VonFrank Hellmannschließen
45 Pflichtspiele ohne Niederlage, unglaubliche 20 Treffer nach der 85. Minute - ein Wahnsinn. Und fast noch wichtiger: Bayer Leverkusen hat es geschafft, dass sich fast jeder drüber freut. Der Kommentar.
Wer sich als Fußballfan am Sonntag das Topspiel zwischen Borussia Dortmund und Bayer Leverkusen anschaute, musste lange auf Unterhaltung warten. Die einen verbargen, das Champions-League-Halbfinale erreicht zu haben, während die anderen versteckten, Deutscher Meister und Triple-Kandidat zu sein. Nun gut, kann ja passieren nach den rauschenden Gefühlen der Vorwoche. Ziemlich spät traf Niclas Füllkrug für den BVB, formidabel aus der Luft vollendete der Nationalstürmer.
Trotzdem hat nicht jeder gejubelt, der sonst feinen Typen wie Füllkrug wirklich alles gönnt. Denn irgendwie hat Leverkusen ja so viel richtig gemacht, kommen Spieler, Trainer und Bosse so gut rüber, dass doch bitte diese schöne Serie jetzt nicht reißen wird? Kaum schossen einem solche Gedanken durch den Kopf, kam es auf dem Rasen zur Rudelbildung. Sah fast so aus wie auf dem Pausenhof einer Frankfurter Problemschule. Die Uhr tickte weiter. Wie sollte dieses Ensemble jetzt noch zur Ruhe und in die Positionen finden?
Es war mal wieder ein sehr gekonnt herausgespielter Vorstoß mit Florian Wirtz, der eine letzte Ecke brachte, die der Zauberkünstler selbstverständlich selbst trat. Und wenn mal gar nichts geht, kommt der vom FC Bayern geliehene Verteidiger Josip Stanisic in der 97. Minute angestürmt und macht’s mit dem Kopf! Es ist der Wahnsinn.
45 Pflichtspiele ohne Niederlage. Unglaubliche 20 Treffer hat die Werkself nach der 85. Minute fabriziert. Und fast noch wichtiger: Dieser Klub hat es geschafft, dass sich fast jeder drüber freut. Sie haben das Verlieren verlernt. Neverlusen. Mittlerweile werden die Spiele immer weniger. Klar, es wird richtig knifflig im Halbfinale der Europa League gegen AS Rom; richtig schwer, das wissen Lukas Hradecky, Jonathan Tah oder Robert Andrich aus der vergangenen Saison nur allzu gut. Aber vielleicht lauert die größte Gefahr gar nicht hier, sondern zwischendrin im Herzen von Europa. Also im Auswärtsspiel bei Eintracht Frankfurt. 32. Spieltag. Eingepfercht zwischen den Europapokalspielen wird Xabi Alonso an jenem Sonntagabend im Stadtwald wieder radikal rotieren.
Und sich vielleicht auch daran erinnern, was am 15. Oktober 2022 passierte. Sein erstes Auswärtsspiel als Bundesliga-Trainer endete bei der Eintracht mit einem 1:5-Debakel. Danach wusste der Spanier immerhin, auf wen er sich verlassen konnte und auf wen nicht. Seitdem hat sich vieles, wenn nicht alles in Leverkusen verbessert, aber wenn die Serie noch reißen sollte, dann bei der mitunter immer noch sehr launischen Diva vom Main.
