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Für den FC Bayern gilt auch vor der Saison 2025/26: Das ehrlichste Ziel ist die Deutsche Meisterschaft, der Rest ist die Kür. Steht der Kader bereits? Ein Kommentar.
München - Auch wenn es der Ex-FCB-CEO und künftige Sky-Experte Oliver Kahn anders sehen mag: Der Fokus des FC Bayern gilt auch in der anstehenden Spielzeit auf dem Gewinn der Meisterschaft, der vom Verein seit Jahrzehnten - also auch noch in Kahns Amtszeit - als der „ehrlichste“ gesehen wird.
Der 56-Jährige machte sich im kicker-Interview gleich Sorgen in zwei Richtungen: Die zu große Dominanz des Rekordmeisters in der Bundesliga, aber auch dass der deutsche Branchenprimus international abgehängt werden könnte.
Nationale Dominanz führt zu internationaler Klasse
Dabei ist aber auch zu bedenken: Je dominanter der FC Bayern in den letzten Jahren national auftrat, desto erfolgreicher war er auch international.
Die Triple-Erfolge 2013 und 2020 beweisen dies eindrucksvoll. Beherrscht man die nationale Liga, kann man sich in der entscheidenden Saisonphase mehr auf die Topbegegnungen in der Champions League konzentrieren, übrigens auch das „Erfolgsrezept“ des aktuellen Triplesiegers Paris Saint-Germain. Hat der FC Bayern - jenseits der Kahn-Bedenken - einen ausreichend starken Kader zur Verfügung stehen? Der Blick auf die einzelnen Mannschaftsteile.
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Torwartposition
Obwohl der fünffache Welttorhüter Manuel Neuer bei der Klub-WM seine große Klasse einmal mehr unter Beweis stellte, wird der 39-Jährige in der kommenden Saison mit einer neuen, für ihn noch ungewohnten Situation konfrontiert: Ein Jobsharing mit dem 21-jährigen Jonas Urbig.
Und zwar nicht nur im Pokal gegen unterklassige Gegner (durch Neuers Sperre in den ersten zwei Partien sowieso), sondern definitiv auch in der Bundesliga. Ob das ebenfalls für die Top-Partien gegen den BVB, Bayer Leverkusen, die Eintracht und gegen ein möglicherweise wiedererstarktes Leipzig gilt, ist fraglich.
Urbig hat auf alle Fälle in Neuers zweimonatiger Verletzungspause bewiesen, dass er ihn (fast) gleichwertig ersetzen kann. Dabei ist festzuhalten, dass er einer der ganz wenigen Torhüter ist, der mit dem Ball am Fuß Neuers Niveau erreichen kann, vielleicht schon erreicht hat. Nachdem dem Weltmeister von 2014 dabei zuletzt immer wieder Leichtsinnsfehler unterlaufen sind, hat ihn ein stets konzentrierter Urbig dabei vielleicht sogar schon überholt.
Hinter den beiden ist Sven Ulreich (37) die Nummer drei. Er war jahrelang ein zuverlässiger Neuer-Vertreter und wenn er seinen schweren privaten Schicksalsschlag überwinden kann, wird er auch seine neue Rolle so ausfüllen können. Torwart Nummer vier ist der erst 18-jährige FCB-Amateure-Keeper Leon Klanac, der selbst wiederum den U17-Weltmeister von 2023, Max Schmitt (19), verdrängt hat, der an SSV Ulm 1846 in die Dritte Liga verleihen wurde.
FCB-Abwehr
Hier gab es keine großen Veränderungen zur vergangenen Saison. Der ablösefreie Abgang des Engländers Eric Dier wurde durch den ablösefreien Zugang des deutschen Nationalspielers Jonathan Tah numerisch kompensiert. Zudem stellt dieser Tausch für das Anspruchsprofil im Spielsystem von Vincent Kompany definitiv ein Upgrade dar.
Wie in der letzten Spielzeit fallen wieder zwei wichtige Akteure zum Saisonstart aus. Waren es 2024 Josip Stanišić und Hiroki Ito, sind es dieses Mal wieder Ito und Alphonso Davies. Bitter: Dabei handelt es sich um die Nummer eins und zwei auf der Linksverteidigerposition. Besser als 2024: Die Verletzungen passierten in der abgelaufenen Saison und nicht zum Saisonstart, was bedeutet, dass die Comebacks früher als 2024/25 eingeplant werden können.
Das Fehlen von „Speedy Gonzalez“ Davies ist natürlich eine herbe Schwächung.
FCB-Innenverteidigung erstklassig, die Rechtsverteidigerposition gut besetzt
In der Innenverteidigung scheint der Rekordmeister sehr gut aufgestellt zu sein (auch wenn Mario Basler anderer Meinung sein mag): Wenn sie fit waren, haben Dayot Upamecano und Minjae Kim schon in der letzten Spielzeit sehr überzeugende Leistungen gezeigt. Im CL-Achtelfinale gegen Bayer Leverkusen (3:0; 2:0) waren sie sogar überragend.
Tah und Stanišić sind zwei erstklassige Alternativen, wobei die Stammformation aktuell Upamecano und Tah sein sollten.
Auf der rechten Außenverteidigerposition ist der Rekordmeister nicht überragend, aber definitiv sehr solide aufgestellt: Der österreichische Nationalspieler Konrad Laimer, eigentlich Mittelfeldakteur, hatte 2024/25 meist die Nase vorne, ein Mentalitätsspieler. Aber auch Stanišić wurde nach seiner langen Verletzung im Saisonendspurt immer stabiler. Der gebürtige Münchner ist flexibel quasi auf allen vier Defensivpositionen einsetzbar.
(Keine) Abschiedskandidaten und Nachwuchs
Nach dem Abgang von Adam Aznou ist der ehemalige portugiesische Nationalspieler Raphaël Guerreiro aktuell der einzige gelernte Linksverteidiger im FCB-Kader. Er wurde medial lange als Abschiedskandidat an der Säbener Straße gehandelt, aufgrund der Verletzungen von Davies und Ito wäre das aber keine gute Idee der FCB-Verantwortlichen.
Das gilt ebenfalls für Sacha Boey, dem lange Zeit das adäquate Level für den Rekordmeister abgesprochen worden war, der aber bei der Klub-WM seine bislang besten Leistungen für den FC Bayern zeigte.
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Ganz offiziell im Profi-Kader werden auch noch der sehr lange verletzte 20-jährige Tarek Buchmann und der erst 16-jährige deutsche Nationalspieler Cassiano Kiala geführt. Buchmann wird derzeit behutsam mit immer längeren Einsatzzeiten bei den FCB-Amateuren in den Spielbetrieb zurückgeführt. Ob es im Laufe der Saison für die Profis reichen wird oder ob er gar noch zum Zweitligisten nach Nürnberg ausgeliehen wird, ist völlig offen.
FCB-Mittelfeld
Sportvorstand Max Eberl hat sich bislang auch in diesem Mannschaftsteil an seine Vorgaben bzw. die des Vereins von vor über einem Vierteljahr gehalten: Es gibt nur „punktuelle Veränderungen“. So ist zum bestehenden Kader der 20-jährige deutsche Nationalspieler Tom Bischof dazu gekommen, während die im Kompany-System deplatzierte „Holding Six“ João Palhinha per Leihe an Tottenham Hotspur abgegeben wurde.
Neben Anführer Joshua Kimmich kämpfen mit Leon Goretzka, Bischof und Aleksandar Pavlović ausschließlich aktuelle deutsche Nationalspieler um die Plätze in der Startelf. Dabei scheint Pavlović der erste FCB-Pechvogel der neuen Saison zu sein: Er zog sich im Training eine Fraktur der Augenhöhle zu, wurde bereits operiert und fällt vorerst aus.
Im offensiven Mittelfeld sind noch das große Talent Paul Wanner (19) und auch der erst 18-jährige Campus-Spieler David Santos Daiber im Kader. Der Deutsch-Österreicher Wanner könnte von der schweren Verletzung von Jamal Musiala profitieren und eine wichtige Rolle spielen, wenn es tatsächlich nicht gelingen sollte, seinen U21- EM-Kollegen Nick Woltemade vom VfB Stuttgart loszueisen.
Die Offensive - seit Jahren „Europas Tormaschine“
In den vergangenen Spielzeiten - selbst in der völlig vermurksten Saison 2023/24 - stellte der FC Bayern regelmäßig den torgefährlichsten Angriff der europäischen Top-Ligen. Warum sollte sich daran in der anstehenden Saison etwas ändern?
Leroy Sané hat den Verein verlassen, Luis Díaz wird seine Position einnahmen, ein ziemlich ähnlicher Spielertyp, auch wenn das viele nicht so wahrnehmen (wollen). Beide nehmen für ihre Position erstaunliche Wege für Defensivaufgaben in Kauf.
Harry Kane - Michael Olise - Luis Díaz, dahinter (auf der Zehn) im Laufe der Saison Musiala, vielleicht bald Woltemade und auch Wanner: Das könnte eine furchteinflößende Offensive sein. Dazu Kingsley Coman, Serge Gnabry, aber auch die Campus-Spieler Lennart Karl (17) und Jonah Kusi-Asare (18).
Der Abgang der FCB-Ikone Thomas Müller: Quo vadis FCB?
Als Identifikationsfigur, als Vereinsikone, „Lautsprecher“ kann ein Thomas Müller von niemanden ersetzt werden. Der Fußball-Profi Thomas Müller jedoch seit ein, vielleicht sogar schon zwei Jahren definitiv. Seine Einsatzzeiten wurden - zurecht - immer weniger, obwohl er durch seine überragende Spielintelligenz immer noch wertvoll sein konnte. Aber bei Weitem nicht so wie zu seinen besten Zeiten.
2019 haben die beiden FCB-Legenden Franck Ribéry und Arjen Robben den Verein gemeinsam verlassen (müssen), die Situation der beiden war derjenigen von Müller nicht ganz unähnlich. Der deutsche Rekordmeister schien geschwächt und Untergangsszenarien machten die Runde. Es kam ganz anders: Nämlich sportlich gesehen das beste Spieljahr der Vereinsgeschichte: Triple, Sextuple!
Wie 2012/13 blieben die Bayern auch 2019/20 in den wichtigsten Saisonphasen vom Verletzungspech nahezu komplett verschont. 2024/25 war definitiv das Gegenteil der Fall. Was passiert 2025/26? Der Kader ist sehr gut, mit Woltemade wäre er noch ein bisschen besser. Kommen die Langzeitverletzten wieder in alter Topform zurück?
Kommen keine neuen dazu? Ach ja: Und Vincent Kompany ist genau der richtige Trainer dafür, wieder ein großes FCB-Erfolgskapitel zu schreiben.
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