Nagelsmann bei Nationalelf: Mehr Peitsche als Zuckerbrot
VonJan Christian Müller
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Warum Bundestrainer Julian Nagelsmann dem schwer erziehbaren Leroy Sané noch eine letzte Chance gibt.
Wolfsburg – Vor etwas mehr als zwei Jahren hat die deutsche Fußball-Nationalmannschaft zuletzt ein öffentliches Training im Frauenstadion des VfL Wolfsburg absolviert. Tags zuvor hatte es nebenan, in der Arena der Wolfsburger Männer, ein debakulöses 1:4 gegen Japan gegeben. Aber das Wetter war schön, es war zudem ein Sonntag, und so strömte die Bevölkerung gut gelaunt mit Sack und Pack raus in die Allerwiesen, wo sie von einem einigermaßen vergrätzten Hansi Flick empfangen wurde.
Das Dumme für Flick war zu diesem Zeitpunkt nur: Flick war da im Grunde schon kein Bundestrainer mehr. Während der arme Kerl noch öffentlich trainierte und sogar Autogramme verteilte, korrespondierte DFB-Präsident Bernd Neuendorf schon mit seinem Präsidium und feilte an der Pressemitteilung, die die Trennung von Flick beinhaltete und am selben Nachmittag veröffentlicht werden sollte.
Einige Rückschläge gab es schon
Bis zu diesem Montag ist die A-Nationalmannschaft seitdem nicht wieder in der Heimat des Hauptsponsors Volkswagen aufgetaucht. Schlechte Vibes. Aber da der Autobauer nicht knausrig ist und pünktlich seinen finanziellen Verpflichtungen nachkommt, musste die Entourage sich mal wieder in Wolfsburg blicken lassen. Die entscheidenden WM-Qualifikationsspiele in Luxemburg am Freitag (20.45 Uhr/RTL) und gegen die Slowakei in Leipzig am Montag (20.45 Uhr/ARD) sind der Anlass.
Der Bundestrainer heißt seit zwei Jahren Julian Nagelsmann. Der sitzt an diesem trüben Montag, an dem die Sonne sich gegen die tief hängende Wolkenschicht nicht durchsetzen kann, gut gelaunt in einem knallroten Trainingstop im etwas überheizten Presseraum des VfL Wolfsburg. Der 38-Jährige besitzt die Gabe, Fußball gut erklären zu können, da hatte Flick gewisse Defizite. Aber Nagelsmann hat, wie vorher Flick, schon ein paar schmerzliche Rückschläge erlebt. Ihm ist es jedoch, anders als Flick, gelungen, zwischenzeitliche schlechte Laune wieder abzustreifen. Von daher passt die Farbe Rot jetzt trefflich.
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Das hat damit zu tun, dass der deutsche Fußball derzeit keine Talente am Fließband entwickelt. Aber die wenigen, die sich bis zur WM im kommenden Sommer entwickeln könnten, hätte der Bundestrainer ganz gerne mal näher kennengelernt. Tom Bischoff (20, inzwischen FC Bayern) hat deshalb schon zum Aufgebot gehört und im Juni ein selbstbewusstes Debüt vollführt, Nathaniel Brown (22) von Eintracht Frankfurt folgte im Oktober, nun also Linksaußen El Mala.
Nagelsmann wies klar und deutlich darauf hin, dass er zu eiliges Hypen von Aufsteigertyen wie El Mala nach wie vor nicht gutheißt. Aber es reiche ihm nicht, solche Spieler nur zu scouten, „ich möchte sie in der Gruppe im Training sehen“. Diese Chance könnten bei der nächsten Maßnahme im März auch Leute wie Lennart Karl (17, FC Bayern) und Nicolo Tresoldi (19, FC Brügge) erfahren, die Nagelsmann allesamt ausdrücklich namentlich erwähnte.
Amiri fällt aus, Ouedraogo kommt nach
Wie auch Assan Ouedraogo, doch beim 19-Jährigen von RB Leipzig gings dann schnell. Er wurde direkt für den verletzten Mainzer Nadiem Amiri nachnominiert. Der Bundestrainer sorgt sich erkennbar, weil er auf den Außenpositionen Mängel im deutschen Spiel identifiziert hat.
Das ist der Grund, weshalb Leroy Sané mit fast 30 Jahren und trotz 70 oft unbefriedigend verlaufener Versuche im A-Team wieder zurückkehren darf. Verbunden mit einer eindringlichen Warnung: „Er weiß, dass es für ihn nicht mehr unzählige Chancen gibt, sich unter mir zu beweisen. Er ist ein Spieler, der alles kann, aber er muss auch alles bringen.“
Dadurch sind vor Nagelsmann schon die Herren Flick und Löw regelmäßig an den Rand des Wahnsinns getrieben worden. Auch der aktuelle Bundestrainer versucht es mit dem guten alten Hausmütterchen-Erziehungsprinzip „Zuckerbrot und Peitsche“. Mit mehr Peitsche als Zuckerbrot. Ob Sané jetzt spurt? Seine Zwischenbilanz bei Galatasaray: so lala. Man wird sehen.