VonThomas Kilchensteinschließen
Dass Evan Ndicka und Daichi Kamada den Klub verlassen, schmerzt – beide waren Aushängeschilder von Eintracht Frankfurt.
Zur Not marschierte Evan Ndicka ohne Schuh. Auf Strümpfen konnte er es auch, einfach nicht zu stoppen, damals im November 2021 im Hexenkessel von Piräus, kurz vor Schluss, als der Innenverteidiger an der Mittellinie den Angriff der Griechen unterband, seinen Zweikampf resolut gewann, dabei allerdings seinen linken orangenen Fußballschuh verlor. Was ihn nicht aufhielt. Er sprintete ein paar ordentliche Meter an Gegenspielern vorbei und nach vorne, passte auf Jesper Lindström, der wiederum Jens Petter Hauge in Szene setzte - fertig war ein 2:1-Sieg in Piräus. Und damit stand fest, dass Eintracht Frankfurt in der Europa League überwintern würde. Und wo das alles endete, ist ja mehr als hinlänglich bekannt. Mit Schuhen an beiden Füßen.
Keine Zugabe
Es gibt noch mehr Szenen, Aktionen, aufregende Grätschen, entscheidende Tore - etwa sein letztes in Stuttgart, zum 1:1-Ausgleich im Pokal-Halbfinale -, an die man sich erinnern wird, wenn Evan Ndicka längst schon in Italien verteidigt, beim AS Rom sehr wahrscheinlich. Ndicka wird die Hessen definitiv verlassen, am Mittwoch teilte der Klub mit, dass es nun doch nichts geworden ist mit einer überraschenden Vertragsverlängerung mit dem 23 Jahre alten Franzosen. Nach fünf Jahren und insgesamt 15 820 Minuten Einsatzzeit sagt er au revoir. „Wir hätten Evan gerne auch in Zukunft bei Eintracht Frankfurt gesehen, es ist daher schade, dass er uns verlässt“, ließ sich Sportvorstand Markus Krösche zitieren. Er war es, der in den vergangenen Wochen noch Hoffnung hatte, Ndicka, dessen Vertrag jetzt ausgelaufen ist, könnte womöglich zum Bleiben überredet werden. Offenbar lief es in letzter Zeit nicht besonders gut in den diverseren Verhandlungsrunden, Ndickas Berater sollen zuweilen utopische Forderungen aufgerufen, nachverhandelt und damit potenzielle Klubs (etwa FC Barcelona, FC Arsenal) verprellt haben. Immerhin wird Ndicka ein dickes Antrittsgeld kassieren, ablösefreie Profis sind ja sehr begehrt. Beim AS Rom soll er einen Fünfjahresvertrag erhalten.
Evan Ndicka war 18 Jahre alt und schon damals ein baumlanger Kerl, als er 2018 vom Zweitligisten AJ Auxerre für 5,5 Millionen Euro kam. Viel Geld für einen Jungen, aber es sollte sich lohnen, sportlich allemal, Ndicka avancierte bald zum Stammspieler, absolvierte 183 Pflichtspiele für die Eintracht (zwölf Tore/zehn Vorlagen) und gewann den Europapokal. Inzwischen beläuft sich sein Marktwert auf 32 Millionen Euro. Er ist ein eher eleganter Verteidiger mit guter Technik, der Einzige aktuell mit Gardemaß bei den Hessen. Aber auch er musste in seinen fünf Jahren bei der Eintracht durch manches Wellental, Ex-Trainer Adi Hütter etwa strafte ihn einst ab, in dem er ihn - nach einem verschuldeten Elfmeter in Charkiw - eine Weile nicht aufstellte. In dieser und der vergangenen Saison kam Ndicka auf jeweils 44 Pflichtspieleinsätze.
Tiefe Fußspuren
Evan Ndicka gehört, genauso wie der ebenfalls ablösefrei den Klub verlassende Daichi Kamada (zu AC Mailand), ganz sicher zu den Gesichtern von Eintracht Frankfurt. Ndicka trug fünf Jahre das Trikot, Kamada (179 Pflichtspiele/40 Tore) gar sechs (mit einem Abstecher in Belgien), beide haben die Mannschaft geprägt, beide gehörten definitiv zu den Korsettstangen des Teams - länger als beide sind nur Makoto Hasebe, Kevin Trapp, Timothy Chandler und Sebastian Rode im Klub. Ndicka und Kamada waren sicherlich keine Führungspersönlichkeiten, aber unverzichtbar im Gebilde - mit ihnen konnte man sich identifizieren, sie gehörten zu Eintracht Frankfurt. Der Weggang dieses Duos will aufgefangen sein - sportlich und menschlich. Das wird nicht einfach.
Für Ndicka hat die Eintracht Willian Pacho, frischgebackener belgischer Meister mit Royal Antwerpen, für neun Millionen Euro geholt, ein 21 Jahre alter Innenverteidiger und Linksfuß aus Ecuador. Die Lücke, die Kamada reißt, soll - a la longue - der erst 18 Jahre alte Hugo Larsson stopfen, der für acht Millionen von Malmö FF kommt. Beide sind mit langfristigen Verträgen ausgestattet worden, bis 2028. Zeit genug. Doch die Fußstapfen von Ndicka und Kamada sind tief.
