VonPhilipp Kesslerschließen
Der FC Bayern quält sich derzeit von Spiel zu Spiel. Woran der Leistungsabfall der Münchner liegt, schätzt Sportpsychologe Matthias Herzog ein.
München - Die Bayern waren haushoher Favorit gegen Celtic Glasgow. Und trotzdem entgingen die Münchner im Champions-League-Playoff nur hauchdünn einer Blamage. Aus Sicht von Sportpsychologe Matthias Herzog sind die Probleme des Rekordmeisters mentaler Natur.
Herr Herzog, im Herbst begeisterten die Bayern noch mit spektakulärem Fußball. Nun stottert der Münchner Motor seit Wochen. Warum?
Die Mannschaft wirkt abgelenkt von Vertragsverlängerungen und Zukunftsfragen. Wer bleibt? Wer geht? Anstatt sich auf das Wesentliche zu konzentrieren – nämlich den sportlichen Erfolg – dreht sich alles um Summen, Verhandlungen und Prestige. Bayern hat nicht nur die Kontrolle über die Liga und Europa, sondern auch über die eigene Mannschaft verloren.
Die Bundesliga führen die Bayern doch souverän mit acht Punkten vor Leverkusen an.
Und trotzdem ist klar: Diese Mannschaft ist meilenweit von Weltklasse entfernt. Doch anstatt die Wahrheit auszusprechen, lassen sich alle blenden – von einem Tabellenstand, der vor allem an der Krise der Konkurrenz liegt und nicht an Bayerns eigener Stärke. Denn welche Top-Teams hat Bayern diese Saison eigentlich geschlagen? In der Champions League gab es blamable Auftritte gegen schwache Teams und Niederlagen gegen große wie Barcelona, die die letzten Jahre noch beherrscht wurden. Das Spiel gegen Celtic war der nächste Tiefpunkt. Und trotzdem gibt es keine Kritik. Keinen Aufschrei. Nichts. Die Bayern täuschen sich selbst.
Verstehen Sie, dass Trainer Vincent Kompany bislang kaum kritisiert wird?
Bei Tuchel oder Nagelsmann wäre längst Alarm geschlagen worden, sie hätten sich schon wochenlang in Krisengesprächen wiedergefunden. Aber jetzt? Stillhalten. Die fehlende Kritik an Kompany zeigt, dass das Problem viel tiefer liegt. Bayern scheint auch längst selbst zu wissen, dass es spielerisch nicht mehr reicht, um gegen die Top-Clubs zu bestehen. Deshalb arbeitet das Management aus meiner Sicht mit alten Tricks. Vor dem Leverkusen-Spiel ließ der Verein gezielt durchsickern, dass sie Wirtz verpflichten wollen. Nach den Aussagen von Hoeneß musste gefühlt jeder aus dem Vorstand Stellung nehmen – Ablenkung pur mit der Hoffnung, den Gegner nervös zu machen. Dann, direkt vor dem Spitzenspiel, die Vertragsverlängerung von Musiala. Bayern versucht, hinter den Kulissen Dominanz auszustrahlen, weil sie auf dem Platz nicht mehr dominieren können.
Die Bayern feierten den Achtelfinal-Aufstieg nach dem 1:1 gegen Celtic mit den Fans.
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Das rät der Sportpsychologe dem FC Bayern
Fehlt den Bayern ein klassischer Leader auf dem Rasen?
Kimmich spricht öffentlich an, dass Bayern keine Spitzenmannschaft mehr ist – und er hat Recht. Aber warum übernimmt er dann nicht die Führung? Wenn Kimmich wirklich ein Leader wäre, was sich die Bayern mit der Kapitänsbinde wünschen, müsste er diese Mannschaft tragen. Ähnlich sehe ich Harry Kane. Er trifft, das kann niemand bestreiten. Aber ist er ein Anführer? Nein! Er macht seine Tore, aber wenn es darum geht, die Mannschaft mitzureißen, Emotionen zu zeigen, Impulse zu setzen, dann ist er unsichtbar.
Welchen Ansatz haben Sie, damit die Bayern wieder ihr volles Leistungspotenzial entfalten können und das Finale dahoam Ende Mai kein Traum bleibt?
Bayern hat noch eine Chance – aber nur mit echtem Umdenken! Das Finale in München ist noch möglich. Aber nicht mit dem aktuellen Kurs! Bayern muss Führung zeigen – auf dem Platz und an der Seitenlinie. Kompany muss eine echte Handschrift entwickeln, nicht nur „nett“ sein. Die Mannschaft braucht Fokus – keine Vertragspossen mehr. Die Frage ist nicht, ob Bayern das Potenzial hat – sondern ob sie bereit sind, die Wahrheit zu akzeptieren und sich entscheidend zu verbessern. Interview: Philipp Kessler
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