VonPhilipp Kesslerschließen
Die Clubs aus Saudi-Arabien waren im Sommer auf dem Transfermarkt sehr aktiv. Wir sprachen mit dem Geschäftsführer der Saudi Pro League.
Riad – Die Saudi Pro League (SPL) investiert weiter unaufhaltsam – und hat große Ambitionen. „Der Traum ist es, die unterhaltsamste Liga der Welt zu sein“, sagt SPL-Geschäftsführer Carlo Nohra (55) im Gespräch mit der tz. Die Saudi Pro League will in den nächsten zehn Jahren zu den Top-10 Ligen der Welt gehören. Schon jetzt zählt sie zu den drei umsatzstärksten des Globusses. Der gebürtige Libanese: „Aber es gibt noch viel zu tun.“ Im großen Interview erklärt Nohra, wie die Zeile erreicht werden sollen.
| Saudi Pro League | |
|---|---|
| Rekordmeister: | Al-Hilal (18) |
| Amtierender Meister: | Al-Ittihad |
| Transfersaldo: | -889 Millionen Euro |
Carlo Nohra hat eine Vision mit der Saudi Pro League
Gibt es Limits, wenn man viel Geld hat?
Geld wird nicht die Lösung für alles sein, was wir für den saudischen Fußball tun müssen. Als wir die Strategie festgelegt haben, waren wir uns sehr bewusst, was wir tun müssen, um die Qualität auf dem Spielfeld schnell zu verbessern: nämlich bessere internationale Spieler holen. Natürlich kostet uns das viel Geld. Aber bei der Strategie geht es nicht nur um ausländische Spieler, die ins Königreich kommen.
Worum noch?
Es geht darum, saudische Spieler zu entwickeln, unsere Führung, Vermarktung und unser Produkt zu verbessern, die Fans besser zu verstehen und wirklich zu begreifen, dass wir ein technologie- und datengesteuertes Produkt sind und nicht nur eine Event-Rolle haben. Die Spieler-Akquise war in der Vergangenheit nicht ideal, wir mussten sie verbessern. Genauso wie die Vereinsmanagements und unsere organisatorischen Qualitäten. Die Strategie ist also sehr weitreichend. Den Anfang haben Sie bereits gesehen, die Spieler-Transfers. Aber noch einmal: Um die Qualität auf dem Spielfeld zu verbessern, muss man eben diese Qualität kaufen.
Wenn Sie sagen, dass dies der Anfang gewesen wäre, klingt das nach einer Drohung an europäische Top-Clubs.
Ganz und gar nicht. Es ist eher die Eröffnung eines neuen Weges für den Fußball, mit dem wir alle dazu beitragen können, dass das Spiel auf der ganzen Welt wächst, als eine Bedrohung für irgendjemanden. Was wirklich passiert ist: Die Saudis haben in den europäischen Fußball investiert. Es fließt also eine Menge Geld in den europäischen Fußball aufgrund der Transfers, die wir getätigt haben. Das eröffnet auch neue Möglichkeiten für andere. Und ich denke, dass wir gemeinsam als globaler Sport nur davon profitieren können, wenn wir größere und bessere Ligen haben, als nur die fünf, an die wir traditionell gewöhnt sind. Das ist definitiv keine Bedrohung. Ich denke, das sollten alle begrüßen, weil wir alle gemeinsam besser vorankommen würden und es dadurch sicherlich neue Möglichkeiten für die Spieler geben wird. Ich denke, das ist großartig für aufstrebende neue Spieler, die in der Vergangenheit nicht diese Möglichkeiten hatten. Aber jetzt sind sie da.
Saudi Pro League möchte zu den Top-Ligen Europas aufschließen
Würden Sie sagen, dass sich der Spitzenfußball von Europa nach Saudi-Arabien verlagert?
Nein. Ich würde auf jeden Fall sagen, dass einige der erfahreneren Spieler, die in Europa eine großartige Karriere hingelegt haben, nun eine andere Möglichkeit erhalten haben. Einige haben das Projekt und die Reise, auf der wir uns befinden, angenommen und sind hergekommen. Sie waren sicherlich vom Ehrgeiz und vom Mut des Projekts angetan. In der Vergangenheit hatten wir viele Spielerwechsel zwischen Italien, Spanien, England und Deutschland. Jetzt gibt es ein weiteres spannendes Ziel für sie. Wie es sich im Laufe der Zeit entwickelt, können wir noch nicht sagen. Aber im Moment deckt unsere Akquise-Strategie eine ganze Reihe von Spielern ab, vom 21-Jährigen bis hin zu den Legenden und allen anderen dazwischen. Ein Grund, warum wir das tun, ist, dass wir mehr Möglichkeiten für saudische Spieler schaffen wollen, um sich mit diesen hochkarätigen Spielern, die in die Liga kommen, zu messen.
Der erste Superstar in Saudi-Arabien war Cristiano Ronaldo. Wäre diese Entwicklung ohne ihn überhaupt möglich gewesen?
Ronaldos Einfluss auf die Liga war und ist enorm. Als wir die Strategie ausgearbeitet haben, war uns sofort klar, dass wir die Qualität verbessern müssen. Aber wir hatten keinen größeren Plan im Sinn, der uns auf dieser Reise helfen würde. Es war ziemlich opportunistisch, dass Cristiano Ronaldo auf den Markt kam. Saudi-Arabien wagte den ersten Schritt und Al-Nassr schaffte es, ihn zu holen. Wir haben gesehen, wie er unsere Strategie in die Tat umgesetzt hat. Er hat die Türen für alle anderen Spieler geöffnet, die nach und nach dazugekommen sind. Er hat gezeigt, dass die Qualität des Fußballs in Saudi-Arabien – auch wenn sie heute noch nicht auf dem höchsten Niveau ist – nicht schlecht ist und sich sehr schnell verbessern wird.
Carlo Nohra, Geschäftsführer der SPL, würde sich über Thomas Müller in der Liga freuen.
© IMAGO / Lackovic
Müller nach Saudi-Arabien?
Ronaldo, Karim Benzema, Neymar, Sadio Mané und so weiter. Wer soll sonst noch in die Wüste kommen?
Jeder, der uns auf diesem Weg helfen kann, jeder, der sich dem überwältigendem Vorhaben der saudischen Liga anschließen möchte. Mit solchen Spielern in unserer Liga können wir die Grenzen des Spiels weltweit erweitern. Es ermöglicht sicherlich denjenigen, die sich am Ende ihrer Karriere befinden, ein Vermächtnis zu hinterlassen, einen größeren Fußabdruck im gesamten Sport, als einfach nur in den Ruhestand zu gehen. Der entscheidende Punkt ist, dass sie einen neuen Weg in Richtung Top-Level beschreiten können. Jeder, der helfen kann, jeder, der verfügbar ist und jeder, der für uns Sinn macht, kommt bei uns auf den Tisch und wird in Betracht gezogen. Egal, ob wir ihn bekommen oder nicht. Es ist eben noch immer ein freier Markt.
Wäre Bayern-Legende Thomas Müller so einer?
Warum nicht? Ich muss Sie daran erinnern, dass ich kein sportlicher Verantwortlicher bin und daher solche Entscheidungen nicht treffen werde. Aber es gibt absolut keinen Grund, warum jemand nicht auf dem Radar sein sollte. Jeder, der der Liga Mehrwert und Qualität verleihen kann, ist willkommen.
Fußball in Saudi-Arabien: Ist es auch ohne den Staatsfond möglich?
Derzeit werden die vier größten Vereine – Al-Nassr, Al-Ittihad, Al-Ahli, Al-Hilal – vom Staatsfond PIF gesponsert. Was werden Sie tun, wenn das Königreich beschließt, den Geldhahn zuzudrehen?
Die Zusage, die wir derzeit haben, besteht darin, dass die Finanzierung so lange fortgesetzt wird, wie die Strategie vorgesehen ist. Wir wissen, dass wir bis dahin die Unterstützung haben. Die Investitionen, die Sie vom PIF gesehen haben, können die Situation, in der wir uns befinden, nur verbessern. Das heißt, es handelt sich um ein Instrument zur Privatisierung dieser vier Clubs. Diese Clubs sind jetzt Privatclubs. Es handelt sich um Einrichtungen, die nicht mehr dem Ministerium gehören. Sie sind Eigentum des öffentlichen Investmentfonds. Für die meisten Ligen ist das beneidenswert. Wir haben das große Glück, eine Führung zu haben, die uns bei der Umsetzung der Strategie, die wir uns vorgenommen haben, unterstützen kann. Die Tatsache, dass private Unternehmen nun daran interessiert sind, den saudischen Fußball als investierbaren Vermögenswert zu betrachten, wird diesen Prozess nur beschleunigen. Die PIF-Beteiligung ist ein weiterer Katalysator, der den Weg möglicherweise verkürzen wird.
Wie können die Vereine lernen, auf eigenen Beinen zu stehen?
Eine unserer Hauptaufgaben als Liga besteht darin, die zentralen Rechte, die die Vereine an uns delegiert haben, besser als bisher zu kommerzialisieren. Ein weiteres Element der Strategie besteht darin, die Clubs in all ihren Managementfunktionen zu unterstützen, was auch Werbung, Marketing und Kommerzialisierung des Clubs umfasst. Es handelt sich um einen zweigleisigen Ansatz: Die Liga maximiert die Einnahmen aus alten Quellen, die uns im Namen dieser Vereine zur Verfügung stehen, und unterstützt die Vereine gleichzeitig bei dem, was sie mit den Vermögenswerten tun, die sie für sich behalten. Ich glaube nicht, dass dies kurzfristig gelingen wird. Es wird eine Weile dauern. Aber es ist eine Reise, die wir bereits begonnen haben. Wir haben gesehen, dass sich die kommerzielle Seite im Sommer deutlich verbessert hat. Die meisten Vereine sehen das auch so. Es liegt definitiv in unserer Verantwortung als Liga und Clubs, sicherzustellen, dass wir die Vermögenswerte, die wir haben, monetarisieren. Wir müssen die Vereine auf diesem Weg unterstützen.
Sie haben regelmäßig mit großen Unternehmen zu tun, um mehr Sponsoren für die Liga zu akquirieren. Befürchten die Firmen, dass sie durch eventuelles Investment in den saudi-arabischen Fußballs negative Presse bekommen könnten?
Nein. Am Ende ist uns sehr klar, was wir hier tun. Was wir tun, ist die Etablierung einer unterhaltsamen Liga, die dem saudischen Volk Entertainment bietet und die wir mit der Welt teilen wollen. Wir tun dies nicht, um die Position anderer zu gefährden. Wir tun dies ausschließlich für das saudische Volk. Ja, es hat globale Auswirkungen. Wir sind jedoch der Meinung, dass dies positiven Einfluss hat. Saudi-Arabien ist ein Land, das sich auf dem Weg der Transformation befindet. Zu den Elementen, die wir für unsere Bevölkerung bereitstellen müssen, gehört der Fußball, die Sportart Nummer eins, die von etwa 80 Prozent der Bevölkerung konsumiert, gesehen und gespielt wird, um ihnen Unterhaltungs- und Lifestyle-Möglichkeiten zu bieten, die sie vor einiger Zeit noch nicht hatten. Aber das ist kein Angriff auf irgendjemanden. Dies ist lediglich neue Chance für das saudische Volk. Wenn wir sie mit dem Rest der Welt teilen können, ist die Wirkung noch größer und unserer Überzeugung nach wirklich positiv.
Saudi-Arabien steht allerdings regelmäßig in der Kritik, was Menschenrechte anbelangt. Auch Sportswashing wird dem Königreich vorgeworfen.
Der Aufstieg des saudischen Fußballs ist eine fesselnde Story, weil sie Teil der Geschichte eines Landes ist, das sich verändert und weiterentwickelt. Saudi-Arabien hat sich bewusst dafür entschieden, voranzuschreiten und anders zu sein. Wir unterstützen diesen Prozess. Auch wenn es nur ein kleiner Tropfen auf den heißen Stein ist, ist es dennoch ein Tropfen auf den heißen Stein, weil den Menschen hier Fußball so wichtig ist. Die Tatsache, dass wir über die notwendigen finanziellen Mittel verfügen, sollte uns nicht weltweit zur Zielscheibe machen. Wenn Menschen neidisch sind, müssen sie sich mit ihrer eigenen Wahrnehmung darüber auseinandersetzen, was hier vor Ort läuft. Was wir hier tun, tun wir für das saudische Volk. Wir unterstützen ihre Ambitionen und Träume und sollten uns nicht dafür schämen.
Neymar, Mané, Kanté, Benzema: Diese Stars sind im Sommer nach Saudi-Arabien gewechselt




Die Saudi Pro League soll attraktiver werden!
Die Bundesligisten erhalten durch den TV-Vertrags etwas mehr als eine Milliarde Euro, die Premier-League-Clubs rund drei Milliarden Euro. Was ist das Ziel der Saudi Pro League in dieser Hinsicht?
Wir wollen die Monetarisierung maximieren und letztendlich wertvoller sein als jede andere Liga. Aber es gibt noch viel zu tun, vor allem am Produkt und an der Art und Weise, wie es angeboten und konsumiert wird. Es erfordert ein großes Verständnis für die Fans und dafür, wie sie heutzutage Fußball erleben, was ganz anders ist als zu der Zeit, als ich aufgewachsen bin. Es geht darum, den Finger am Puls der Zeit zu haben und in der Lage zu sein, flexibel genug zu bleiben, um den Anforderungen des Publikums gerecht zu werden. Es wird nicht über Nacht passieren. Aber je mehr wir wachsen, desto mehr haben wir das Gefühl, dass wir die Meilensteine erreichen, die wir uns gesetzt haben. Aber wir stehen erst am Anfang unserer Reise, es sind erst ein paar Monate vergangen. Wir sind uns dessen bewusst. Wir sollten uns auf dieser Reise nicht von Menschen beeinflussen lassen, die nicht die richtige Vorstellung davon haben, was hier vor sich geht. Aber es ist gleichzeitig auch unsere Pflicht, unsere Geschichte mit ihnen zu teilen, damit sie sich dessen im Klaren sind, was hier passiert. Es braucht diese Offenheit, damit die Menschen verstehen, was vor sich geht. Für mich ist es ganz erstaunlich, das anzusehen. Wenn man sich ansieht, wo das Königreich vor ein paar Jahren war und wo es heute steht, sieht man große Fortschritte. Und wir freuen uns, dass der Fußball zu dieser Veränderung beitragen kann.
Wie wollen Sie die Liga unterhaltsamer gestalten?
Wir lernen von allen, auch die Bundesliga gibt uns tolle Learnings. Wir sind ein Unterhaltungsprodukt. Wir sollten daten- und technologieorientiert sein. Damit meine ich, dass es in der heutigen modernen Welt, in der jede Aktion gemessen wird und es Daten gibt, die man ganz einfach finden kann, keinen Grund gibt, warum wir nicht ein viel tieferes und aussagekräftigeres Verständnis über unsere Fans sowie die Art und Weise, wie sie Fußball konsumieren möchten, erlangen können. Wir müssen ihnen diese Erfahrung äußerst reibungslos und einfach gestalten.
Wie?
Ich habe zum Beispiel festgestellt, dass für diejenigen, die physisch – also vor Ort – daran teilnehmen möchten, der Weg vom Ticketkauf bis zur Rückkehr nach Hause äußerst wichtig ist, und wir müssen darüber von vorne bis hinten nachdenken. Zudem ändern sich in der digitalen Welt die Dinge ständig und wir müssen auf dem Laufenden bleiben. Wir müssen uns neu definieren. Wir müssen uns neu definieren. Ich sage, wir müssen aufhören, nur unsere Event-Management-Rolle zu spielen, und stattdessen mehr für Unterhaltung sorgen. Es spielt keine Rolle, wo man sich heute befindet: Die Menschen interessieren sich mehr als nur für die 90 Minuten Fußball. Sie interessieren sich für den Lifestyle der Spieler, die Hintergrundgeschichten, das, was im Training passiert. All das müssen neue Möglichkeiten sein, die wir in Betracht ziehen, um unser Produkt zu verbessern. Daran arbeiten wir fleißig.
Hilft der Hype in Saudi-Arabien bei der Bewerbung für die WM 2034?
Wie viele andere große europäische Vereine machte Al-Nassr während der Saison-Vorbereitung eine Tour in Japan. Wie wichtig sind solche Reisen, um neue Märkte zu erschließen?
Das ist ganz entscheidend. Wir möchten die Liebe zum Sport in Saudi-Arabien mit dem Rest der Welt teilen. Die Möglichkeit zu haben, auf diesen Bühnen auf der ganzen Welt zu stehen, ist von entscheidender Bedeutung, denn das hilft uns, unsere Geschichte zu erzählen. Al-Nassr erzählte sie dem japanischen Volk und vielleicht auch dem französischen, weil Paris Saint-Germain am selben Turnier teilgenommen hat. Bei allem, was wir tun, spiegeln wir das Land wider, das wir vertreten, und wir sind äußerst stolz darauf, dass Al-Nassr im Sommer diese Reise unternommen hat. Solche Touren werden wir in Zukunft häufiger von saudi-arabischen Teams sehen.
Am Mittwoch verkündete der saudi-arabische Fußballverbandspräsident Yasser Al-Misehal, dass das Königreich sich um die Ausrichtung der WM 2034 bewerben werde. Wie wichtig ist eine starke Liga, um dieses Turnier ins Land zu holen?
Auf jeden Fall sehr wichtig. Aber wir betrachten beide Themen getrennt voneinander. Wir haben unsere Liga-Strategie aufgesetzt und bereits lange vor dieser Ankündigung mit der Umsetzung begonnen. Spitzenfußball ist etwas, das wir dem saudischen Volk täglich bieten möchten. Es geht nicht um 2034. Es geht um kontinuierliche Unterhaltung auf hohem Niveau für das saudische Volk. Die Ausrichtung der Weltmeisterschaft ist definitiv ein weiterer Meilenstein auf der Fußballreise Saudi-Arabiens. Wir würden uns freuen, diese Ausschreibung zu gewinnen und die Weltmeisterschaft ins Königreich zu bringen. Aber wie gesagt: Liga und WM betrachten wir getrennt voneinander.
Was ist Ihre Vision für die Liga?
Der Traum ist es, die unterhaltsamste Liga der Welt zu sein und dies mit der Welt teilen zu können.
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