Der nicht unverdiente 1:0-Sieg in Sachsen basiert auf einer leidenschaftlichen Defensive. Und einem Torwart, den mal wieder die Aura des Unbezwingbaren umgibt.
Leipzig – Die blanken Zahlen sprechen für sich und spiegeln die Kräfteverhältnisse dieses (nur vermeintlich) einseitigen Duells zwischen RB Leipzig und Eintracht Frankfurt in aller Deutlichkeit wider. Als da wären, Ballbesitz in Prozent: 63 : 37 für RB. Gewonnene Zweikämpfe: 55 : 45. Pässe in toto: 588 : 351. Eckbälle: 15 : 4. Erwartbare Tore anhand der sich bietenden Gelegenheiten: 3,07 : 0,81. Torschüsse: 31 : 5. Klare Sache. Eigentlich.
Indes: Nach der Einbahnstraßenpartie schmunzelte der starke Frankfurter Torhüter Kevin Trapp das Zahlenwerk locker weg: „Statistiken sind nicht alles. Am Ende geht es darum, dass wir das Tor geschossen haben.“ Gut gebrüllt, Löwe.
Knauff schießt Eintracht Frankfurt früh zum Sieg
Schon relativ früh, nach sieben Minuten, ist jener Goldene Treffer an diesem Samstagnachmittag im Bullen-Kosmos zu Leipzig gefallen: Eintracht-Flügelmann Niels Nkounkou flankte perfekt auf Ansgar Knauff, Abschluss mit rechts, Tor, 0:1. Das Ergebnis sollte auch 90 Minuten später noch in dieser Schlichtheit Bestand haben. Weshalb die Eintracht erstmals in der noch sehr überschaubaren Geschichte dieses Vergleichs bei den Sachsen die Punkte in voller Ausführung mitnehmen konnte.
„Ein tolles Gefühl“, wie Keeper Trapp anmerkte. Und ein perfekter Start ins neue Jahr für die Eintracht, genauso perfekt wie der Abschied aus dem alten mit dem verrückten 2:1 gegen Borussia Mönchengladbach war. Für die – Achtung – Statistiker gilt festzuhalten: Nach der nun offiziell beendeten Hinrunde belegt die Eintracht mit 27 Punkten Rang sechs. Das ist mehr als der komplett veränderten Mannschaft zuzutrauen war.
„Leidenschaftliche Defensivleistung“: Leipzig-Trainer Rose beeindruckt von der SGE
Umso höher ist dieses bisherige Abschneiden zu bewerten. Überdies: Aus den letzten vier Bundesligapartien holte die Eintracht neun Punkte, und das nicht eben gegen Laufkundschaft: Bayern, Gladbach, Leipzig geschlagen, nur gegen Bayer Leverkusen verloren. Kein Wunder, dass die Frankfurter inzwischen alles daran setzen wollen, diese Platzierung zu zementieren oder sogar noch weiter nach oben zu klettern. Unmöglich scheint das nicht.
Natürlich kann man trefflich darüber streiten, ob dieser Auswärtserfolg wirklich verdient war. Über ein anderes Resultat hätten sich die Gäste aus Frankfurt nicht beschweren können und hätten es nicht getan. Aber es war auch kein geschenkter Erfolg, der irgendwie vom Himmel gefallen ist. „Die Eintracht hat sich das Ergebnis mit einer leidenschaftlichen Defensivleistung verdient“, stellte RB-Trainer Marco Rose fest. Und: Die Hessen hatten durch Eric Dina Ebimbe (25.) und Mario Götze (57.) auch noch zwei glasklare Chancen.
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Die Überlegenheit der Leipziger war dennoch frappierend, „es war über 90 Minuten ein Spiel auf ein Tor“, bekundete Schlussmann Trapp. „Aber wir haben es verdammt gut verteidigt, wunderschön verteidigt.“ Bei der klaren Rollenverteilung auf dem Feld und der Torschussbilanz (zur Erinnerung: 31:5) ist der Nationaltorwart reflexartig zum „Man of the Match“ gekürt worden, von seinem eigenen Trainer Dino Toppmöller etwa, der ihm eine „überragende Leistung“ bescheinigte.
Ohne die starke Darbietung des 33-Jährigen auch nur im Ansatz schmälern zu wollen, sei aber angefügt, dass Trapp keine Monsterparaden im Minutentakt benötigte, um die Platzherren zu entnerven. Er behielt gegen Lois Openda im Eins-gegen-Eins die Nerven (38.), lenkte einen Openda-Kopfball gekonnt über die Latte (65.) und war aufmerksam gegen einen tückischen Schuss ins kurze Eck von Benjamin Henrichs (70.).
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Aura des Unbezwingbaren: Trapp bei Eintracht-Sieg mit viel Sicherheit
Viel mehr konnte der Frankfurter Keeper gar nicht entschärfen, weil viel mehr nicht direkt auf seinen Kasten kam, alle anderen Versuche erstickte die hingebungsvoll kämpfende Eintracht-Deckung schon vorher im Keim oder die Leipziger Angreifer schlossen zu unpräzise ab.
Richtig ist gleichwohl: Irgendwann umgab Kevin Trapp wieder diese Aura des Unbezwingbaren. Er strahlte Sicherheit und Souveränität aus, war der Rückhalt, der Kraft und Selbstvertrauen gibt. Irgendwann war zu spüren: „Hmm, nee, in Trapps Kiste fällt heute eher keiner rein.“ Trotzdem ist das ein Vabanquespiel, sicher kann man sich nie sein, gerade bei der Qualität des Gegners und der drückenden Dominanz.
Und genau deshalb fand Coach Toppmöller auch das eine oder andere Haar in der Suppe. „Nach meinem Geschmack hatten wir deutlich zu wenig Ballbesitz und Entlastung“, sagte er. „Aber das liegt natürlich auch an der Qualität des Gegners.“ Trotzdem hätte er sich noch mehr und noch zielstrebigere Angriffe wie jenen aus der Anfangsphase gewünscht, als die Eintracht schnell über links nach vorne spielte und Niels Nkonkou einen in der Schärfe und Genauigkeit herausragenden Ball auf Ansgar Knauff spielte, der das 0:1 machte.
„Ein Bilderbuch-Angriff“, wie Toppmöller sagte. Keeper Trapp flankierte: „Das Tor war wunderschön.“ Und offenbar kein Zufall. „Genau das haben wir in der Woche trainiert.“ Wenn die Umsetzung des Geübten auch im Ernstfall klappt, ist das für alle Beteiligten umso erfreulicher. Es zeigt: Nimmermüde Arbeit und ständige Wiederholungen lohnen sich, auch für Trainer Toppmöller ist es die Bestätigung seiner Fußballauffassung und Trainingslehre. Und die Spieler wissen: Da steht einer, der sich Gedanken macht und dessen Ideen verfangen. Nicht zu unterschätzen.
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Im Frankfurter Lager will man dennoch demütig bleiben. „Wir nehmen den Sieg mit“, sagt Toppmöller, „können ihn aber vernünftig einordnen.“ Richtig so, schon am Samstag wartet die nächster Herausforderung, dann geht es zum Derby nach Darmstadt. Die Lilien rangieren ganz unten, Letzter im Klassement. Früher wusste man schon, wie es ausgeht, wenn die Eintracht bei einem solch beladenen Gegner vorbeischaut. Vielleicht aber hat Toppmöller es sogar geschafft, der Diva die Flausen auszutreiben. Wer weiß es schon? (dur)