Freiheit brauchen. Dieses „Anders-Ticken“ ist Teil ihres Erfolgs, aber auch Teil ihrer Verletzlichkeit.
Sind Spitzensportler nicht auch deshalb Vorbilder, weil sie Grenzen überschreiten?
Sie sind Vorbilder in Sachen Mut, Durchhaltevermögen und Leidenschaft. Doch es ist wichtig, dass wir auch die Komplexität ihres Handelns anerkennen: Grenzen zu verschieben ist inspirierend, aber es bringt auch Gefahren mit sich. Verantwortungsvoll bedeutet, sie als Menschen zu sehen, die für ihre Träume kämpfen – aber auch als verletzliche Persönlichkeiten, die unsere Unterstützung brauchen.
Sportpsychologe Matthias Herzog über Dahlmeiers Lebensweg
Laura Dahlmeier hat sich bewusst für den Ausstieg aus dem Biathlon bereits mit 25 Jahren entschieden, obwohl sie noch viele Jahre große Erfolge und Rekorde hätte feiern können. Was sagt das über die psychologische Entwicklung von Spitzensportlern aus?
Der Ausstieg zeigt, dass Erfolg allein nicht immer Erfüllung bringt. Laura hat verstanden, dass sie mehr braucht als Titel und Medaillen. Das spricht für ein tiefes Bewusstsein und Mut zur Veränderung. Für Spitzensportler ist es eine große Herausforderung, den nächsten Schritt zu gehen – weg von der Komfortzone des Bekannten hin zu neuen, unbekannten Erfahrungen. Laura hat diesen Schritt gewählt, um sich selbst treu zu bleiben, und das verdient großen Respekt.
Was können wir von Laura Dahlmeier lernen?
Laura Dahlmeiers Lebensweg erinnert uns daran, wie wichtig es ist, unseren eigenen Träumen mutig zu folgen – auch wenn das bedeutet, neue Wege zu gehen, Risiken einzugehen und Grenzen zu überschreiten. Sie zeigt uns, dass wahre Freiheit und Erfüllung oft jenseits des Gewohnten liegen und dass es keine Schande ist, loszulassen, wenn ein Kapitel zu Ende ist. Für unseren Alltag heißt das: Trau dich, deine Komfortzone zu verlassen, höre auf dein inneres Feuer und lebe bewusst jeden Moment, als wäre er ein Geschenk. Laura war nicht nur eine Ausnahmesportlerin, sie war eine mutige Seele, die ihre Leidenschaft bis zum letzten Atemzug gelebt hat. Ihr Vermächtnis ist mehr als ihre Medaillen – es ist die inspirierende Erinnerung daran, mit ganzem Herzen für das zu brennen, was uns wirklich erfüllt. Sie hat uns gezeigt, dass Größe nicht nur in Erfolgen, sondern vor allem im Mut zur Freiheit und Authentizität liegt. Interview: Philipp Kessler