Ex-Bayern-Boss will bei Klub-WM mit neuem Team für Überraschung sorgen
VonAdrian Kühnel
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Daniel Michel
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Kommt es bei der Klub-WM zum Wiedersehen mit dem FC Bayern? Dr. Michael Gerlinger will mit seinem neuen Verein für eine Überraschung sorgen.
Lyon/München – Dr. Michael Gerlinger war von 2005 bis 2023 beim FC Bayern unter anderem Chefjustiziar sowie Direktor der Rechtsabteilung und prägte die erfolgreichste Epoche des Rekordmeisters mit.
Seit März 2024 ist Gerlinger bei der Eagle Football Group als Chief Sports Officer für Olympique Lyon (Frankreich), Botafogo Rio de Janeiro (Brasilien) und RDW Molenbeek (Belgien) verantwortlich.
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Im Interview mit Absolut Fussball, dem Fußball-Portal von Home of Sports, spricht Gerlinger über seinen neuen Job, die Vorfreude auf die FIFA Klub-WM und ein mögliches Wiedersehen mit ehemaligen Kollegen.
Ex-Bayern-Direktor Dr. Michael Gerlinger im Interview über Klub-WM
Herr Dr. Gerlinger, Sie arbeiten seit rund eineinhalb Jahren als Chief Sports Officer für die Eagle Group, die ein Multi-Klub-Netzwerk betreibt, zu dem neben Lyon in Frankreich und RWD Molenbeek in Belgien auch Botafogo in Brasilien gehört. Wie viele Sprachen sprechen Sie eigentlich?
Richtig gut kann ich nur Deutsch, Englisch und Französisch. Das ist vom Level her gleich. Spanisch und Italienisch beherrsche ich ganz gut, ich kann mich darin verständigen.
Und wie läuft die Kommunikation, wenn Sie sich mit den Brasilianern, die ja Portugiesisch sprechen, unterhalten?
Ich habe mit einem sehr großen renommierten Trainer in Brasilien mal ein Gespräch geführt und habe es versucht auf Spanisch. Er hat mir in einer Sprache geantwortet, die ich nicht definieren konnte und zum Glück hatte er mal in Frankreich gespielt, dann haben wir auf Französisch weitergesprochen. Portugiesisch ist schon schwieriger, als ich dachte (lacht). Ich versuche gerade, es nebenher zu lernen. In unserem Klub sind aber die meisten sehr gut in Englisch, das hilft.
Wie können wir uns Ihren Job als Chief Sports Officer konkret vorstellen?
Meine Abteilung ist für die Strategie der Eagle Group verantwortlich und damit für die sportlichen Strukturen und Entscheidungen in den einzelnen Vereinen. Die sportlichen Leiter der einzelnen Klubs berichten an John Textor (Geschäftsführer der Eagle Group; Anm. d. Red.) und mich. Wir haben ein relativ modernes Modell umgesetzt, das noch nicht viele Klubs etabliert haben. Wir haben inzwischen keine klassischen Sportdirektoren mehr bei uns, sondern sind mehr auf Teamwork und Breite ausgerichtet. Bei uns steht die Harmonisierung von verschiedenen Plattformen im Fokus – sei es Scouting, Videoanalyse oder sonstige Hilfstools. Außerdem geht es um das Handeln des Transfermarkts, wobei wir in den Transferperioden sehr viel zu tun haben.
Von 2005 bis 2023 haben Sie beim FC Bayern gearbeitet, Sie waren jahrelang Chefjurist des deutschen Rekordmeisters. Wie kam der Wechsel zur Eagle Group zustande?
Nach meinem Abschied vom FC Bayern war ich gedanklich eigentlich schon in der MLS. Als mich dann John Textor angesprochen und mir das Modell genauer aufgezeigt hat, haben mir seine Philosophie, die Strategie und die Zusammenstellung der Klubs sehr gut gefallen. Vor allem, dass neben den Klubs in Europa auch ein großer Klub in Brasilien dazu gehört, der sehr viel Potenzial besitzt und anders als andere Klubs nicht nur die Ausbildung, sondern auch Titel im Sinn hat, hat mich gereizt. John stellt den sportlichen Erfolg bei allen Vereinen in den Mittelpunkt und auch deswegen habe ich mich für den Wechsel entschieden.
Durch den Gewinn der Copa Libertadores, dem südamerikanischen Pendant zur Champions League, hat sich Botafogo für die FIFA-Klub-WM qualifiziert. Wie ist die Stimmung rund um den Verein im Vorfeld des Turniers in den USA?
Wir haben Lust, uns mit den Europäern zu messen. Die brasilianische Liga ist sehr viel stärker, als man denkt, dasselbe gilt für die argentinische Liga. Von daher glaube ich schon, dass es ein Bedürfnis ist, sich über die Grenzen des Kontinents hinaus mit den größten Vereinen der Welt zu messen. Die Begeisterung ist dementsprechend sehr groß.
Derby-Verhältnisse wie in München? Gerlinger erklärt Botafogo
Aus Rio de Janeiro nehmen mit Botafogo, Flamengo und Fluminese drei Vereine an der Klub-WM teil. Kann man sich die Derby-Verhältnisse so wie Bayern, 1860, Unterhaching oder eher wie Dortmund, Schalke, Bochum vorstellen?
Die vier großen Mannschaften in Rio (dazu zählt auch Vasco da Gama; Anm. d. Red.) sind schon seit 100 Jahren die vier großen Mannschaften dort. Natürlich ist Flamengo vom Anspruch her immer der stärkste Verein und Botafogo eher der Herausforderer. Letztes Jahr haben wir natürlich eine fantastische Saison hingelegt, wir haben zum ersten Mal in der Geschichte des Klubs zwei Titel gewonnen, aber natürlich kann man sowas nicht jederzeit wiederholen. Von daher ist es schwierig, einen Vergleich zur Bundesliga zu ziehen.
Es ist eher wie in der Premier League, in der es in London auch drei, vier große Traditionsklubs gibt, die bestimmte Rivalitäten haben. Deutschland hat das nicht. Wenn man zum Beispiel durch die Häuserschluchten in den Favelas in Vidigal läuft und jedes Gebäude rot-schwarz, schwarz-weiß oder grün-rot ist, ist das wirklich sehr beeindruckend. Diese Stadt lebt Fußball wie kaum eine andere.
Ein Thema rund um die Klub-WM ist die Belastung der Spieler. Botafogo hat potenziell jährlich 80 Spiele zu bestreiten. Wie ist das überhaupt möglich?
Wir legen unseren Schwerpunkt auf Performance. Während Frankreich und Deutschland noch Aufholbedarf haben, kann man dabei in Brasilien überraschenderweise sehr viel lernen, weil es mehr Spieler gibt, die Kader größer sind. In Europa spricht man von 25 Spielern pro Kader, in Brasilien sind es 33. Der Performance Manager gibt dir Aufschluss darüber, wer dir überhaupt zur Verfügung steht, wer eine Erholungspause braucht. Die Trainingssteuerung ist viel wichtiger in Brasilien. Wenn der Kader nur 25 Spieler umfasst, kannst du keine 80 Spiele bestreiten.
Für Botafogo geht es bei der Klub-WM in der Gruppenphase neben den Seattle Sounders gegen Paris Saint-Germain und Atlético Madrid und damit zwei europäische Schwergewichte. Kann Ihr Verein die Gruppe überstehen?
Ich würde jetzt nie Wetten eingehen. Wir wollen einfach positiv überraschen, auch Spaß haben. Wir haben eine relativ starke Antrittsprämie bekommen, doch die FIFA hat es ja sehr clever gemacht und die hohen Prämien in die Knockout-Runden gesteckt. Da muss man sich natürlich anstrengen, dass man möglichst weit kommt. Wir würden uns natürlich sehr freuen, wenn wir möglichst viele Prämien erhalten, aber es ist ein verdammt schweres Programm. Wenn wir die Gruppenphase überstehen, wäre ich schon sehr, sehr glücklich.
Wer sind denn Ihrer Meinung nach die Favoriten auf den Titel?
Diejenigen, die jetzt in der Champions League vorne waren, werden auch bei der Klub-WM die Favoriten sein. Der FC Bayern wird sicherlich auch ein Wort mitreden, auch wenn er im Viertelfinale leider ganz knapp ausgeschieden ist. Die stärksten Mannschaften Europas sind auch die stärksten Mannschaften der Welt.
Zählt der FC Bayern für Sie noch zu den Top Vier oder mittlerweile eher zu den Top Acht in Europa?
Normalerweise würde ich mir jetzt kein Urteil anmaßen, weil ich es inzwischen aus der Ferne betrachte. Doch diese Frage würde ich dann schon mit Top Vier beantworten.
Was bestärkt Sie in dieser Annahme?
Das Ausscheiden gegen Inter war sehr knapp und Bayern ist für mich eine Mannschaft, die ins Halbfinale kommen kann. Im Halbfinale sind es vier, von daher sage ich als alter Mathematiker: Der FC Bayern gehört zu den Top Vier!
Sind Sie noch mit ihren ehemaligen Kollegen vom FC Bayern in Kontakt? Gab es sogar einen Austausch nach dem Motto: Wäre schön, wenn wir uns bei der Klub-WM begegnen?
Ja, wir haben uns sehr viele WhatsApp-Nachrichten hin- und hergeschrieben, in denen es heißt: „Wir sind an der Ostküste“, „ach schade, wir sind an der Westküste.“ Von daher müssen wir uns für die K.o.-Phase qualifizieren, damit ich meine ehemaligen Kollegen dann vielleicht doch treffen kann. Das wäre natürlich auch aus diesem Grund wichtig (lacht).