VonThomas Kilchensteinschließen
Die Frankfurter Eintracht hat viel Klasse, aber auch Masse in einem XXL-Kader versammelt. Trainer Dino Toppmöller wird ihn verschlanken müssen, das kann bitter werden.
Es hat nicht sehr lange gedauert in dieser Woche und schon waren die Gesichter wieder lang und länger. Bei all jenen, die es nämlich nicht geschafft hatten, eine Eintrittskarte für eines der nächsten drei Heimspiele der Frankfurter Eintracht zu ergattern, und das waren die meisten. Weniger als 20 000 Karten waren in den für Mitglieder freien Verkauf gegangen für die drei Sonntagspartien im Stadtwald gegen den SV Darmstadt 98 (20. August), 1. FC Köln (3. September) und SC Freiburg (24. September), nicht gerade Knallerpartien, und trotzdem waren die begehrten Billetts im Nu unter die Leute gebracht, 58 000 Zuschauende fasst inzwischen die aufgestockte Arena, 35 000 allein besitzen Dauerkarten, nahezu ausverkauft sind die Spiele - lediglich 1000 Karten sind noch kurzfristig zu bekommen. Vermutlich wird es bei den restlichen Heimspielen ähnlich sein.
Ab kommenden Montag kann man sich dann um eines der 1200 Tickets für die Pokalpartie bei Lok Leipzig bewerben, 12 000 Fans passen ins altehrwürdige Bruno-Plache-Stadion, eine Überraschung wäre es nicht, gingen auch diese Karten für das Risikospiel in der ersten Hauptrunde binnen Minuten über den Ladentisch. Und jetzt hat der Klub als Besitzer das Frankfurter Stadion auch noch farblich aufgewertet: Schwarz auf Weiß (wie Schnee) ist nun auf den Sitzschalen der Tribüne dies zu lesen: „Eintracht vom Main“. Die schwarz-blauen Sitzschalen sind endlich Vergangenheit. Der Hype nach der Eintracht, nach Bundesligafußball ist in Frankfurt ungebrochen, er nimmt eher noch zu.
All das ist eine Verpflichtung, und das weiß Trainer Dino Toppmöller trotz der Kürze seiner Zeit in Frankfurt natürlich ganz genau. Inzwischen ist das Gedränge auf den Trainingsplätzen noch größer geworden, seit Mittwoch sind alle Nationalspieler wieder da - auch der allseits umschwärmte Randal Kolo Muani mischt flott mit. Nach einer ersten leichten Schnupper-Einheit ging es am gestrigen Donnerstag dann doppelt zur Sache. Mit dabei, logisch, auch die Profis, von denen bekannt ist, dass sie ganz gerne wechseln würden/sollen - bei entsprechenden Angeboten, also Djibril Sow, Rafael Borré oder Jesper Lindström. Dabei konnte es der schnelle Däne kaum erwarten, auf dem Platz zu stehen, hatte er bei seiner Rückkehr aus dem zweiwöchigen Urlaub gesagt. „Es fühlt sich gut an, hier zu sein. Ich freue mich einfach darauf, wieder zu spielen“, sagte Lindström. Die Nachmittagseinheit gestaltete der 23-Jährige der Leistungssteuerung wegen vornehmlich laufend.
Knauff schon am Ball
Erstaunlicherweise war auch Ansgar Knauff ebenfalls am Ball, allerdings vermied er aus guten Gründen noch jeden Kontakt, von Zweikämpfen ganz zu schweigen. Er hatte sich in der Vorbereitung auf die EM der U21 im Juni das Schlüsselbein gebrochen, offenbar hat der 21-Jährige gutes Heilfleisch, so dass der Flügelmann durchaus eine ernsthafte Option werden kann. Er sei auf einem sehr guten Weg, ließ er mitteilen, überragend sei das Gefühl, auf dem Platz zu stehen. Auch Mario Götze, zuletzt leicht erkältet, ist in den Trainingsbetrieb zurückgekehrt, wenn auch nur gedrosselt, individuelle Trainingssteuerung, nennt man das.
Dessen ungeachtet wird Dino Toppmöller sehr bald den arg aufgeblähten Kader verschlanken müssen, 41 Profis umfasst er, selbst wenn man die sechs U21-Spieler (Simoni, Loune, Ghotra, Akman, Ferri, Futkeu) abzieht, tummeln sich immer noch fast drei komplette Mannschaften auf dem Feld. 35 Mann wird Toppmöller sicher nicht mit ins Trainingslager nach Windischgarsten (ab 23. bis 29. Juli) nehmen. Schon am Donnerstag war das Gedränge auf den Übungsplätzen groß, bald 30 Mann, inklusive vier Torleuten, spielten da auf der Wiese mit dem Ball. Und da fehlten noch die Verletzten, Hrvoje Smolcic wird nach seiner Meniskusoperation behutsam aufgebaut. Lucas Alario, der so unglücklich agierende Stürmer, der allerdings auch nie eine echte Chance bekommen hatte, weilt sogar noch Argentinien.
In seinem Heimatland hatte sich der 30-Jährige in der Sommerpause einer Operation am Knie unterzogen, zu Hause absolviert er auch seine Reha-Maßnahmen. Mit ihm ist vorerst nicht zu rechnen, zumindest das Trainingslager in Österreich wird ohne ihn aufgeschlagen. Und es werden sicherlich nicht alle Profis mitfahren können, es wird Härtefälle geben, Toppmöller wird aus nachvollziehbaren Gründen nur eine bestimmte Anzahl an Spielern mitnehmen, mögliche Streichkandidaten wären Ragnar Ache, Igor Matanovic, Faride Alidou, Marcel Wenig, Jerome Onguene oder Davis Bautista.
Mehr Qualität auf der Bank
Und langsam wird der Coach auch dazu übergehen müssen, eine Mannschaft zu formen. Vermutlich wird er beim Testspiel „Eintracht in der Region“ am morgigen Samstag (15,30) gegen den Regionalligisten SG Barockstadt Fulda -Lehnerz noch einmal zwei Teams für jede Halbzeit nominieren und im Trainingslager dann seinen engeren Zirkel finden. Was die Sache erschwert ist, dass der Kader ja noch nicht steht, Sow, Borré und Lindström sind auf dem Sprung, Elye Wahi (HSC Montpellier) und Niels Nkounkou, ein Linksverteidiger vom AS Saint-Etienne, sollen noch kommen. Und Gewissheit über einen Verbleib von Randal Kolo Muani wird die Eintracht wohl erst haben, wenn das Datum auf den 1. September gesprungen ist.
Gingen die Hessen mit dem französischen Topstürmer tatsächlich in die Saison, hätten sie vermutlich eine klasse Mannschaft beisammen. Auf jeden Fall hätte Dino Toppmöller deutlich mehr Alternativen, könnte auch von der Bank besser und variabler reagieren. Spieler wie Jens Petter Hauge, Paxton Aaronson, Hugo Larsson, Omar Marmoush oder Jessic Ngankam, denen momentan vielleicht noch nicht der sofortige Sprung in die Startformation zugetraut wird, versprechen allemal mehr Qualität als der letztjährige Kader. In der Breite sind die Frankfurt jetzt besser aufgestellt. Ist ja auch was.
