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Der FC Bayern startet souverän mit einem 3:1 über den Klub-Weltmeister FC Chelsea in die Champions League. Nicht alles war dabei so zu erwarten.
München – Auch der frischgebackene Klub-Weltmeister FC Chelsea konnte den FC Bayern nicht stoppen: Zum 22. Mal in Serie gewann der deutsche Rekordmeister das Auftaktspiel in der Champions League – ein sensationeller Rekord. Zweimal Harry Kane und ein Eigentor der Londoner nach zuvor glänzender Vorarbeit von Michael Olise – Cole Palmer traf für Chelsea zum zwischenzeitlichen 1:2 – sicherten den verdienten 3:1-Sieg, der sogar noch höher ausfallen hätte können. Die Münchner bestätigten auch international ihre starke Form in der Bundesliga. Was dennoch überraschte:
Klub-Patron Uli Hoeneß schätzte vor der Königsklassen-Saison die Chancen seiner Bayern auf den heißbegehrten Henkelpott so groß wie die der TSG Hoffenheim auf die Deutsche Meisterschaft ein. Ob er das tatsächlich bierernst gemeint hat, ist nicht so ganz klar. Eindeutig ist jedoch derzeit im Weltfußball die haushohe finanzielle Überlegenheit der Premier League Vereine, die in der Sommertransferperiode mit Rekordsummen aktiv wurden.
Der FC Bayern kann mit den Premier League Klubs mithalten
Sportlich ist dies jedoch ganz offensichtlich nicht immer das wichtigste Kriterium. So hat der deutsche Rekordmeister innerhalb von sechs Wochen beide PL-Vereine in der Allianz Arena dominiert, die in den vergangenen Monaten die internationalen Titel auf die Insel geholt hatten. Zunächst in einem Freundschaftskick den Europa League Sieger Tottenham Hotspur (4:0) und nun den UEFA Conference League Sieger und Klubweltmeister Chelsea.
Für viele FCB-Insider ist die Heimstärke des FC Bayern, auch international und gerade in CL-„Gruppenspielen“ sicherlich keine ganz große Überraschung, die anderen drei Erkenntnisse aus der Auftakt-Partie gegen den FC Chelsea dagegen schon.
Bayern-Noten gegen Chelsea: Zweimal die Bestnoten – aber auch zwei Fünfer




Als sich Josip Stanišić gegen den Klub-Weltmeister zu Beginn der zweiten Halbzeit infolge eines Luftzweikampfs verletzte (Diagose: Teilriss des Innenbands im rechten Knie) und wenig später ausgewechselt werden musste, war das Entsetzen auf den Rängen bei den FCB-Fans riesig. Die drei gelernten linken Verteidiger Alphonso Davies, Hiroki Ito und Raphaël Guerreiro fehlen bereits verletzt, Adam Aznou hat den Verein verlassen, so dass Stanišić bereits als Rechtsverteidiger die Seiten wechseln musste. Und jetzt?
Trainer Vincent Kompany wechselte Sacha Boey für den gebürtigen Münchner und kroatischen Nationalspieler ein. Während der Belgier stets den Qualitäten des 25-Jährigen vertraute, steht dieser in den Medien und bei zahlreichen Anhängern scharf in der Kritik. Im Spiel ergaben sich durch seine Einwechslung Veränderungen in der Münchner Viererkette: Konrad Laimer wechselte von rechts auf links und der Franzose besetzte seine gelernte Rechtsverteidiger-Position.
Wohl zur Überraschung vieler überzeugte Boey gegen Chelsea dann in allen Teildisziplinen und trat defensiv wie offensiv wesentlich stärker als zuvor Stanišić auf. Gerade in der etwas kritischen FCB-Phase direkt nach seiner Einwechslung – die Londoner hatten sich in der Pause offensichtlich etwas vorgenommen – gewann er gefühlt jeden einzelnen Zweikampf. Zahlt sich nun doch Kompanys schier unendliche Geduld mit Boey aus?
Kompany-System: Minjae Kim besser als Neuzugang Jonathan Tah geeignet?
in den letzten Jahren stand die FCB-Innenverteidigung immer wieder in der Kritik. Nicht zuletzt auch der südkoreanischen Nationalspieler Minjae Kim, der 2023 als bester Verteidiger der Serie A von Napoli zum FC Bayern gewechselt war. Vergessen wird dabei nicht selten, dass der 28-Jährige in fittem Zustand schon exzellente Leistungen für den Rekordmeister gezeigt hat. Dies war jedoch leider nur allzu selten der Fall.
Grundsätzlich fühlt sich Minjae im aggressiv nach vorne verteidigenden System von Kompany pudelwohl, dabei kommt das „Monster“ (Spitzname aus Südkorea) in ihm zum Vorschein. Weniger wohl fühlt sich dagegen noch der deutsche Nationalspieler Jonathan Tah in diesem System. Der 29-Jährige war im Sommer ablösefrei von Bayer Leverkusen gekommen und viele trauten ihm die Rolle des Abwehrchefs beim FCB zu.
Seit Saisonstart läuft in der Münchner Startformation regelmäßig das Innenverteidigerpaar Tah und Dayot Upamecano auf, Minjae kommt, wenn überhaupt, von der Bank. So auch gegen Chelsea zur Halbzeit, nachdem der stark verunsichert wirkende Tah zusätzlich noch mit einer gelben Karte belastet war. Aber der Koreaner zeigte eindrucksvoll wieder seine „Monsterseite“, gewann fast jeden Zweikampf. Er gab der Abwehr im Vergleich zu Tah wesentlich mehr Sicherheit, auch begünstigt durch seine Schnelligkeitsvorteile. Der Kampf um die Stammposition neben Upamecano könnte damit neu eröffnet sein.
„Olise Olise Olise“ auf den Spuren von Ribéry
Dass Michael Olise in seinem zweiten Jahr beim FC Bayern auf dem Weg zum absoluten Superstar ist, wissen alle, die regelmäßig Spiele des Rekordmeisters sehen. Seine Extra-Klasse bewies er auch gegen den FC Chelsea, vernaschte bei seinen trickreichen Aktionen ein ums andere Mal Gegenspieler Marc Cucurella. Dieser wurde dagegen – wenig überraschend – in der Allianz Arena erneut bei jedem Ballkontakt gnadenlos ausgepfiffen. Selbst hat der spanische Europameister dabei ganz offensichtlich immer noch nicht verstanden, dass es keineswegs um sein nicht geahndetes Handspiel im EM-Viertelfinale geht als vielmehr seine als arrogant zu bezeichnenden Äußerungen danach.
Zudem ist Cucurella ein nickliger Spieler, der mit viel Schauspieltalent provoziert, wofür er jedoch beim CL-Spiel in München von Schiedsrichter José María Sanchez, einem Landsmann, einen Freifahrtsschein bekam. Olise hatte dagegen in der 85. Minute die Faxen dick und schubste den 27-Jährigen nach einem Zusammenprall genervt weg: Die Bayernfans jubelten fast wie bei einem erzielten Tor, Sanchez zeigte dem Franzosen die gelbe Karte, wofür es ein gellendes Pfeifkonzert gab. So weit alles normal.
Plötzlich fingen dann aber große Teile der FCB-Fans an, den technisch versierten Bayernstürmer mit „Olise Olise Olise“-Sprechchören zu feiern, und zwar in derselben Weise wie bei einem Landsmann, der FCB-Legende Franck Ribéry. Auch der glänzte mit ähnlichen Tricks und Finten auf dem Spielfeld, ließ sich aber auch nichts gefallen. Die Anhänger des Rekordmeisters lieben ihn noch heute dafür.
Ribéry kam 2007 als 24-Jähriger zum FCB, hatte 2010 große Wechselpläne, blieb dann aber noch weitere neun Jahre in München, seiner (zumindest) zweiten Heimat, auch wegen der Liebe, die ihm entgegengebracht worden war. Olise kam als 22-Jähriger, auch um ihn herum kursieren bereits viele Wechsel- bzw. Interessentengerüchte. Vielleicht entsteht aber gerade auch eine vergleichbare Beziehung zwischen Verein, Fans und Spieler wie einst bei Ribéry.
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