VonTimur Tinçschließen
Julian Nagelsmann verliert sein erstes Heimspiel als Bundestrainer in Berlin gegen die Türkei und muss am Dienstag in Österreich, einen Weg zurück in die Spur finden
Die deutsche Fußballnationalmannschaft hat sich in einer Dauerschleife verheddert. Einer Dauerschleife auf der Suche nach den richtigen Emotionen, nach defensiver Stabilität und Erfolgserlebnissen, um die verschreckte Kundschaft wieder für das eigene Team zu begeistern. Die 2:3 (1:2)-Niederlage gegen die Türkei hat die Schleife noch einmal weiter um die Probleme gewickelt. Die Heimpremiere von Julian Nagelsmann in Berlin, die in Wahrheit ein Auswärtsspiel für die DFB-Auswahl war, ist gründlich in die Hose gegangen. Während die Mehrzahl der türkischen Fans im mit 75 592 Zuschauern ausverkauften Olympiastadion das ganze Spiel über Gesänge anstimmten, gab es nicht einmal in den ersten 25 Minuten, als das deutsche Team die Partie unter Kontrolle hatte, die kleinste Regung der deutschen Fans.
Und um die Schleife noch ein wenig enger zu ziehen, hat DFB-Präsident Bernd Neuendorf am Sonntagmorgen den Finaleinzug bei der Europameisterschaft im eigenen Land zum Ziel ausgerufen. „Das ist unser Anspruch“, sagte der DFB-Boss. Zwischen Anspruch und Wirklichkeit liegt nicht erst seit der Pleite vom Samstag eine große Kluft. Neuendorf findet jedoch: „Wir gefallen uns oft darin, in eine toxische Situation zu kommen, alles schlechtzureden. Wir müssen jetzt Stärken stärken.“ Tags zuvor hatte Nagelsmann ebenfalls davor gewarnt, wieder alles schwarz zu malen. „So kommen wir nicht weiter.“ Der 36-Jährige sei weit davon entfernt, alles negativ zu sehen. Er habe „acht hundertprozentige“ Torchancen seines Teams gesehen und wird am Dienstag (20.45 Uhr) im letzten Länderspiel des Kalenderjahres 2023 in Wien gegen Österreich nicht viel ändern.
„Die Taktik ist zweitrangig, es ist immer erst die Emotion. Wenn du da auf 100 Prozent bist, kannst du taktisch auch deutlich schlechter sein. Wenn die Emotionen nicht so sind, musst du taktisch brillant sein, um das Spiel trotzdem positiv zu gestalten“, sagte Nagelsmann. Heißt das: Wäre das Team emotional auf der Höhe gewesen, wäre der taktischen Kniff mit Kai Havertz als linker Verteidiger dann womöglich aufgegangen? Letztlich hat es dem Offensivmann seiner Stärken beraubt und war ein Rückfall in die Zeiten unter Hansi Flick, als permanente Experimente das Team komplett verunsichert hatten.
Es sieht jedoch danach aus, dass zumindest für die Partie in Österreich Havertz wieder links spielen soll. Ob Kevin Trapp, der den verletzten Marc-André ter Stegen in Berlin gut vertrat, in Wien wieder zwischen den Pfosten stehen wird, ließ Nagelsmann offen. „Die Leistung war absolut in Ordnung“, befand er immerhin. Aus Sicht des Bundestrainers wäre die Partie ganz anders gelaufen, wenn man die guten Chancen aus der Anfangsphase nach dem Führungstreffer von Kai Havertz (5.), dessen offensive Instinkte ihn in den Strafraum geführt hatten, genutzt hätte. „Wir hätten das Spiel früh killen können. Dann wäre die Emotionalität der Türken raus gewesen“, befand Jonathan Tah, der neben Antonio Rüdiger in der Innenverteidigung auch nicht für die nötige Stabilität sorgen konnte. Die größte Chance vergab Leroy Sané (16.), sein Schuss vorbei am herausgeeilten Keeper landete im Toraus.
Mit zunehmender Spielzeit wurde das DFB-Team zu passiv, „Unsere Pressinglinie war in der ersten Halbzeit nicht gut genug, wir waren nicht aggressiv genug“, analysierte Kapitän Ilkay Gündogan, der von den türkischen Fans etwas stärker als der Rest des deutschen Teams ausgepfiffen wurde. Die Türken überwanden immer wieder mit langen Bällen die deutsche Hintermannschaft und konnten vor der Halbzeit dank Treffern von Ferdi Kadioglu (38.) und Kenan Yildiz (45+2) mit 2:1 in Führung gehen. „Auf dem Platz haben wir gut erkannt, dass wir so und einfach unsere Chancen bekommen“, sagte der türkische Kapitän Kaan Ayhan zufrieden. Schnell hatte das Team von Vincenzo Montella spitz gekriegt, dass es „unser Mittel sein kann, gegen Außenverteidiger zu attackieren, die nicht gerne nach hinten arbeiten,“
Nagelsmann störte beim ersten Gegentor, dass man aktiv auf den Ball gehe, aber keinen Druck auf den Innenverteidiger Abdülkadir Bardakçi aufgebaut habe, der den Pass auf Kadioglu spielte. Das fand Nagelsmann nicht so schlimm. Aber: „Wir haben dann die gefährlichen Räume nicht erkannt.“ Benjamin Henrichs und Sané waren zudem falsch postiert. Beim zweiten Tor war die Hintermannschaft zu weit aufgerückt, außerdem war Henrichs ausgerutscht.
Zwar kam die deutsche Elf in der zweiten Hälfte besser ins Spiel und durch Niclas Füllkurg, der seinen zehnten Treffer im zwölften Spiel erzielte, zum 2:2 (49.)-Ausgleich. „Wir haben in der zweiten Halbzeit ganz andere Pressingmomente gefunden, fast eine Wut entwickelt“, analysierte der Dortmunder Stürmer. Sprach allerdings von einer verdienten Niederlage, weil die Türkei eben auch zu Torchancen kam. Dass der Siegtreffer von Yusuf Sari nach einen unglücklichen Handelfmeter (71.) – Kai Havertz bekam den Ball aus kürzester Nähe an den etwas ausgestreckten Arm – passte irgendwie ins Bild. Julian Brandt (74.) und der eingewechselte Serge Gnabry (86.) verpassten die besten Ausgleichschancen.
„Fakt ist, dass wir mal wieder drei Gegentore bekommen haben. Wenn du auf längerem Zeitraum erfolgreich sein willst, musst du die Anzahl der Gegentore minimieren“, forderte Gündogan. „1:0-Siege können auch ganz schön sein. Das müssen wir uns klar machen.“ Nagelsmann ist indes bewusst, dass Gündogan und Joshua Kimmich, die beide auf der Doppel-Sechs agierten, ähnliche Spielertypen sind. „Das sind beide Spieler vom Profil her, die nicht das klassische Spiel auf den zweiten Ball lieben“, analysierte Nagelsmann.
Vielleicht muss er Kimmich doch als Rechtsverteidiger in Betracht ziehen und Pascal Groß wieder auf die zentrale Mittelfeldposition neben Gündogan stellen. Klar ist auch, dass eine einzelne taktische Umstellung, die Dauerschleife aus zu wenig Emotionen, defensiver Instabilität und Erfolgslosigkeit nicht lösen wird. Da bedarf es weitaus mehr Komponenten.
