Transfer-Streit inklusive: So landete Lennart Karl beim FC Bayern
VonFlorian Schimak
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Bei der Klub-WM könnte Lennart Karl auffallen. Der FC Bayern ist stolz auf sein neues Juwel. Ein früherer Verein bedauert den Transfer des Talents.
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Im heutigen Fußball tragen junge, talentierte Spieler oft sofort ein Superlativ. Das ist größtenteils dem generellen Zeitgeist geschuldet, bei dem alles immer größer, besser, geiler werden soll, als es sowieso schon ist – oder jemals war.
Auch bei Lennart Karl liest und hört man sofort solche Attribute. Doch er ist dieser 17-Jährigen des FC Bayern, der gerade seine ersten 45 Minuten bei den Profis des Rekordmeisters absolviert hat?
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Am Sonntag (15.) beim 10:0 (6:0)-Erfolg der Münchner zum Auftakt bei der Klub-WM in den USA feierte Karl zu Beginn der zweiten Hälfte gegen Auckland City FC sein Profidebüt. Zum Ende der abgelaufenen Saison stand er bereits einige Male im Kader von Trainer Vincent Kompany.
Im April beispielsweise, als es für die Münchner in der Champions League gegen Inter Mailand ging, saß Karl in der Allianz Arena auf der Bank. „Natürlich war ich vor dem Spiel erstmal ein bisschen nervös. Im Hotel habe ich noch mit vielen Freunden aus meiner Heimat telefoniert und als es dann zum Stadion ging, habe ich schon eine positive Anspannung gespürt“, verrät Karl im Interview mit den Vereinsmedien: „Natürlich wäre ich an diesem Abend oder auch im Rückspiel gerne reingekommen, aber ich weiß, wer auf meiner Position vor mir steht.“
Er spricht hier von Michael Olise. Kingsley Coman. Serge Gnabry. Oder noch für kurze Zeit Leroy Sané, den er allerdings bei der Klub-WM bereits ersetzen könnte. Keine Namen, bei denen man als gerade einmal 17-Jähriger auf viel Einsatzzeit hoffen kann.
Dennoch sagte Kompany nach der Partie: „Es ist gut für Bayern und gut für ihn, dass er jetzt sein Debüt gefeiert hat.“ Weil man in München große Stücke auf den kleinen Dribbler (1,70m) hält.
Kompany-Lob und große Demut: Das zeichnet Lennart Karl beim FC Bayern aus
Große Sprüche hingegen entsprechen nicht Karls Charakter. Hört man sich beim FC Bayern um, so erfährt man, dass der Youngster sehr klar in seinem Kopf ist und das nötige Selbstbewusstsein besitzt. So übernahm er bei seinem Profidebüt sofort die Ecken von der rechten Seite.
Allerdings – und auch das zeichnet ihn neben seinen fußballerischen Qualitäten aus: Karl ist demütig und lernfähig. Wenn Thomas Müller in der vergangenen Saison mit dem Youngster in der Allianz Arena beim Warmmaschen sprach, sah dieser ihn meist mit großen Augen an.
Generell traut man Karl in den kommenden Jahren den nächsten Schritt zu, also den Weg vom FC Bayern Campus an die Säbener Straße. Sprich: Den Durchbruch beim FC Bayern. Dafür aber muss er weiterhin so klar und fokussiert bleiben.
„Er soll jetzt weiter Gas geben, wenn er die Chancen bekommt“, gab ihm Aleksandar Pavlović nach seinem Debüt am Sonntag mit auf dem Weg.
Dass Karl nicht den Fokus verliert, dafür sorgte auch sein Berater. Dieser ist kein Geringerer als Michael Ballack. Der Ex-Capitano holt den Youngster dabei immer mal wieder auf den Boden, wenn es nötig ist.
In der heutigen Fußballlandschaft, wo die Kicker durch Social Media schnell zu Influencern werden, ist die Gefahr natürlich groß, dass man Dingen abseits des Rasens etwas mehr Aufmerksamkeit schenkt. Gerade auch in einem solchen Alter.
Lennart Karl: Mit Michael Ballack als Berater zum Durchbruch beim FC Bayern?
Doch nicht nur Ballack sorgt dafür, dass Karl auf dem Boden bleibt. Auch das familiäre Umfeld des U17-Nationalspielers hat dabei einen wichtigen Einfluss, gibt dem Nachwuchskicker den so wichtigen Halt. Papa Steffen Aloe war selbst Fußballer, wenn auch nie professionell.
Die Familie kommt aus Frammersbach, einem Ort zwischen Aschaffenburg und Schweinfurt im Main-Spessart-Kreis. Daher liegen Karls fußballerischen Anfänge auch bei Viktoria Aschaffenburg, wo sein Talent in ganz jungen Jahren sehr auffällig war. Bereits mit neun Jahren ging‘s dann 2017 schon zu Eintracht Frankfurt. Dort spielt auch noch heute sein kleinerer Bruder.
„Er war damals schon ein auffälliger Spieler. Wir hätten ihn gerne länger bei uns gehalten“, sagt Andreas Möller, Weltmeister von 1990 und Leiter der SGE-Nachwuchsabteilung von 2019 bis 2022 im Gespräch mit unserer Redaktion. Warum Karl nun sein Profidebüt im Bayern- und nicht im Eintracht-Trikot gab?
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„Wir haben alles versucht, hätten alles für ihn gemacht. Aber der FC Bayern hat eine ganz besondere Strahlkraft, da hatten wir keine Chance“, erklärt Möller: „Von den Bayern war das damals nicht die feine englische Art, einen so jungen Spieler abzuwerben. Das haben wir den damaligen Verantwortlichen auch mitgeteilt.“
Nach dem Transfer-Stress und weil die SGE Karl keinen Platz im Nachwuchsleistungszentrum anbieten konnte, da am Riederwald lediglich 14 Plätze zur Verfügung standen, ging der Linksfuß noch einmal für ein halbes Jahr zurück zu Viktoria Aschaffenburg, ehe Karl im Sommer 2022 nach München wechselte.
„Ich kann mich noch erinnern, als ich damals nach meinen Stationen bei Frankfurt und Aschaffenburg am Campus eingezogen bin und in den ersten Wochen großes Heimweh hatte“ verriet Karl kürzlich bei fcbayern.com: „Jetzt hier dabei zu sein, bedeutet mir sehr viel.“
Der Weg von Lennart Karl: Über Viktoria Aschaffenburg und Eintracht Frankfurt zum FC Bayern
Nicht nur die sportlichen Verantwortlichen freuen sich darüber, Karl im Verein zu haben – auch bei den Bayern-Fans ist der Youngster bereits beliebt. Klar, wäre er nach Jamal Musiala und Aleksandar Pavlović der nächste Nachwuchskicker, der aus der eigenen Jugend den Sprung zu den Profis geschafft hätte. Sowas kommt bei den Anhängern immer gut an.
Ob Lennart Karl letztlich aber wirklich ein Bayern-Star wird, lässt sich zur jetzigen Zeit natürlich noch nicht sagen. Die Hoffnung aber dürfte nicht gerade gering sein. (smk)