Müssen wegen Harry Kane die Marktwertkriterien korrigiert werden?
VonPeter Grad
schließen
Seit Harry Kane beim FC Bayern spielt, scheint sich der Weltklassestürmer sogar noch erheblich zu verbessern. Sein Marktwert deutet etwas ganz anderes an. Ein Kommentar dazu.
München – Nach seiner überragenden Leistung im deutschen Klassiker gegen Borussia Dortmund überschlugen sich die Lobeshymnen auf FCB-Torjäger Harry Kane noch einmal wesentlich mehr als es sonst der Fall war. Völlig zu Recht: Erst erzielte der 32-jährige Engländer in seiner Kernkompetenz den wichtigen Führungstreffer für seine Mannschaft, dann schlug er von der Sechserposition überragende weite Pässe, die die größten deutschen Spielmacher der Fußballgeschichte wie Günter Netzer und Wolfgang Overath, selbst einen Franz Beckenbauer stolz gemacht hätten. Und in der dramatischen Schlussphase glänzte er, indem er im Stile eines Weltklasse-Innenverteidigers gefährliche Torschusssituationen des Gegners „abräumte“.
Zusammengefasst: Eine der Perfektion nahe kommende Performance über das ganze Spielfeld hinweg, einige Bayernfans scherzten danach, dass er künftig auch noch Manuel Neuers Torwart-Position übernehmen könnte. Kane selbst sieht sich in der Form seines Lebens, das Spielsystem von Vincent Kompany scheint ihm wie auf den Leib geschneidert zu sein. Er möchte noch viele Jahre auf diesem Level spielen, die Verantwortlichen an der Säbener Straße werden alles versuchen, dass dies weiterhin beim Rekordmeister geschieht.
Gleichzeitig ist eine andere Entwicklung zu beobachten: Die besten, die wertvollsten Fußballspieler der Welt werden mit ihrem sogenannten Marktwert eingeordnet. Nimmt man diesen zum Maßstab (transfermarkt.de ist dafür in Deutschland maßgeblich), gehört Kanes beste Fußballzeit schon sehr lange der Vergangenheit an: Von Mai 2018 bis Ende 2019 wurde er auf 150 Millionen Euro taxiert, eindeutiger Karriere-Bestwert. Bis zu seinem Wechsel nach München im Sommer 2023 sank sein Marktwert auf 90 Millionen Euro, der FC Bayern zahlte für ihn 95 Millionen.
Der Kapitän der englischen Nationalmannschaft benötigte damals in München überhaupt keine Eingewöhnungszeit, traf in Bundesliga wie Champions League nach Belieben. Der Marktwert des damals 30-Jährigen schoss folglich innerhalb von zwei Monaten wieder um 20 Millionen auf 110 Millionen Euro nach oben. Bei stets gleichbleibend starken Leistungen bzw. sogar einem bemerkenswerten Leistungsschub in den letzten Monaten sank sein „Wert“ seitdem jedoch kontinuierlich auf „nur noch“ 75 Millionen Euro.
FC Bayern schlägt BVB – Superstar staubt Note 1 ab, Neuzugang kassiert die 5
Altmeister Otto Rehhagels Fußball-Weisheit, wonach es keine jungen und alten, sondern nur gute und schlechte Spieler gäbe, völlig ignorierend, dient für diesen „Marktwertverlust“ ein einziges Argument: Das zunehmende Alter. Dabei gibt es heutzutage in steigendem Maße Weltklassespieler, die auch noch im „hohen Fußballalter“ erstklassige Leistungen erbringen. Als Beispiele wären u.a. der 37-jährige Robert Lewandowski in Barcelona und der bald 41-jährige Cristiano Ronaldo, der sich immer noch auf Rekordjagd befindet, zu nennen. Kane scheint auch zu dieser Kategorie der extrem disziplinierten Topspieler zu zählen.
Überfällige Korrektur bei der Erstellung der Marktwerte
Nicht nur Kane, auch seine Mitspieler beim FC Bayern spielen zu Beginn der Saison 2025/26 groß auf, befinden sich kollektiv auf Rekordjagd. Umso überraschender kam deshalb jüngst die Information, dass Kompanys Supertruppe insgesamt ein großer Verlierer der neuen Marktwerttabelle ist und das sogar, obwohl der 23-jährige Michael Olise seit seiner Verpflichtung im Juli 2024 seinen Wert auf 130 Millionen Euro verdoppelt hat.
Dieser Artikel entstand in einer Content-Partnerschaft mit fcbayerntotal.com
Bei fcbayerntotal gibt es täglich alle News, Infos und Hintergründe zum FC Bayern München. Bleib immer top informiert über den FC Bayern bei fcbayerntotal.com.
Es gäbe durchaus sinnvolle Korrekturen bei der Erstellung der Marktwerte von Fußball-Profis, teilweise sind sie schon erfolgt. Torhüter wurden bis vor Kurzem immer wesentlich geringer taxiert als Feldspieler. Als Manuel Neuer die WM 2014 mit seinem modernen Torwartspiel dominierte, betrug sein Marktwert vergleichsweise kümmerliche 40 Millionen, seine höchste Einschätzung hatte er von 2015 bis 2017 (45 Millionen) – und das als mehrfacher Welttorhüter. Als er im FCB-Triple-Jahr 2020 noch einmal seine Klasse als mit Abstand bester Keeper auf dem Globus bewies, ordnete ihn transfermarkt.de mit 18 Millionen ein, nun nur noch mit vier…
FCB-Motor Joshua Kimmich war 2021 90 Millionen Euro „wert“, jetzt 30-jährig als absoluter Führungs- und Mentalspieler nur noch exakt die Hälfte. Nicht nur Harry Kane wird in diesem System des modernen Fußballs also äußerst fragwürdig eingeordnet, aber bei den Leistungen des Engländers ist es derzeit besonders auffällig. Rehhagel hatte in seiner langen Trainerkarriere keineswegs immer recht, in diesem Zusammenhang aber auf alle Fälle. Also, ihr lieben Transferexperten: Überdenkt eure Kriterien für den so wichtigen und oft zitierten Marktwert der Fußball-Profis!