VonPeter Gradschließen
Wenn Borussia Dortmund gegen den FC Bayern spielt, wird es oft als der deutsche Klassiker bezeichnet, in Anlehnung an den Original-Clásico in Spanien. Eine Erläuterung.
Dortmund/München – Am Samstagabend (18.30 Uhr) trifft am 12. Spieltag der Bundesligasaison 2024/25 im Signal Iduna Park Borussia Dortmund auf den FC Bayern. Auch wenn der BVB aktuell in der Tabelle lediglich auf Platz 5 steht, ist die Partie von der Brisanz, vom Renommee, von der internationalen Strahlkraft die mit Abstand bedeutendste im deutschen Profi-Fußball. Seit mehr als zehn Jahren spricht man in Anlehnung an den Original-Clásico in Spanien zwischen dem FC Barcelona und Real Madrid auch vom deutschen Clásico, vom deutschen Klassiker.
Viele Fans lehnen den Begriff „deutscher Klassiker“ ab
Vielen Fußballfans gefällt dieser Begriff nicht. Wenn es allerdings im deutschen Vereinsfußball jemals ein Duell gegeben hat, auf welches diese Bezeichnung zutrifft, dann dieses emotionale, brisante Aufeinandertreffen, welches sich bei nicht kleinen Teilen der jeweiligen Anhängerschaften mittlerweile sogar zum Hassduell entwickelt hat.
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Die Kritiker dieses Ausdrucks argumentieren, dass der ursprüngliche Clásico in Spanien zwischen Real Madrid und dem FC Barcelona neben der sportlichen auch regional-politische Komponenten beinhalten würde. Weniger politisch haben sich zwischen dem deutschen Rekordmeister und dem Dauerrivalen aus Dortmund jedoch vergleichbare Streitpunkte aufgetan. Ausgetragen werden diese - wie in Spanien wohl auch - zumeist auf der Fanebene.
So regen sich die Anhänger des FC Bayern seit einigen Jahren maßlos darüber auf, dass der bei ihnen so unbeliebte Klub aus dem Ruhrpott der erklärte Lieblingsverein zahlreicher Medien zu sein scheint, die diesen bei der Berichterstattung krass bevorzugen. BVB-Fans beschweren sich dagegen regelmäßig über den faktisch inexistenten Bayern-Bonus bei den Schiedsrichtern.
Natürlich dauert die Rivalität zwischen spanischen Hauptstädtern und Katalanen im spanischen Fußball schon wesentlich länger an. Aber noch nie gab es im deutschen Spitzenfußball eine Rivalität, die nicht auf Lokalpatriotismus beruht, die sportlich länger und in dieser Schärfe und Vehemenz ausgetragen wurde, als die aktuelle zwischen FCB und BVB.
Dazu ein Blick in die deutsche Fußballgeschichte
In den 1960er Jahren gab es keinen einzigen Bundesligisten, der die Meisterschaft zweimal gewinnen konnte. Schon aus sportlichen Gründen konnte sich keine anhaltende Rivalität entwickeln.
Von 1969 bis 1977 gab es dagegen nur ganze zwei Bundesliga-Meister: Bayern (4 Titel) und Borussia Mönchengladbach (5). Während der FCB in der zweiten Hälfte der 1970er Jahre schwächelte, griffen die Borussen nach der Saison 1977/78 (Vize-Meister) kein einziges Mal mehr in den Meisterschaftskampf ein. Lediglich in drei Spielzeiten war man damals im direkten Duell um den Titel - zweimal mit dem besseren Ende für die Fohlen (1969/70; 1970/71), einmal für den FCB (1973/74).
Ende der 1970er / Anfang der 1980er Jahre war der heutige Zweitligist Hamburger SV der Hauptrivale der Münchner. Nach der Meisterschaft und dem Europapokalsieg 1983 ereilte ihn dasselbe Schicksal wie die Gladbacher.
Bald wurde Vizekusen geboren, der VfB Stuttgart (1984, 1992, 2007) und Werder Bremen (1988, 1993, 2004) gewannen je dreimal den Titel - einen pro Jahrzehnt. Zwischen Bremen und München flogen für einige Zeit ein paar Giftpfeile hin und her. Aber von einer sportlichen Dauerrivalität auf Augenhöhe war man immer weit entfernt.
FCB und BVB dominieren seit drei Jahrzehnten die Bundesliga
In den letzten 31 Spielzeiten gewannen Bayern und Dortmund 84 Prozent der Deutschen Meisterschaft - 26 von 31! Nur die bereits genannten Bremer und Stuttgarter sowie Kaiserlautern (1998), Wolfsburg (2009) und in der vergangenen Saison erstmals Bayer Leverkusen konnten sich außerdem auf der Meisterschaftsschale verewigen.
Natürlich waren die Bayern dabei insgesamt viel erfolgreicher als der BVB: 21 zu 5 Titel, aber die Rivalität wuchs in diesem Zeitraum dennoch von Jahr zu Jahr - hauptsächlich zwischen den Anhängern. Neben den 21 Meisterschaften wurde Bayern seit 1994 fünfmal Vizemeister, zweimal davon hinter dem BVB (1996, 2012). Dieser wiederum war bei den letzten elf aufeinanderfolgenden FCB-Meisterschaften satte siebenmal Zweiter. So etwas nervt Spieler, Verantwortliche und Fans!
Rivalität auch in den Pokalwettbewerben
Auch im DFB-Pokal gab es im vergangenen Jahrzehnt regelmäßige Schlachten zwischen beiden Vereinen, dreimal im Finale (2012, 2014, 2016), mehrere Male im Viertel- und Halbfinale. Der Sieger ging meist als Pokalsieger aus dem Wettbewerb. Über die Partien wurde häufig noch Jahre später heftig diskutiert, auf Dortmunder Seite selbst von Funktonären und Spielern.
Das verlorene Wembley-Finale 2013 beschäftigt BVB-Fans und -Verantwortliche nach wie vor. Zahlreiche konstruierte Storys werden auch über zehn Jahre nach dem verdienten Triumph der Bayern aufgetischt.
Bei den meisten deutschen Fußballfans ist es Usus, bei internationalen Partien nicht nur dem eigenen Verein, sondern auch anderen deutschen Teams die Daumen zu drücken. Zahlreiche FCB- und BVB-Fans machen bei dieser Tradition eine Ausnahme, wenn es um den jeweils anderen Clásico-Verein geht. So wie es eben auch in Madrid und Barcelona üblich ist.
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