WM-Vergabe an Saudi-Arabien: FIFA-Chef Infantino klagt „Doppelmoral des Westens“ an
VonMarius Gogolla
schließen
Gianni Infantino gibt selten Interviews. Kürzlich jedoch äußerte er sich ausführlich zu verschiedenen Themen – und schlägt gegen seine Kritiker zurück.
Zürich – Gegen FIFA-Präsident Gianni Infantino lief bis vor kurzem in der Schweiz ein Strafverfahren wegen Geheimtreffen mit dem Bundesanwalt. Solange das Strafverfahren laufe, so Infantino, wolle er keine Interviews geben.
Der Fall wurde aber eingestellt, Infantino entlastet. In einem Interview mit der Schweizer Tageszeitung Tages-Anzeiger äußerte sich Infantino zu Themen, die ihm und der FIFA internationale Kritik eingebracht hatten. Der FIFA-Boss redete über die Doppelmoral des Westens, Saudi-Arabien und die Kommerzialisierung des Sports.
Infantino spricht über seine Rede vor der WM in Katar 2022
In der Rede hatte er weltweit für Schlagzeilen gesorgt. „Heute fühle ich mich afrikanisch, heute fühle ich mich schwul, heute fühle ich mich behindert, heute fühle ich mich als Wanderarbeiter“, sagte Infantino damals. Zu den Äußerungen sei es spontan gekommen, er habe damit auf die „Kritik an der Vergabe nach Katar, die Attacken, die Heuchelei und die Doppelmoral gewisser Leute“ reagiert.
Infantino spricht von Doppelmoral – und meint damit den Westen
Was er mit Doppelmoral meint, erklärte Infantino kurze Zeit später. In Katar habe die FIFA versucht, hinter den Kulissen etwas zu ändern, für „die Menschenrechte und so weiter.“ Infantino ist sich sicher: „Wir haben etwas bewegt.“
Es müsse Überzeugungsarbeit geleistet werden bei denen, die es anders machen, wenn „wir das Gefühl haben, so, wie wir es machen, ist es das Beste auf der Welt“, so Infantino. Das ginge nur, wenn „du hingehst und mit ihnen redest.“ Abschließend stellte er die Frage: „Wer sind wir mit unserer Geschichte, um anderen Morallektionen zu erteilen?“
Kommerzialisierung des Sports? Infantino kontert Kritik an der FIFA
Viele Fußball-Fans kritisieren die FIFA dafür, den Weltfußball zu sehr zu kommerzialisieren. Infantino argumentiert, ohne den Weltverband würde es in vielen Ländern gar keinen „organisierten Fußballbetrieb geben, keinen Jugend- und keinen Frauenfußball.“
Die FIFA investiere ihre Einnahmen auf der ganzen Welt und würde so viele Länder in ihrem Fußballbetrieb unterstützen. Für den FIFA-Chef sei sein Verband eher klein: „Die besten Ligen der Welt hingegen generieren vier- oder fünfmal mehr Einnahmen als die FIFA.“ Das Geld ginge an die Klubs in den eigenen Ländern, anders als das der FIFA, welches für den Fußball auf der ganzen Welt eingesetzt werde.
Welcher ist Ihr Favorit? Alle EM-Bälle der Geschichte
Infantino verteidigt die WM-Vergabe nach Saudi-Arabien
Die WM 2034 wird in Saudi-Arabien stattfinden. Das Land liegt im Demokratie-Index auf dem siebtletzten Platz, nicht weit entfernt von Nordkorea und Syrien. Die Vergabe in das Land sorgte für heftige Kritik – Infantino verteidigt jedoch die Entscheidung. Der DFB wurde indes für seine Zurückhaltung gegenüber der Entscheidung kritisiert.
„Ein Austragungsort muss alle unsere Kriterien erfüllen, inklusive Menschenrechte“, sagte Infantino. Alle westlichen Staatschefs würden das „hofieren“ und „Deals in Milliardenhöhe“ machen. „Auch hier zeigt sich die Doppelmoral des Westens“, so Infantino gegenüber Magazin. „Für mich als FIFA-Präsident ist Nordkorea gleich wie Südkorea. Ist Amerika gleich wie China.“ (mag)