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Was sieht Gareth Southgate, was wir nicht sehen?

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Nach dem Spiel gegen Slowenien wurde Gareth Southgate ausgebuht und mit Becher beworfen.
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England dümpelt mit dem wertvollsten Kader des Turniers mutlos durch die Gruppenphase - und niemand versteht’s.

Das wunderbare Kinderbuch „Der kleine Prinz“ von Antoine de Saint-Exupéry beginnt mit folgender Szene. Der namenlose Erzähler fertigt eine Zeichnung an. Sie zeigt eine Riesenschlange, die einen Elefanten verdaut. Sein Kunstwerk zeigt er den Erwachsenen und fragt sie, ob sie vor seiner Zeichnung Angst hätten. Die Erwachsenen antworteten: „Warum sollte man vor einem Hut Angst haben?“ Sie erkannten also in der Schlange einen Hut.

Sieht man England bei der Europameisterschaft zu, könnte man denken, dass der namenlose Erzähler aus „Der kleine Prinz“ Gareth Southgate heißt. Denn nach dem gähnend langweiligen 0:0 seines Teams gegen Slowenien sah der Trainer auch etwas völlig anderes als alle anderen: „Ich bin stolz auf die Spieler. Wir haben das Spiel dominiert, wir werden besser. Wir haben eine Vielzahl an Chancen gehabt.“

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Während Southgate in seinem Team eine gefräßige Schlange sieht, sehen alle anderen in diesem England nur einen harmlosen Hut. Der „Guardian“ etwa titelte nach dem zweiten Gruppenspiel der Engländer, die Leistung sei „zu schlecht, um langweilig zu sein“.

Welches Spiel hat Southgate nur gesehen? Denn in den bisherigen drei Spielen erzielte England lediglich zwei Tore und kam durchschnittlich pro Spiel auf weniger als zehn Abschlüsse. Ein Wert, den nur vier Mannschaften unterbieten. Schottland, Georgien - und zwei Teams aus Englands Gruppe: Slowenien und Serbien. Diese Gruppe C, komplettiert durch Dänemark, war die leichteste dieser Vorrunde. Und selbst in dieser Gruppe wirkte England unsouverän.

Gründe dafür, dass England mit der wertvollsten Mannschaft des Turniers so harmlos spielt, finden sich in der Statik des Spiels. Die Außenverteidiger, Kyle Walker und Kieran Trippier, und die Sechser, Declan Rice und wahlweise Trent Alexander-Arnold oder Conor Gallagher, schieben viel zu selten vor, sodass im englischen Spielaufbau häufig bis zu sechs Feldspieler hinter oder auf Höhe des Balls sind. Dadurch entsteht in der Offensive eine chronische Unterzahl, die das Offensivspiel schon genügend erschweren würde.

Engländer stehen Engländern auf den Füßen

Hinzu kommt aber auch noch, dass mit Phil Foden, Jude Bellingham und Harry Kane drei der vier verbliebenen Offensivspieler immer wieder entgegenkommen. Engländer stehen dann anderen Engländern auf den Füßen. Räume im Spielaufbau sind doppelt und die im Offensivdrittel gar nicht besetzt. Nur der einsame Bukayo Saka sorgt auf dem rechten Flügel für Tiefe. Southgate gibt den Spielern gar nicht die Möglichkeit, ihre Topform zu erreichen. Das ist so, als würde man von einem Künstler erwarten, einen perfekten Sonnenuntergang zu malen, ihm aber verbieten, die Farbe Rot zu verwenden. Möglich, aber schwieriger.

Es gibt aber auch eine positive Seite dieser Statik: die Verweigerung, Spieler in die in Angriffsräume zu schicken, formt eine beeindruckende Defensive. Die Chancen, die England bisher gegen sich zugelassen hat, führen laut statistischer Wahrscheinlichkeit zu 1,42 Gegentoren. Das ist der niedrigste Wert aller Teams. So mutlos der Fußball der Engländer ist - zu unterschätzen sind sie nicht. Portugal hat bei der Europameisterschaft 2016 gezeigt, wozu langweiliger, aber defensiv stabiler Fußball bei diesem eigenwilligen Turnierformat führen kann: zum Titel.

Sollte es soweit kommen, werden am Ende einige erzählen, schon früh das gesehen zu haben, was Gareth Southgate sieht: eine gefräßige Schlange statt eines harmlosen Hutes. Und der wohl bekannteste Satz aus „Der kleine Prinz“ würde sich wieder mal bewahrheiten: „Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“

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