In neuer Rolle

Eintracht Frankfurt: Alles tutti bei Tuta

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Fokussiert: Tuta.
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Der Brasilianer in Diensten von Eintracht Frankfurt hat eine rasante Entwicklung zum Positiven hinter sich. Das hat auch mit dem einen oder anderen Neuzugang zu tun.

Es war im schwül-heißen Louisville in Kentucky, als Dino Toppmöller die Katze aus dem Sack ließ. Die eigentlich fest ins Auge gefasste Planstelle im zentralen defensiven Mittelfeld, dieser „Sechser“ mit Leaderfunktion, werde man nicht besetzen, der einzige, der ja offenbar in Frage gekommen wäre, war Pascal Groß gewesen, der aber viel lieber zu Borussia Dortmund wechseln wollte und es auch tat. Also, sagte der Frankfurter Trainer im US-amerikanischen Trainingslager en passant, werde man diese Vakanz aus Bordmitteln füllen, und er habe da auch schon eine Idee, durch wen: Lucas Silva Melo, ein 25 Jahre alter Profi aus São Paulo.

Das Gute daran: Der Mann spielt seit bald fünf Jahren bereits im Dress von Eintracht Frankfurt, ist dort aber eher unter dem Namen Tuta bekannt. Naja, dachten viele, ob das so eine gute Idee ist?

Am Sonntag am später Nachmittag hat sich dieser Tuta im Ostseestadion zu Kiel nach einem souveränen 4:2-Sieg vor sein Handy gestellt, von sich ein kleines Video gedreht und ins Netz gestellt, er plaudert da locker auf englisch drauf los („Let´s Eintracht“), ohnehin ist der Brasilianer, der neben seiner Muttersprache portugiesisch noch spanisch spricht, aber wenig deutsch, viel in den Sozialen Medien unterwegs (@Ituta_38), gerne postet er Fotos von sich, und ganz aktuell auch ein paar hübsche Szenen aus dem Kiel-Spiel.

Das war für den 25-Jährigen eine besondere Partie, aus dreierlei Gründen: Zum einen war es sein 150. Spiel für Eintracht Frankfurt („dieser Meilenstein bedeutet mir viel“), dazu trug er erstmals die Kapitänsbinde („eine Ehre für mich“) und er spielte auf der Pascal-Groß-Position eine bärenstarke erste Halbzeit, dann musste er (wegen der Platzverweis-Gefahr für Aurele Amenda) zurück auf seinen angestammten Platz in der Innenverteidigung.

Tatsächlich lieferte Tuta eine sehr erwachsene, reife Leistung ab, sehr fokussiert, ballsicher, ruhig. Dass er es war, der den Konter zum 1:0 mittels eines feinen Passes auf Omar Marmoush inszenierte, gehörte genauso zum rundum gelungenen Auftritt wie sein Treffer zum 4:2 – da stand er als Stopper goldrichtig im gegnerischen Fünfmeterraum. Tuta, der dieser Tage Vater werden wird, war nach Toptorjäger Marmoush herausragender Mann bei der Eintracht – und hatte Glück, als er nach einem riskanten Zuspiels seines Landsmannes Kaua Santos den Ball zwar verlor, der Schiedsrichter den Kieler Treffer wegen eines vermeintlichen Foulspiels aber nicht gab.

Tutas positive Entwicklung hatte man nicht unbedingt erwartet: Im letzten halben Jahr galt er, seit 2019 in Frankfurt und damit drittdienstältester Spieler der Hessen, als potenzieller Wechselkandidat, er spielte unsicher, leistete sich viel zu viele Leichtsinnsfehler, flog vom Platz (dreimal in seiner Frankfurter Zeit, so viel wie kein anderer Eintracht-Akteur), er wirkte alles andere als sicher. Auch deswegen wirkte die Aussage Toppmöllers in den USA gewagt.

Doch Tuta hat sich gefangen, mehr noch: Er wirkt bislang ungewöhnlich stabil, gewann an den ersten fünf Ligaspieltagen 60 Prozent seiner Zweikämpfe (2023/24 waren es 54 Prozent), dazu spielte er in allen sieben Pflichtspielen von der ersten bis zur letzten Sekunde – und, auch das ist neu, er kam bislang ohne eine einzige Verwarnungskarte aus.

Es gibt natürlich Gründe für diese erstaunliche Frühform, und sie hat entscheidend mit zwei weiteren Neuverpflichtungen zu tun: Rasmus Kristensen und Arthur Theate. Diese beiden erfahrenen Profis geben Tuta und eigentlich der ganzen Mannschaft von hinten heraus eine bisher ungeahnte Ruhe, eine Sicherheit, die ansteckend ist. In ihrem Rücken können Tuta (und andere) deutlich befreiter aufspielen, wohlwissend, dass da hinten zwei Haudegen stehen, die im Zweifelsfall zur Stelle sind.

An ihrer Seite wachsen die anderen Frankfurter, das gilt in erster Linie für Tuta, aber auch für Hugo Larsson, der ebenfalls deutlich selbstsicherer und stärker auftritt als im letzten halben Jahr. Und wenn das Vertrauen in die eigene Fähigkeit da ist, fallen viele Dinge viel leichter. Insgesamt wirkt Eintracht Frankfurt in dieser Frühphase der Saison deutlich gefestigter, homogener. Sportdirektor Timmo Hardung hat dafür eine simple Erklärung: „Es liegt daran, wie sehr sich die Spieler gegenseitig Halt geben.“ Das gibt speziell für den Brasilianer, der nun weniger Verantwortung zu tragen hat.

Zuvor hatte der durchaus selbstbewusste Südamerikaner häufig zu viel gewollt, den Ball verschludert, Gegentore verschuldet. „Ein Grund dafür ist seine fußballerische Qualität – und weil er oft in Sekunden entscheiden musste, hat er zu viel riskiert“, findet Hartung, weil Tuta es ja fußballtechnisch eigentlich drauf hat. Deshalb spielte er häufig den (zu) komplizierten Ball.

Morgen in Istanbul, im Hexenkessel des Tüpras Stadyums, dürfte Tuta wieder seine angestammte Rolle in der Innenverteidigung übernehmen, womöglich käme die Aufgabe bei Besiktas für Amenda zu früh. Es sei denn, der Nachwuchs meldet sich noch zum Dienst: Tutas Ehefrau Victoria ist hochschwanger.

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