Vor dem Spiel gegen eintracht Frankfurt

Union Berlin und Urs Fischer: Kontrollverlust in Köpenick

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Erlebt gerade erstmals eine schwere Zeit in Berlin: Union-Trainer Urs Fischer.
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Bei Union gerät sogar Kulttrainer Urs Fischer nach elf Niederlagen am Stück unter Druck, auch, weil die Einkaufspolitik diesmal nicht funktioniert hat.

Aus gegebenem Anlass - hier: große Sorge - hat sich in die Krise der Eisernen nun sogar der renommierte Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk eingeschaltet. Der Publizist hielt bei Facebook ein flammendes Plädoyer für den angezählten Berliner Trainer. „Der rasante Aufstieg unter Urs Fischer war ein Märchen“, schrieb der anerkannte 56-Jährige, der in der Jugend selbst mal die Schuhe für die Köpenicker geschnürt hat. „Es geht nicht ewig nach oben. Erst wenn Union abgestiegen sein sollte, darf und kann darüber entschieden werden, ob der Erfolgscoach ausgewechselt werden sollte. Alles andere würde Union nicht gut zu Gesicht stehen. Urs Fischer, Fußballgott.“ Punkt.

Jetzt ist es an der Alten Försterei schon so weit, dass kluge Menschen den sicherlich ebenfalls klugen Entscheidern Ratschläge geben, wie sie mit der großen Misere des etwas anderen Vereins umgehen sollten. Die Angst im Osten der Kapitale geht um, sie wächst stetig, die Angst, dass Union den Turnaround nicht mehr schafft – sogar mit diesem ganz besonderen Trainer nicht. Das kann nicht sein, das soll nicht sein, das darf nicht sein.

Jener Urs Fischer, der nicht nur ein ausgewiesener Fachmann und Sympathieträger ist, sondern den Kultklub Schritt für Schritt nach oben geführt hat, mit der Krönung in der Vorsaison: Qualifikation für die Champions League (während der große Stadtrivale Hertha BSC mal wieder den Gang ins Fußball-Unterhaus antreten musste). Der Aufschwung des 1. FC Union Berlin – ein kleines Fußballmärchen. Nach dem Motto: Der Himmel ist die Grenze. Der scheint den Verantwortlichen aber jetzt auf den Kopf zu fallen.

Elf Niederlagen in Folge

Fast schon unglaubliche elf Niederlagen in Serie hat die Mannschaft hinnehmen müssen. Das ist nicht nur die Bilanz eines Abstiegskandidaten, sondern auch ein untrügliches Indiz dafür, dass etwas nicht mehr stimmt an der Wuhlheide. Und so gerät sogar der Vater des Erfolges in die Kritik, Kulttrainer Urs Fischer. Dem Schweizer Gemütsmenschen ist jetzt sogar unter der Woche beim Pokalaus in Stuttgart der Kragen geplatzt: Hitziges Wortgefecht mit Schiedsrichter Sascha Stegemann, für das der Coach die Rote Karte sah und hinterher zerknirscht einräumte: „Das war nicht gut, es tut mir leid.“ Nimmt man ihm ab, klar. Doch der ungewöhnliche Ausbruch zeigt: Das Nervenkostüm ist dünn, der Kontrollverlust förmlich zu greifen.

Zur Wahrheit gehört auch, dass der Union-Trainer der Gegenwart ohne die Meriten der Vergangenheit nicht mehr Urs Fischer heißen würde. Nur seine herausragende Arbeit in den zurückliegenden fünf Jahren hält den 57-Jährigen entgegen den Gesetzmäßigkeiten der Branche noch im Amt. Ob das so bleiben wird, ob womöglich die Heimpartie am Samstag gegen Eintracht Frankfurt zu Urs Fischers Schicksalsspiel wird? Man weiß es nicht.

Rauswurf wäre stillos

Manager Oliver Ruhnert stellte sich nach der desolaten Leistung vor einer Woche gegen Bremen demonstrativ hinter seinen Trainer, ließ aber durchblicken, dass das Vertrauen endlich sei. Union ohne Fischer – unvorstellbar irgendwie. Und es wäre ein Armutszeugnis, würde man den Eidgenossen wegen einer – zugegeben: großen – Krise vom Hof jagen. Das wäre stillos, unwürdig. Gehört sich nicht.

Denn richtig ist ja auch: Die Kaderplaner haben dem Coach eine Mannschaft zusammengeschustert, die zwar von den Namen her gut klingt (Volland, Bonucci, Gosens), aber auf dem Platz keine Leistung bringt. Die Großverdiener werden intern kritisch beäugt. Und nichts ist schädlicher als Neid und Missgunst in der Kabine. Es wäre nicht das erste Mal, dass eine gesprengte Gehaltsstruktur den Anfang vom Ende einläutet. Dagegen Mittel zu finden, das fällt sogar einer Kapazität wie Urs Fischer schwer.

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