EM 2024

Wie „Fehlerteufel“ Schlotterbeck zum Held von Dortmund wurde

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Nico Schlotterbeck hat den Aufschwung aus der Bundesliga-Rückserie mitgenommen und in seinem „EM-Heimspiel“ überzeugt. Wird er nun großer Gewinner?

Dortmund – Der Typ Nico Schlotterbeck steht für große Emotionen. Die Minute 74 war da ein ganz typisches Beispiel. Deutschland führte im Achtelfinale der Europameisterschaft souverän und zu diesem Zeitpunkt bereits hochverdient mit 2:0 gegen Dänemark. Und dann setzte Schlotterbeck auf der Höhe der Mittellinie in seinem „Wohnzimmer“ im Signal-Iduna-Park zu einer perfekten Grätsche an und beförderte den Ball über die Seitenauslinie.

Schlotterbeck kündigt konzentrieren Auftritt an - und liefert ab

Die Anhängerschaft erhob sich und belohnte diese Aktion mit lautem Applaus. Es muss Balsam für die Seele gewesen sein, für einen Mann, der durchaus zwischen den Extremen wandelt. Am 23. November 2022 etwa erlebte Schlotterbeck einen Nackenschlag, der ihn medial bis heute begleitet (hat). Japan führte im ersten Gruppenspiel einen Freistoß lang aus, Schlotterbeck unterschätzte die Szene und konnte sie gegen Takuma Asano nicht mehr ausbügeln. Die 1:2-Niederlage war der Stein des Anstoßes, der zum frühen Ausscheiden in Katar führte.

Angesprochen auf diese Situation antwortete Schlotterbeck zuletzt sehr souverän: „Das Spiel gegen Japan ist jetzt über anderthalb Jahre her, es wird immer noch angesprochen. Das heißt: Es verfolgt euch und nicht mich. Ich kann damit umgehen, ich habe viel Kritik abbekommen. Mir ist relativ egal mittlerweile, was da passiert ist.“ Er kündigte an: „Ich konzentriere mich jetzt auf die nächsten Spiele und hoffe, dass es nicht mehr passiert.“ Und lieferte ab!

Eine Schrecksekunde - ansonsten starke Schlotterbeck-Szenen

Es gab in Minute 42 zwar den einen Moment, wo es hätte schiefgehen können für den 24 Jahre alten Abwehrmann von Borussia Dortmund. Schlotterbeck konnte den Ball erst erobern, rutschte dann aber aus und hatte Glück, dass Rasmus Höjlund das Leder ans Außennetz donnerte. Es war die einzige Schrecksekunde für den deutlich gereift auftretenden Innenverteidiger, der mit einer starken Halbserie im Gepäck stattdessen zum Schlüsselspieler wurde.

Nico Schlotterbeck (l.) ging im Duell mit Dänemark beherzt zu Werke

In der vierten Minute hatte er noch Pech, dass sein im Netz gelandeter Kopfball wegen eines Foulspiels von Joshua Kimmich aberkannt wurde. Seinem Offensivdrang tat das keinen Abbruch. In der siebten Minute hielt Kasper Schmeichel stark, in Minute 37 landete das Leder am Außennetz. Im zweiten Durchgang kamen dann seine zwei ganz großen Augenblicke. Schlotterbeck leitete den ersten Viertelfinaleinzug seit 2016 ein.

Schlotterbecks lange Bälle stehen für große Qualität

Sein erster langer Ball leitete die Aktion ein, die über Umwege zum verwandelten Handelfer durch Kai Havertz führte (53.). Der zweite unnachahmliche lange Schlag mit dem linken Fuß ebnete Jamal Musiala perfekt den Weg zur Entscheidung (68.). Die ihre Noten auf Basis von Daten berechnende Homepage „sofascore“ gab ihm die Note 8.0 von 10 - nur der „Man of the Match“ Antonio Rüdiger war noch stärker (8.4). Seine weiten Schläge haben enorme Qualität und Präzision.

Schlotterbeck gewann 60 Prozent seiner Zweikämpfe, 59 von 65 Pässen kamen beim Mitspieler an (91 Prozent), zudem konnte er fünf Bälle klären. Hat sich Schlotterbeck, der im Frühjahr nicht dabei war, nun doch vor Jonathan Tah, den er aufgrund einer Gelbsperre vertrat, geschoben? „Es ist Fakt, dass er sehr gut gespielt hat. Ich freue mich extrem für ihn, dass er in seinem Stadion ein gutes Spiel gemacht hat“, sagte Julian Nagelsmann und ließ alles offen: „Wir haben ein Luxusproblem. Ich kann zwischen zwei sehr guten Spielern entscheiden.“ Der Konkurrenzkampf, er tobt auf hohem Niveau. Auch dank Schlotterbeck, der das Japan-Spiel endgültig aus der Erinnerung der Öffentlichkeit gelöscht haben sollte.

Rubriklistenbild: © IMAGO/Alexey Filippov

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