Steffen Baumgart, die Papierkugel und der Stinkefinger
VonJan Christian Müller
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Der Trainer von Union Berlin verwechselt im Spiel bei Eintracht Frankfurt nicht zum ersten Mal Emotion mit Aggression - ein Kommentar.
Frankfurt – Bis zum Jahr 2019 ging es Fußballtrainern bestens: Sie durften ungeniert rumpöbeln, ständig aufgeregt ihre Coachingzonen verlassen und gern mit irgendwelchen Sperenzchen das Spiel verzögern. Die Fifa als zuständiges Organ der Fußball-Gesetzgebung hat dann genug davon gehabt und einen Sanktionskatalog eingeführt.
Seitdem werden nicht nur Trainer, sondern alle Teamoffziellen, die inzwischen in Dutzendware auf den Ersatzbänken herumlungern und zunehmend durch ungehobeltes Benehmen aufgefallen waren, härter bestraft als die Spieler. Guter Grund: die besondere Vorbildfunktion. Wer also meint, aufs Spielfeld rennen zu dürfen, Gegenstände auf den Rasen werfen oder kicken zu müssen oder den Ball hinter seinem Rücken zu verstecken, weiß, wenn er nicht so blöde war, bei der alljährlichen Regelschulung nicht zuzuhören: Es gibt sofort Rot!
Auch Aufregung um Augsburg-Trainer Wagner
Vor einer Woche hatte der Augsburger Sandro Wagner deshalb mehr Glück als Verstand, dass er nur Gelb sah, als er einen Ball zurück auf das Spielfeld bugsierte und so die schnelle Ausführung eines Einwurfs für den FC St. Pauli verzögerte. Am Sonntag bei Eintracht Frankfurt dagegen erfuhr Union-Trainer Steffen Baumgart die vorgesehene Strafe, nachdem er eine Papierkugel auf den Platz gekickt hatte: runter von der Bank, rein in die Kabine! Obendrauf gibt es ein Betretungsverbot seines Arbeitsplatzes nächste Woche gegen den Hamburger SV.
Baumgarts Verhalten hat wenig mit Professionalität zu tun. Sein - Achtung Juristendeutsch! - recht selbstkritisches Nachtatverhalten in Interviews könnte ihm aber weiteres Ungemach ersparen. Dass er sich nach einer durch Zusammenarbeit des VAR mit Schiedsrichter Sven Jablonski völlig zurecht den Gastgebern zugesprochenen Strafstoßentscheidung dazu hinreißen ließ, seinen rechten Mittelfinger zu recken, hat nun die DFB-Staatsanwaltschaft auf den Plan gerufen. Der Kontrollausschuss ermittelt.
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Dessen Vorsitzender Anton Nachreiner kommt möglicherweise zu der nüchternen Erkentnnis, dass Baumgart schon genug gestraft ist. Der schwer erziehbare Rüpel hat zwar zum wiederholten Mal Emotion mit Aggression verwechselt und zudem noch immer nicht kapiert, als hochbezahltes Role Model für den Amateurfußball den Kollegen an der Basis zu dienen. Aber den nur von den Kameras eingefangenen Stinkefinger könnte man mit viel Nachsicht noch als gestenreiches Selbstgespräch interpretieren. Ein unschönes Bild bleibt gleichwohl haften. Mit inzwischen 53 sollte Baumgart eigentlich reif genug sein, sich selbst zu bändigen.